Politik | Ausland
18.04.2017

"Ein geschwächter Präsident ist nie ein guter Präsident"

Analyse: Für Erdoğan ist das knappe Ja bloß ein "Pyrrhussieg". Die EU bleibt auf die Türkei angewiesen, sagt Krisenreporterin Antonia Rados.

Antonia Rados, RTL-Chefreporterin und KURIER-Gastautorin, verfolgt die Entwicklungen nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei. Der KURIER erreichte sie Montagnachmittag in Istanbul.

KURIER: Frau Rados, wie ist die Stimmung? Ist Erdoğan mit diesem Ergebnis geschwächt?

Antonia Rados: Die Stimmung ist gedrückt, beide Lager sind enttäuscht. Das Erdoğan-Lager wollte 60 Prozent erreichen. Erdoğan hat das Ziel verfehlt, das ist ein Sieg, der keiner ist. Die Gegner sind auch enttäuscht, weil sie so knapp verloren haben. Die Opposition war sehr gespalten, unorganisiert, und sie hatte keine klare Haltung. Es gab eine Ansammlung verschiedener Gruppen: Nationalisten, die Republikanische Partei, die Kurdenpartei HDP. Die Opposition hat eine Niederlage eingefahren, die ein kleiner Sieg ist. Erdoğan ist nur auf dem Papier ein Sieger. Für ihn ist es ganz sicher ein Pyrrhussieg.

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Wie geht es nun intern weiter in der Türkei?

Erdoğan hat jetzt eine kleine legale Mehrheit. Er will große Sachen bewegen, neue Projekte starten, unter anderem ein Referendum über die Einführung der Todesstrafe. Er hat sich viel vorgenommen, und man fragt sich, ob er mit der kleinen Mehrheit die Basis dafür hat, das zu tun.

Wie wird sich Erdoğan gegenüber der EU verhalten? Im Wahlkampf hat es harsche, inakzeptable Äußerungen gegeben.

Er hat Sonntagnacht eine Rede gehalten, und da war er eher gemäßigt gegenüber den Europäern. Man muss abwarten. Ein geschwächter Präsident ist nie ein guter Präsident. Ich glaube, dass alles möglich ist: Wird er ein pragmatischer Erdoğan, nachdem er erreicht hat, was er zehn Jahre lang wollte, nämlich der neue Atatürk zu werden? Der Präsident hat hier nie eine große Rolle gespielt. Jetzt hat er die große Rolle. Wird er ein Pragmatiker oder den bisherigen Kurs fortsetzen? Er ist immer beides: Er ist sehr geschickt, er kann gut reden, er kann überzeugen, er ist aber auch oft ein Pragmatiker. Man muss abwarten: Hat er das Ziel erreicht und macht pragmatische Politik, oder wird ihm das zu wenig sein? Das ist noch offen.

Wenige EU-Staaten, darunter Österreich, haben sich gegen die Türkei exponiert. Hat die hohe Zustimmung der Auslandstürken zu Erdoğan in Deutschland und Österreich damit zu tun?

Natürlich. Man soll sich keinen Illusionen hingeben und glauben, dass man die Türkei angreifen kann oder auch die Beitrittsverhandlungen aufkündigen soll. Wir vergessen immer: Die Türkei ist ein wichtiges Land. Europa braucht die Türkei mehr als die Türkei uns braucht. Wir brauchen die Türkei als Stabilitätsfaktor in der Region, die sehr instabil ist. Wir brauchen die Türkei als Land, das uns in der Flüchtlingsfrage und im Kampf gegen den Terror hilft. Und jeder, der glaubt, man kann mit der Türkei abschätzend umgehen, der irrt sich. Über das Wahlverhalten der Auslandstürken soll man sich nicht wundern. Wenn man sie so an die Wand drückt, dann werden sie irgendwo einen Halt und eine Identität suchen, das ist die Türkei. Mich wundert es nicht, dass es die größte Zustimmung für Erdoğan in Österreich, Deutschland, in den Niederlanden und in Frankreich gab.

Das Votum gilt es zu hinterfragen: Türken leben hier in Freiheit und Demokratie und stimmen für autoritäre Strukturen.

Das war eine demokratische Wahl, ob uns das gefällt oder nicht. Das muss man akzeptieren. Menschen wählten auch Donald Trump oder in Ungarn Viktor Orbán. Wir können den Türken nicht sagen, wen sie wählen sollen. Das Wahlverhalten ist zum Teil eine Reaktion darauf, wie die Europäer mit der Türkei umgehen. Ich halte das für falsch.