Der Instagram-Account wisdoms_of_vienna sammelt Raunzereien im öffentlichen Raum.

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Chronik Wien
02/12/2020

Wo das goldene Wienerherz raunzt

Sudern wird in Wien gepflegt – im neuen Beschwerdechor junior sogar von Kindesbeinen an.

von Stefanie Rachbauer

Wie schön wäre Wien ohne Wiener / So schön wie a schlafende Frau! / Der Stadtpark wär’ sicher viel grüner / Und die Donau wär’ endlich so blau!

Was der Sänger und Dichter Georg Kreisler in 1950ern im Lied „Wien ohne Wiener“ feststellte, gilt nach wie vor: Der (gelernte) Wiener liebt es zu raunzen, zu schimpfen und sich zu beschweren. So sehr, dass er diese Tätigkeit mancherorts regelrecht kultiviert.

Heute, Mittwoch, zum Beispiel, widmen sich sogar zwei Veranstaltungen dem gepflegten Sudern. Der KURIER weiß, was die Besucher dort erwartet – und wie man seinen Frust sonst noch herauslassen kann.

Nachwuchs für den Beschwerdechor

Der Künstler Oliver Hangl und der Chorspezialist Stefan Foidl bieten mit dem Wiener Beschwerdechor seit mittlerweile zehn Jahren ein Ventil für den hiesigen Grant. Die Gruppe sammelt online Beschwerden und vertont sie. Die Themen: zum Beispiel die Verbauung des Augartenspitzes, der Umbau der Mariahilfer Straße oder das Aufregen an sich.

Und das klingt dann so:

Nun bekommt der außergewöhnliche Sängerkreis Nachwuchs: Heute um 16 Uhr probt im Zoom Kindermuseum im Museumsquartier (7., Museumsplatz 1, Hof 2 des MQ) zum ersten Mal der Wiener Beschwerdechor junior.

„Wir wollen Kindern eine Stimme geben und ihre Beschwerden auf die Bühne bringen“, sagt Hangl im Gespräch mit dem KURIER. „In Zeiten von Greta Thunberg ist das wichtiger denn je.“

Vorbeikommen dürfen Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren – die Teilnahme ist kostenlos. Sängerische Vorerfahrung ist nicht erforderlich. Einzige Voraussetzung: Die Bereitschaft, mittwochs regelmäßig mitzuproben.

Sobald sich die Nachwuchs-Gruppe eingespielt hat, will Hangl gemeinsame Auftritte mit dem Erwachsenen-Chor auf die Beine stellen. Letzterer probt immer am Montag – einsteigen kann man allerdings nur im Herbst. Sein diesjähriges Jubiläum feiert der Wiener Beschwerdechor übrigens am 3. Oktober im Rabenhof Theater – mit einem großen Konzert.

Wettkampf der Protestierenden

Ebenfalls im Rabenhof Theater geht heute, Mittwoch, das Finale des diesjährigen Protestsongcontests über die Bühne. Zehn Künstler konnten die Vorauswahl für sich entscheiden und dürfen nun vor Publikum ihrem Unmut Luft machen.

Die Interpreten raunzen in ihren eingereichten Liedern über Umweltpolitik, Integration, Rechtspopulismus, Kinderarbeit und Gleichberechtigung. Die Tickets für die Veranstaltung sind – Oida! – zwar bereits weitgehend vergriffen.

Restkarten um 15 Euro können aber mit Glück unter service@rabenhof.at ergattert werden.Der Radiosender FM4 überträgt die Konzerte ab 20 Uhr live.

Sich am Beschwerdeklo erleichtern

Im Dezember hat es bereits in Neubau und in der Josefstadt Station gemacht, im Frühling kommt es zurück: das Wiener Beschwerdeklo. Das ist eine mobile Toilette, auf der man sich in jeder Hinsicht erleichtern kann.

Benutzer werden darin mit Gejammer beschallt, ihr eigenes Raunzen können sie mit einem Aufnahmegerät festhalten. Rund 70 Personen haben diese Möglichkeit bisher genutzt.

Einen fixen Standort hat das skurrile Klo nicht: Es tourt an Orte, wo es Grund zum Jammern gibt. Im Mai ist es wieder so weit, sagt Initiator Oliver Hangl.

Wo die Toilette genau aufgestellt wird, ist allerdings noch offen.

Raunz-Vokabular lernen

Wem noch die richtigen Wörter zum Sudern fehlen, der kann sich von einschlägiger Fachliteratur inspirieren lassen. Zum Beispiel von „Wiener Wut: Das Schimpfwörterbuch“. Richard Weihs hat darin 2.222 Kraftausdrücke gesammelt (12, 90 Euro, Pichler Verlag). „Schimpfen wie ein echter Wiener“ lehrt weitere Dialekt-Schmankerl (Holzbaum Verlag, 9,99 Euro).

2 Städte weltweit  haben unfreundlichere Bewohnerinnen und Bewohner als die Bundeshauptstadt, ergibt die Studie „Expat Insider“ 2019.

38 Prozent der Befragten empfinden die Wienerinnen und Wiener  als unfreundlich gegenüber Nicht-Einheimischen.
 
1 von 3 Befragten ist unzufrieden mit der Freundlichkeit der Wienerinnen und Wiener.

Überregional angelegt sind das „Handbuch der österreichischen Schimpfwörter“ (Ueberreuter, 14,95 Euro) und „Der kleine Wappler“ (Residenz Verlag, 3,90 Euro).

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