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Wissen Gesundheit
10/21/2020

Warum man sich heuer später gegen Grippe impfen lassen sollte

Die Grippe-Impfung sollen heuer besonders viele Menschen erhalten. Bei der Versorgung gibt es Probleme. Das sorgt für Verunsicherung.

von Marlene Patsalidis

Sind Sie schon grippegeimpft? Wenn ja, zählen Sie zu all jenen, die heuer bereits eine Impfdosis ergattern konnten. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen etliche Berichte über Bestell- und Lieferengpässe, die aufgrund der dieses Jahr wegen Corona massiv gesteigerten Nachfrage Politik, Behörden, Ärztinnen und Ärzten sowie Apothekerinnen und Apotheker beschäftigen.

Expertinnen und Experten sind sich jedenfalls einig: Influenza darf nicht auf Corona treffen. Zu groß wäre die Belastung für das Gesundheitssystem. Um das zu vermeiden, muss die Durchimpfungsrate in den kommenden Wochen und Monaten beträchtlich gesteigert werden.

Viele Impfaktionen haben bereits begonnen, dennoch sind bei manchen Bürgerinnen und Bürgern noch Fragen offen.

Was ist der Status quo in puncto Grippe-Impfung in Österreich?

Die Ausgangslage für die Grippe-Impfung ist hierzulande denkbar schlecht: "Was die Durchimpfungsrate betrifft, ist Österreich leider Schlusslicht in Europa. Sie lag in den vergangenen Jahren nur bei etwa acht Prozent", bedauert Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller (ÖVIH). Dies sei unter anderem der Tatsache geschuldet, dass es zwar eine Impfempfehlung im Österreichischen Impfplan dafür gebe, es aber bislang keine breiten öffentlichen Impfprojekte und Impfkonzepte gegeben habe – lediglich punktuelle von Ländern und diversen Institutionen.

Wegen der Corona-Pandemie rückt die Influenza-Impfung heuer stark in den Vordergrund. "Es gibt weltweit und auch in Österreich einen erhöhten Bedarf. Das ist eine Krux für die Hersteller", betont Gallo. "Warum? Weil sie nur limitierte weltweite und europaweite Quantitäten liefern können. Es können nicht unendlich viele Impfdosen produziert werden. Nicht zuletzt deshalb, weil im Februar jedes Jahr Herstellern von der Weltgesundheitsorganisation bekannt gegeben wird, welche Stämme auf der Nordhalbkugel für die Influenza verantwortlich sein werden. Dann muss es schnell gehen, damit der Impfstoff im August fertig ist und ausgeliefert werden kann."

Für welche Gruppen wird die Influenza-Impfung dieses Jahr besonders empfohlen?

Die Influenza-Zahlen schwanken jedes Jahr sehr stark. Im Schnitt wurden in den vergangenen Jahren österreichweit im Zusammenhang mit der saisonalen Grippe rund als 1.000 Todesfälle verzeichnet. Da die Grippe keine meldepflichtige Erkrankung ist, gibt es keine präziseren Zahlen.

"Die Grippe-Impfung ist grundsätzlich jedem zu empfehlen, der sich schützen will", sagt Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Abteilung für Impfwesen im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Ratsam sei diese insbesondere für Personen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf (Personen mit chronischen Erkrankungen, stark übergewichtige Menschen, Schwangere, immunsupprimierte Patientinnen und Patienten und Personen ab dem 60. Lebensjahr). Auch Personen im Umfeld von Risikogruppen sollten möglichst flächendeckend geimpft werden.

Wesentlich ist eine Immunisierung auch für Personen, die aufgrund ihrer Lebensumstände ein erhöhtes Risiko für eine Ansteckung haben: Etwa Pädagoginnen und Pädagogen, Bedienstete in Alten- und Pflegeheimen, Personal im Gesundheitswesen und Personal mit häufigem Publikumskontakt (Tourismus, Gastronomie, Friseure etc.).

Warum sollte die Influenza-Impfung heuer später erfolgen?

Bisher sind rund 1,8 Millionen Impfdosen ins Land gelangt. Bis zum Ende der Saison wird Österreich voraussichtlich noch mehr Dosen erhalten. "Das bedeutet nicht, dass wir diese Mengen jetzt schon in den Lagern haben", betont Paulke-Korinek. Gallo-Daniel dazu: "Es wird sukzessive Auslieferungen geben, wir werden nicht alles jetzt haben und bis zum Ende der Saison damit auskommen, sondern es kommt immer wieder was nach. Wir brauchen also alle etwas Geduld, wenn wir nicht gleich zu einem Impfstoff kommen."

Bis dato zirkulieren zudem noch keine Influenza-Viren in Europa. Die Grippewelle wird gewöhnlich im Jänner ausgerufen. "Heuer gehen wir durch die Covid-Maßnahmen davon aus, dass sie etwas später ausbrechen und womöglich etwas milder verlaufen wird als in den vergangenen Jahren. Die Empfehlung ist daher, sich Mitte bis Ende November impfen zu lassen, damit der Schutz über die ganze Saison gegeben ist", sagt Gallo-Daniel. Eine Impfung ist auch dann noch sinnvoll, wenn die Viren schon zirkulieren.

Wie kommt man zu einem Impfstoff?

Bis dato erfolgte in Österreich für die Grippe-Impfung keine Kostenübernahme. "Jeder, der sich impfen lassen wollte, musste den Impfstoff selbst bezahlen", sagt Gallo-Daniel.

Während die Influenza-Impfung bisher also fast ausschließlich als Privatimpfung verfügbar war, gibt es heuer mehrere Versorgungsschienen. "Heuer können seitens des Bundes erstmals kostenlos Impfungen verabreicht werden", sagt Paulke-Korinek. Ein kostenloser nasaler Influenza-Impfstoff steht für Kinder zwischen dem ersten und dem 15. Lebensjahr zur Verfügung. "Ziel ist hier der schützende Herdeneffekt, denn Kinder sind der Motor der Grippe-Epidemie", sagt Paulke-Korinek. Durch die kostenlose Impfung der Kinder sollen Todesfälle und Ansteckungen in der breiten Bevölkerung verringert werden. Auch in Alten- und Pflegeheimen werden zumindest beschränkt zusätzliche Impfdosen bereitgestellt. Dies sei eine wichtige und wertvolle Ergänzung zu Impfungen am Privatmarkt.

Welche Ärztinnen und Ärzte dürfen die Impfung dieses Mal verabreichen?

Alle Ärztinnen und Ärzte dürfen heuer unabhängig von ihrer Fachrichtung Menschen impfen. "Der Kinderarzt darf also beispielsweise auch Großeltern und Eltern impfen", sagt Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferats der Österreichischen Ärztekammer. Den niedergelassenen Ärzten wurden bisher zu wenige Dosen zugeteilt, kritisiert er, "und das, obwohl es noch nie so viele verfügbare Impfstoffdosen gab".

Schmitzberger verortet die Gründe dafür weniger in der Bestelllogistik und vielmehr der Verteilungsstrategie. Gratis-Impfaktionen, vor allem jene in Wien, würden hier mit dem Privatmarkt und falschen vorab ventilierten Versprechungen flächendeckender Impfungen kollidieren. Er fordert für die Zukunft eine bessere Zusammenarbeit und Absprachen zwischen Bund, Ländern und der Ärztekammer. "Es stehen – nicht zuletzt wegen der großen Gratis-Impfaktion in Wien – nicht ausreichend Impfstoffe zur Verfügung, die Ärzte müssen also vorsichtig mit den Impfstoffen haushalten. Die Probleme liegen weniger in der geringen Bestellmenge, als in der Verteilungslogistik."

Trotz aller Bemühungen könnte dieses Jahr erstmals der Fall eintreten, dass nicht jeder Impfwillige eine Dosis erhalten kann. "Hier kommt den Ärzten eine besondere Verantwortung zu. Es müssen vorrangig Risikogruppen geimpft werden. Wir müssen Patienten unter Umständen anraten, zugunsten von anderen auf die Impfung zu verzichten. In der Hoffnung, dass später im Jahr noch weitere Impfdosen verfügbar sein werden", sagt Schmitzberger. Das ärztliche Handeln bleibe Kernaspekt jeder Impfaktion.

Was ist jetzt zu tun?

"Sowohl Covid-19 also auch die Grippe können ab einem Alter von etwa 60 Jahren tödlich verlaufen", mahnt Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Bei einem nicht funktionierenden Gesundheitssystem verschärfe sich die Problematik. "Die kritische Zeit ist die nach den Ferien, insbesondere nach den Weihnachtsferien und Semesterferien. Das ist die Zeit, in der wird die Bevölkerung schützen müssen vor der Grippe", sagt Wenisch und formuliert einen Appell: "Wenn wir die Grippe in Schach halten könne, können wir uns besser um die Covid-Patienten kümmern. Machen Sie sich also gleich für November einen Termin aus und leisten Sie einen entsprechenden Beitrag. Und seien Sie hartnäckig, wenn es mit der Terminvereinbarung nicht gleich klappt."

Eine gute Nachricht zum Schluss: Daten aus Australien geben Anlass zur Hoffnung, dass die Grippesaison in unseren Breiten eher mild verlaufen könnte. Die Südhalbkugel gilt traditionell jedes Jahr als Barometer für die Heftigkeit der Influenza. Und dort gab es heuer nur eine schwache Grippewelle.

Die Covid-Maßnahmen scheinen auch den Grippe-Erreger in Schach gehalten zu haben. Der entwickelte Impfstoff scheint zudem gut zu wirken. Ob es im Norden auch so kommt, hängt aber nicht zuletzt davon ab, wie stark das wandlungsfreudige Grippevirus heuer mutiert.

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