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Wissen Gesundheit
06/18/2020

Warum der Grippe-Impfstoff heuer knapp werden könnte

Experten befürchten Engpass. Auch Corona könnte Auswirkungen auf die Influenza-Saison haben.

von Ingrid Teufl

 Nach der ersten Coronawelle ist vor der nächsten Grippewelle: Jetzt warnen Impfstoffhersteller und auch die WHO vor einem weltweiten Engpass bei Grippe-Impfstoffen. Heuer könnten sich mehr Menschen als üblich impfen lassen – sensibilisiert durch die Pandemie.

Manche Länder, etwa Großbritannien, Deutschland oder Spanien überlegen bereits Massenimpfungen. Ein Zusammentreffen einer Grippe- und einer weiteren Coronawelle soll vermieden werden. Warum, erklärt Monika Redlberger-Fritz, Virologin an der MedUni Wien: „Wir wissen, dass die Grippewelle alljährlich das Gesundheitssystem belastet. Wenn noch eine Coronawelle dazukommt, kann es an seine Kapazitätsgrenzen kommen.“

Nicht unbegrenzt verfügbar

Nun ist aber der Impfstoff gegen die aktuell zirkulierenden Influenza-Viren nicht unbegrenzt verfügbar. Das liegt an einer relativ kurzen Haltbarkeit und einem komplexen Herstellungsprozess. „Diesen beherrschen nur wenige Impfstoff-Hersteller“, erklärt man bei der Pharmig (dem Verband der pharmazeutischen Industrie) die begrenzten Produktionskapazitäten. Ein Sprecher des Pharma-Konzern Sanofi hatte kürzlich im britischen Guardian gesagt, dass seine Firma etwa 20 Prozent zusätzlich produzieren könne.

Von einem erhöhten Bedarf in diesem Jahr geht auch die Pharmig aus. „Es wird größere Mengen für Österreich geben als in den vergangenen Jahren notwendig waren.“ Man rechne „vorsorglich“ mit ungefähr „plus 20 Prozent“.

Keine genauen Zahlen

Auf welchen Zahlen diese Schätzungen basieren, lässt sich allerdings nicht sagen. Was die Bestellungen für den öffentlichen Bereich betrifft, werden auf Basis eines Rahmenvertrages für drei Jahre 300.000 Impfdosen bestellt, bestätigt man bei der zentralen Bundesbeschaffungsgesellschaft. „Für die kommende Saison liegt die bestätigte Menge bei rund 5.000 bis 10.000 Dosen über den bisherigen durchschnittlichen Mengen pro Impfsaison“, sagt eine Sprecherin. Routinemäßig hat die BBG zeitgereicht im Jänner 2020 vor der kommenden Impfsaison die benötigte Menge bei den öffentlichen Auftraggebern abgefragt. Die Corona-Pandemie trat aber erst im März auf.

Durchimpfungsrate erhöhen

Fest steht derzeit: Die Durchimpfungsrate von derzeit acht Prozent soll erhöht werden, sagt ein Sprecher von Gesundheitsminister Rudolf Anschober. „Wir befinden uns seit Ende März im engen Austausch mit Apothekern, Herstellern und dem Großhandel, um ein möglichst großes Kontingent für Österreich zu sichern.“

Fakt sei dennoch, dass die Hersteller ihre Planungen in der Regel 1,5 Jahre im Voraus abschließen. „Daher gestalten sich kurzfristige Aufstockungen im Volumen der vorhandenen Dosen als schwierig“, so der Sprecher. Influenza-Impfstoffe fallen in Österreich derzeit in den Bereich des Privatmarktes, heißt es. „Seitens der Hersteller wurde uns versichert, dass jedenfalls die Anzahl der Dosen aus dem letzten Jahr wieder zur Verfügung stehen wird.“ Für die Aufnahme der Influenza-Impfung in das Gratis-Kinderimpfprogramm gehe man derzeit von der Sicherung von 200.000 zusätzlichen Impfdosen für die Altersgruppe „2 bis 5 Jahre“ aus. „Dazu laufen bereits Gespräche mit Ländern und Sozialversicherung. Wir gehen von einem positiven Abschluss aus.“

Impfstoffproduktion läuft bereits

Die Impfstoff-Produktion startet im April/Mai, das macht eine zeitgerechte Bestellung notwendig, betont man bei der Pharmig. „Wird ein Mehrbedarf nicht zeitgerecht festgelegt, orientieren sich die Mengen an den Durchimpfungsraten des Vorjahres.“ Auch bei der Österreichischen Apothekerkammer wird bestätigt, dass die Produktion der Impfstoffdosen auf den Erfahrungswerten der vergangenen Jahre beruht. Bestellungen im Nachhinein zu erhöhen, gestalte sich schwierig. Ausgebrochen sei die Pandemie zu einem Zeitpunkt, an dem die Produktion schon angelaufen sei. Man werde nun genau beobachten, wie sich die Spezialsituation entwickelt.

Die Zusammensetzung des Impfstoffs muss jedes Jahr neu erfolgen, da sich die kursierenden Virenstämme immer verändern. Auf dieser Basis gab die WHO Ende Februar eine Empfehlung welche Virenstämme in einem Impfstoff enthalten sein sollten.