Ein Passant mit Schutzmaske während der Covid-19-Pandemie.

© Kurier/Jeff Mangione

Wissen Gesundheit
05/14/2020

Gondel bis Chor: Wo genau sich die Österreicher mit Corona angesteckt haben

Eine neue Analyse der AGES zeigt, wo sich das Coronavirus im Land am häufigsten verbreitet hat. Was die Hotspots ausmacht – und wie gefährlich sie derzeit sind.

von Marlene Patsalidis, Elisabeth Mittendorfer

Wo haben sich die meisten Österreicher infiziert? Die AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) hat von 15.751 bestätigten Infektionsfällen (Stand 8.5.) 4.041 untersucht und ausfindig gemacht, wo sich die Erkrankten angesteckt haben. Diese zusammenhängenden Fallhäufungen werden Cluster genannt. Insgesamt konnten 194 dieser Cluster elf unterschiedlichen Settings zugeordnet werden (siehe Grafik unten).

Dem Setting Freizeitaktivität und Haushalt wurden nur drei Cluster zugeordnet, diese umfassen mit 1.088 Ansteckungen aber die meisten Infektionsfälle. 59 Cluster und 1.079 Infektionsfälle wurden in dem Setting Senioren- oder Pflegeheim identifiziert, das sind 26,7 Prozent aller analysierten Fälle.

Kein einziger Cluster konnte Schulen – auch vor den Schulschließungen – zugeordnet werden. Auch im öffentlichen Verkehr und in Geschäften wurden keine Ansteckungen nachgewiesen. Eine stetige Clusteranalyse, wie sie die AGES betreibt, ist wichtig, um im Fall von erneut steigenden Infektionszahlen die richtigen Maßnahmen ableiten zu können.

Freizeit

Etliche Erkrankungen lassen sich laut AGES auf Freizeitaktivitäten wie Wintersport (Stichwort Ischgl), Zugehörigkeit zu einem Chor oder Musikverein oder den Besuch eines Fitnessstudios zurückführen.

Die Skigondel ist in puncto Corona ein Phänomen für sich. Denn: Je kleiner ein Raum, desto größer die Ansteckungsgefahr. "In eine Gondel quetschen sich viele Menschen, es gibt oft nur kleine Lüftungsschlitze. Wegen der Umgebungsgeräusche spricht man lauter, scheidet über Mund und Rachen mehr Tröpfchen aus", beschreibt Miranda Suchomel, Hygienikerin von der MedUni Wien. Im Prinzip sei die Situation mit jedem Aufzug vergleichbar – "wobei man dort deutlich weniger Zeit verbringt, „und eine flüchtige Begegnung in der Regel nicht ausreicht, um sich anzustecken".

Im südkoreanischen Seoul wurden dieser Tage Bars und Clubs wegen neuer Fälle geschlossen. Diese Lokalitäten sind laut Suchomel vom Gefahrenpotenzial her durchaus mit Gondeln vergleichbar: "Enger Raum, wahnsinnig viele Leute, die sich in feuchtfröhlichem Zustand anbrüllen – optimale Bedingungen für das Virus."

Zum Restaurantbesuch, wo man geordnet an einem Tisch sitzt, gebe es wenig Parallelen. Die Öffnung von Restaurants bei gleichzeitigem Geschlossenhalten von Nachtlokalen hält die Expertin vom Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie daher derzeit für sinnvoll.

Bereits Anfang März wurden mehr als die Hälfte der 44 Mitglieder des Gesangsvereins St. Georgen an der Gusen positiv auf Covid-19 getestet. "Bei gebotenem Abstand ist gemeinsames Singen an sich wenig problematisch", sagt Suchomel. Kirchen oder Musiksäle seien zudem meist riesige Räumlichkeiten mit großem Luftvolumen. "Versammelt man sich im Chor dicht um ein Klavier, begünstigt das Ansteckungen durch den Tröpfchenausstoß enorm."

Dass es auch in Fitnessstudios zu Infektionen gekommen ist, ist für Norbert Nowotny, Virologe an der Vetmeduni Wien, "kaum verwunderlich. Wir wissen, dass die Gefährdung beim Indoor-Sport deutlich höher ist als beim Sport im Freien." Während des Trainings im Fitnessstudio ist die Atemfrequenz höher, man atmet intensiver – damit steigt auch die Chance etwaige Viruspartikel auszuatmen.

Durch eine Begrenzung der Anzahl Trainierender und Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln "wird man jedoch auch das Infektionscluster Fitnessstudio in Griff bekommen". Sollte sich der momentane positive Trend bei den Infektionszahlen in Österreich fortsetzen, könne auch dort bald wieder "mehr Normalität einkehren".

Der Besuch von Großveranstaltungen – etwa Theateraufführungen, Freiluft-Konzerte oder große Sportveranstaltungen – birgt noch ein gewisses Risiko, warnt Nowotny: "Derzeit ist etwa jeder 6.000 infiziert. Bei Großveranstaltung mit weit über 10.000 Besuchern ist die Gefahr also potenziell gegeben. Hier sollte man noch etwas zuwarten, bis die Menge an zirkulierendem Virus in der Bevölkerung noch geringer geworden ist."

Arbeitsplatz

Das Ansteckungsrisiko am Arbeitsplatz bestimmt die Anzahl der Menschen im Verhältnis zum Platzangebot, sagt Suchomel. Die Möglichkeiten zu lüften reduziere das potenzielle Risiko. Bei Oberflächen, die viel angegriffen werden, beispielsweise der Kaffeeautomat oder Liftknöpfe, sei eine normale Reinigung ausreichend, den eigenen Bürotisch großflächig zu desinfizieren nicht notwendig. "Viel relevanter ist, dass Mitarbeiter die Handhygiene einhalten und geeignetes Handdesinfektionsmittel verwenden. Plexiglasscheiben können als Spuckschutz sinnvoll sein."

Haushalt

Auch in privaten Haushalten kam es laut AGES-Analyse zu Infektionen. Wie groß ist das Ansteckungspotenzial derzeit einzuschätzen? Suchomel: "Schon während des Lockdowns mussten Personen zum Arbeiten nach draußen – und haben das Virus so womöglich mit nach Hause gebracht." Mit dem Hochfahren des öffentlichen Lebens passiere dies nun in gesteigertem Maß. "Deswegen ist es wesentlich, dass man die Hygienemaßnahmen bei und nach Aufenthalten im Freien nicht vernachlässigt und auf Abstand geht."

Wer mit Menschen zusammenlebt, die zur Risikogruppe zählen, sollte sich Strategien für den Ernstfall überlegen: "Etwa, ältere Menschen für 14 Tage räumlich zu isolieren, Badutensilien nicht gemeinsam zu verwenden und Sicherheitsmaßnahmen wie das Tragen von Masken auch zu Hause zu verfolgen."

Senioren- und Pflegeheime

Zu einem beträchtlichen Anteil der Ansteckungen, rund einem Drittel, kam es in Senioren- und Pflegeheimen. Suchomel: "Die gehäuften Corona-Infektionszahlen in Senioren- oder Pflegeheimen haben damit zu tun, dass dort viele Menschen mit geschwächtem Immunsystem zusammenleben." Hinzu komme, dass die Bewohner oft über längere Zeit in Aufenthaltsräumen zusammensitzen, weniger an der frischen Luft sind, das Virus eventuell über Speichelfluss verstärkt ausscheiden und mit der Personal in engem Kontakt stehen.

Hierzulande scheint es aber gut gelungen zu sein, Bewohner und Personal zu schützen. Laut Statistik Austria haben sich die Todesfälle in den entsprechenden Einrichtungen im ersten Quartal 2020 nicht signifikant gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres geändert. Um die Gefahr für die Risikogruppe weiterhin gering zu halten, sollten Besuche unter Schutzmaßnahmen – sprich, unter Terminvereinbarung und begrenzten Zeiten, mit Mund-Nasen-Schutz, einzeln und idealerweise im Freien – stattfinden.

Reisen

Ein Blick auf den zeitlichen Verlauf der AGES-Cluster zeigt: Zu Beginn der Pandemie spielte der "Import" von Infektionen die wichtigste Rolle. Dazu zählten Reisen ins Ausland, von Individuen und Reisegruppen sowie der Kontakt zu ausländischen Touristen in Österreich. Erst nach dem Shutdown konnten keine aus dem Ausland importierten Covid-19-Fälle mehr verzeichnet werden.

Die EU-Kommission hat am Mittwoch Leitlinien veröffentlicht, die unter anderem ein geordnetes Vorgehen bei der Grenzöffnung, ausreichend medizinische Kapazitäten für Tests und die Isolationen von Infizierten in Urlaubsorten und – je nach Reiseart – verschieden gestaltete Sicherheitskonzepte umfassen.

"Eine gute Initiative", findet Nowotny. "Dass diese Regeln europaweit koordiniert werden, halte ich für sehr sinnvoll. In Länder zu reisen, in denen die Gefahr wie in Österreich schon sehr gering ist, halte ich für sicher. Dass es durch die Lockerung der Reisebeschränkungen erneut zum Import von Infektionen kommen kann, kann man nicht ausschließen. Hier gilt es schnell zu reagieren und die Infizierten mitsamt ihrem Umfeld zu isolieren." Suchomel fügt hinzu: "Je weniger Kontakt man mit Mitreisenden hat, umso besser. Auf Fernreisen reist das Virus sicherlich am ehesten mit."

Schulen

Kinder sind laut AGES signifikant wenig betroffen. Wenn, dann seien sie als Infizierte Teil von Haushaltclustern, wobei Kinder nicht als Ansteckungsquellen in Familien fungierten. Ob die Schulen wirklich keinerlei Rolle im Infektionsgeschehen spielen, sei nach wie vor nicht vollends geklärt, so die Experten. "Die Schule als Infektionsort zu bestimmen ist ungemein schwieriger, als etwa in Altersheimen, wo sich Menschen dauerhaft aufhalten. Je mehr Menschen unterwegs sind, desto schwieriger ist, es festzustellen, wo sich der Einzelne angesteckt hat", gibt Suchomel zu bedenken. Infizierte werden bei Clusteranalysen zwar genau nach ihren Alltagstätigkeiten und Kontakten befragt. Ansteckungen über flüchtige Begegnungen sind aber kaum rekonstruierbar.

Öffis

Ähnlich verhält es sich beim öffentlichen Verkehr oder Geschäften, wo ebenfalls keine Ansteckungen nachgewiesen werden konnten. Virologe Nowotny: "In Öffis, egal ob Bus, Zug, Bahn oder Tram, würde ich aktuell aber auch ohne Infektionsnachweis vorsichtig sein." Weil viele zu ihrem Arbeitsplatz zurückkehren und sich die Öffis wieder füllen, könne der Sicherheitsabstand nicht immer eingehalten werden, "weshalb das Tragen eines Mund-Nasenschutzes noch immer wichtig ist".