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Wissen Gesundheit
05/14/2020

Züge, Innenräume: Die Klimaanlage ist keine Keimschleuder per se

Es braucht intelligente Frischluft-Systeme. Zudem gibt es neue Technologien zur Luftdesinfektion.

von Ernst Mauritz

„Auch heute hört man noch, dass Lüftungs- und Klimaanlagen Keimschleudern sind“, sagt Peter Tappler, Sachverständiger für Schadstoffe in Innenräumen, und schickt voraus: „Aber das entspricht schon lange nicht mehr der Realität.“ Seit 10 bis 15 Jahren seien sogenannte Frischluftanlagen Standard, bei denen die zugeführte Luft ausschließlich aus dem Außenbereich stammt – und nicht mit Raumluft vermischt wird.

Die ÖBB-Railjets etwa verfügen über sogenannte „intelligente Klimaanlagen“, das bedeutet, dass sich die Frischluftzufuhr entsprechend den im Zug befindlichen Fahrgästen anpasst. Bedenklich könnten aber unter Umständen Umluftanlagen (nur ein Teil der zugeführten Luft ist Frischluft, der andere durch die Anlage transportiere Umluft) oder Einzelraumklimageräte sein, bei denen Luft in einem Raum umgewälzt wird.

Was Wohnräume betrifft sagt Tappler: „Umluftklimaanlagen sind aber nur noch selten in Verwendung.“

Generell gilt: In Summe sei eine Lüftung immer besser als keine. Tappler: „Die Abstandsregeln sind trotzdem wichtig: Wo nicht von oben nach unten belüftet wird, könne etwa in Lokalen der Luftzug von einem Tisch zum nächsten gehen.“ Das sei ein Risikofaktor, den man nicht vermeiden kann. „Es kommt aber immer zu einem Verdünnungseffekt.“

Neue Technologien

Unterdessen gibt es immer mehr Ideen zur Desinfektion der Luft: So hat die Biotech-Firma CuraSolutions Wasserstoffperoxid in kugelförmige Molekülkomplexe aus Pflanzenextrakten (Mizellen) verpackt. Dadurch soll die Wirkung unbedenklicher Konzentrationen von Wasserstoffperoxid auf Krankheitserreger deutlich verstärkt werden. In einer Studie der Uni-Klinik für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle der MedUni Wien konnten Bakterien in einem wässrigen Biofilm (Schleimschicht) abgetötet werden. Daten für Viren gibt es aber nicht. Die Firma Disinfect plus setzt indes auf einen feinen Trockendampf (Kaltvernebelung) aus einer Mischung aus Wasserstoffperoxid und Silberionen – und verweist auf wissenschaftlichen Studiendaten.

„Natürlich sind Fenster öffnen und Belüftungsanlagen die besten Methoden“, so Hygienefacharzt Ojan Assadian. „Aber in Räumen, die schlecht be- und entlüftbar sind, kann man solche Verfahren überlegen. Es ist aber nicht zielführend, solche Geräte in jeden Haushalt zu stellen.“ Skeptisch zeigen sich die Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, Hanns Moshammer (beide MedUni Wien) und Innenraumanalytiker Tappler: „Das Vernebeln von Wirkstoffen wie Wasserstoffperoxid in Innenräumen wie Büros oder Wohnungen ist in keinem Fall erforderlich und bringt keine merkbare Verbesserung der Situation.“ Vom permanenten Vernebeln werde dringend abgeraten. Sie führen auch gesundheitliche Bedenken ins Treffen.

Ein weiteres Verfahren ist Luftentkeimung mit UV-C-Strahlung – Geräte im Raum saugen Luft an, sie wird im Gerät bestrahlt und ausgeblasen. Untersuchungen in deutschen Arztpraxen hätten eine Reduktion von Pilzen und Bakterien um 60 bis 100 Prozent gezeigt, heißt es bei der Firma Bamatek. „Dass das SARS-CoV-2-Virus UV-empfindlich ist, ist bekannt, aber ob die Wirkung ausreichend ist, ist nicht gesichert“, sagt Hutter. Generell meint er: „Man darf sich auf solche Technologien nicht verlassen. Entscheidend ist, dass es einen Luftwechsel gibt.“