Kurz nach der Covid-19-Impfung können  temporär harmlose Impfreaktionen auftreten.

© APA/AFP/TT NEWS AGENCY/JOHAN NILSSON

Wissen Gesundheit
11/11/2021

Fakten in unsicheren Zeiten: Was die Covid-Impfstoffe können

Moderna wird vielerorts nicht mehr an Junge verimpft, neue Impfstoffarten könnten zugelassen werden, Impfdurchbrüche nehmen zu. Viele fragen sich: Wie wirksam und sicher sind die Corona-Vakzine (noch)?

von Marlene Patsalidis, Elisabeth Gerstendorfer

Kein Tag ohne Corona-Neuigkeit. Insbesondere in puncto Impfungen überschlagen sich teilweise die Ereignisse. Gleichzeitig schrauben sich die Infektionszahlen in die Höhe, Intensivbetten und- personal werden knapp – mehr Erst- und Drittimpfstiche müssen laut Experten her, um die vierte Welle beherrschbar zu machen.

In unsicheren Zeiten haben Zweifel und Ängste Hochkonjunktur. Der KURIER fasst zusammen, was als gesichertes Wissen gilt.

Welche Durchimpfungsrate muss das Ziel sein?

Vergleicht man die Durchimpfungsraten verschiedener Länder mit der Wucht der vierten Welle, zeigt sich derzeit ein eindeutiges Bild, erklärt Kollaritsch: "Es ist geradezu unanständig, wie eng die Durchimpfungsraten und die Entwicklung der Neuinfektionszahlen zusammenhängen." In Nationen mit hohen Raten (über 70 Prozent), den Vereinigten Arabischen Emiraten, Spanien oder Italien, seien die Infektionszahlen auf deutlich niedrigerem Niveau als in Ländern – wie etwa Österreich – mit Raten um die 60 Prozent. Ausreißer ist Großbritannien: "Das liegt daran, dass dort früher als in Kontinentaleuropa mit dem Impfen begonnen wurde und hier das Schwinden der Impfimmunität bei den am Beginn Geimpften durchschlägt." Der Schwellenwert "für eine stabile Lage dürfte bei etwa 75 Prozent Durchimpfung in Zeiten von Delta liegen".

Das RKI empfiehlt eine Quote von 80 Prozent, um weitgehend auf Maßnahmen verzichten zu können. Drosten betont, dass es zwei Wege gibt, die zu einer Verbesserung der Infektionslage führen: Einerseits eine hohe Impfquote, andererseits eine niedrigere Impfquote, wie in Großbritannien, wo sich viele Menschen auf natürlichem Weg infizierten, es aber auch zu vielen Todesfällen kam.

Einige Expertinnen und Experten betonen, dass sich möglichst viele impfen lassen sollten, andere werden durch die Erkrankung Immunität erlangen. "Es wird einen Punkt geben, wo praktisch jeder und jede geimpft oder genesen ist", sagt Virologin Dorothee von Laer. Inwieweit eine Durchseuchung, durch die es auch zu schweren Erkrankungen und Todesfällen kommt, zugelassen oder durch Maßnahmen abgefangen wird, ist eine politische Entscheidung.

Der Totimpfstoff von Valneva könnte in einigen Monaten in der EU verimpft werden. Wie unterscheidet er sich von mRNA-Vakzinen?

Menschen, die mRNA-Impfstoffe scheuen, setzen Hoffnung in den Totimpfstoff von Valneva, der auf einer bewährten Technologie basiert. Es werden inaktivierte, abgetötete, vermehrungsunfähige Viren eingesetzt, die das Immunsystem zur Antikörperbildung anregen, ohne dass die Krankheit ausbricht. Dieser Prozess wird auch mit mRNA-Impfstoffen angestoßen. Allerdings wird dem Körper dabei ein kleiner, künstlich hergestellter Teil des genetischen SARS-CoV-2-Bauplans zugeführt. Zellen nehmen die Anleitung auf und produzieren Spike-Proteine, die das echte Virus nutzt, um Zellen zu infizieren. Die hergestellten Proteine treffen im Blut auf Immunzellen – Antikörper werden gebildet. Die mRNA geht dabei nicht in das menschliche Erbgut über.

Die modernen Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer sind tatsächlich die ersten zugelassenen Vakzine dieser Art, erforscht wird die Technologie aber schon seit rund 30 Jahren, vor über zehn Jahren wurden erste klinische Studien für die Krebstherapie beim Menschen durchgeführt. Die Pandemie hat der Entwicklung den entscheidenden Schub verpasst.

Wie wirksam sind die Vakzine gegen Delta?

Aktuellste Daten belegen, dass die Covid-19-Impfstoffe auch vor der Delta-Variante schützen. Konkret bieten sie laut dem deutschen Robert Koch-Institut (RKI) eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent gegen schwere Erkrankungen und 75 Prozent gegen symptomatische Delta-Infektionen. Dazu braucht es allerdings eine Vollimmunisierung sowie eine Auffrischung nach sechs Monaten, in Ausnahmefällen (etwa bei Risikopersonen) auch früher. Der Impfschutz lässt mit der Zeit nach, durch den Booster steigt er wieder an, zeigen Studien.

Die Delta-Variante kann zwar auch unter Geimpften weitergegeben werden, schwere Verläufe sind bei ihnen aber seltener. Der deutsche Virologe Christian Drosten hält es für problematisch, dass Geimpfte das Virus – wenn auch seltener und für kürzere Zeit als Ungeimpfte – weitergeben können. Delta habe die Karten neu gemischt und zu den höchsten Infektionszahlen seit Pandemie-Beginn geführt. Langfristig müsse das Ziel "eine dreifach komplett durchgeimpfte Bevölkerung" sein.

Warum wird die Wirksamkeit immer wieder kontrovers diskutiert?

Behörden wie das RKI beschäftigen sich eingehend mit der Bestimmung der Impfwirksamkeit, sagt der Physiker Dieter Süss von der Uni Wien. "Leider stößt man im öffentlichen Diskurs aber immer wieder auf verzerrende Berechnungen." Ein Paradefehler sei, sich anzusehen, wie viele Hospitalisierungen es in einer gleich großen Gruppe von Geimpften und Ungeimpften gibt und daraus die Wirksamkeit abzuleiten. "Diese beiden Gruppen unterscheiden sich demografisch stark. Die Geimpften sind meist älter, die Ungeimpften jünger. Aus diesem Vergleich kann nicht auf die Impfwirksamkeit geschlossen werden."

Süss nennt ein Extrembeispiel: "Wir haben 100.000 ungeimpfte Kinder plus 100.000 geimpfte Senioren. Im Krankenhaus landen in der Impfgruppe zehn Senioren und in der Gruppe der Ungeimpften ein Kind. Ohne Berücksichtigung des altersbedingten Risikos würde man also errechnen, dass die Impfung das Hospitalisierungsrisiko zehnfach erhöht – was offensichtlich falsch ist."

Der Anteil der Geimpften an Covid-Spitalspatienten werde oft auch ohne Hinweis dargestellt, "dass dieses Verhältnis anwächst, je mehr Menschen geimpft sind". Das passiere auch, "wenn die Infektionswelle bei der jüngeren Bevölkerung beginnt und danach in die ältere übergreift, weil infolge im Verhältnis mehr Ältere hospitalisiert werden, die wiederum eine höhere Durchimpfung haben".

Wie sicher ist die Impfung? Und warum wird Moderna teilweise nicht mehr an Jüngere verimpft?

Wie bei jeder Impfung, können auch nach der Covid-19-Impfung Impfreaktionen auftreten – kurz danach und temporär. Bei mRNA-Impfstoffen kommt es häufig zu harmlosen Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Fieber. In Zulassungsstudien wurden einige wenige Fällen von vorübergehender Gesichtslähmung beobachtet. Ein Zusammenhang mit der Impfung konnte nicht ausgeschlossen werden. Schwere, lebensbedrohliche Ereignisse traten in den Impfstoff- und Placebogruppen (bekamen Kochsalzlösung) gleich häufig auf.

Einige Länder, darunter Deutschland und Frankreich, impfen unter 30-Jährige nur mehr mit Biontech/Pfizer. In Österreich werden Drittstiche bei Jüngeren ebenfalls nicht mehr mit Moderna durchgeführt. Daten zeigen, dass – vorübergehende und gut behandelbare – Herzmuskelentzündungen bei Menschen unter 30 nach der Gabe von Moderna häufiger beobachtet wurden als nach Biontech/Pfizer. Wichtig: Covid-19 führt laut Studien viel häufiger zu Herzmuskelentzündungen als die Impfung.

Macht die Impfung unfruchtbar?

Nach wie vor verbreitet ist die Annahme, die mRNA-Impfung mache unfruchtbar oder impotent. Dafür gibt es keine seriösen Belege, wie unter anderem das RKI betont. Studien zeigen keinen Rückgang der Spermienmenge oder -beweglichkeit, keine Veränderung der Eizellqualität sowie keinen Unterschied bezüglich der Zahl eingetretener Schwangerschaften. Impfen in der Schwangerschaft gilt als sicher und wird empfohlen: Bei einer Covid-19-Erkrankung haben ungeimpfte Schwangere ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf.

Sind Spätfolgen möglich?

Impfspezialist und Infektiologe Herwig Kollaritsch formuliert den "entscheidenden Punkt" so: "Der immunologische Vorgang ist nach einer Impfung allerspätestens zwei Monate nach Verabreichung abgeschlossen. Dann hat das Immunsystem seine Arbeit geleistet." Was im Zeitraum bis dahin als Nebenwirkung, die von Impfreaktionen wie Fieber, Kopfschmerz oder Abgeschlagenheit, zu unterscheiden sei, auftrete, könne theoretisch in Zusammenhang mit der Impfung stehen. "Danach sind keine mehr zu befürchten." Möglich sei, dass eine Nebenwirkung – eventuell unbemerkt – vorübergeht, und viele Jahre später zu einer Spätfolge führt. "Dafür müssten aber erst einmal echte Nebenwirkungen auftreten. Das ist bei der Covid-19-Impfung nicht der Fall."

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