In den USA werden auch bereits Mitarbeiter im Gesundheitswesen geimpft.

© APA/AFP/JEFF KOWALSKY

Wissen Gesundheit
12/21/2020

Erster Impfstoff gegen das Coronavirus: "Ein absoluter Durchbruch"

Die Impfstoffexpertin Ursula Wiedermann-Schmidt über den Technologiesprung bei der Impfstoffentwicklung und die Sicherheit des Präparates.

von Ernst Mauritz

Die Impfexpertin Ursula Wiedermann-Schmidt leitet das Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien.

KURIER: Wie beurteilen Sie die positive Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur EMA für den ersten Coronavirus-Impfstoff?

Ursula Wiedermann-Schmidt: Ich halte das für einen absoluten Durchbruch. Es ist eine fantastische Situation, dass es möglich war, in so kurzer Zeit – nicht einmal innerhalb eines Jahres – die Zulassung eines Impfstoffes zu erreichen. Das ist eine unglaubliche Leistung. Und ich weiß, dass alle Regelwerke eingehalten wurden, dass eine große Zahl an Studienprobanden – mehr als 44.000 – eingebunden waren. Das Beeindruckende war, dass es gelungen ist, alle Abläufe und die Organisation so rasch und effizient durchzuführen, dass wir in dieser Krise so rasch einen Impfstoff bekommen konnten. Das ist wirklich fantastisch.

Sind diese neuen mRNA-Impfstoffe "besser" als andere Technologien?

Also man kann nicht von besseren und schlechteren Impfstoffen sprechen. Aber wenn man irgendetwas Positives über die Pandemie sagen kann, dann ist es glaube ich, dass sie einen wirklichen Wissens- und Technologiesprung in der Impfstoffforschung zur Folge gehabt hat. Dieser Technologiesprung war schon längst fällig. Man hat gesehen, dass diese Impfstoffe viel leichter und effizienter zu entwickeln sind. Sie enthalten lediglich ein Gen von SARS-CoV-2, der Bauplan für das Oberflächenprotein des Virus, das Zellen des Körpers dann selbst produzieren. Das Immunsystem erkennt es als fremd und baut eine Abwehrreaktion dagegen auf. Vergleichen Sie das mit der Herstellung des Influenza-Impfstoffes zum Beispiel, für den Milliarden von Eiern mit virushaltigem Material beimpft und bebrütet werden, damit sich die Viren vermehren, um so ausreichend Impfstoff zu bekommen.

Demgegenüber ist es natürlich vorteilhaft, einen Impfstoff zu haben, bei dem jener Virusteil (Antigen), auf den der Körper reagiert, von diesem selbst produziert wird.

Es ist aber der erste derartige Impfstoff, der zugelassen wird.

Ja, aber das Konstrukt, auf dem alles aufbaut, diese Boten-RNA, die wird schon seit vielen Jahren gründlich erforscht und wurde auch schon in mehreren klinischen Studien  – etwa für Impfstoffe gegen Krebs – an Menschen untersucht. Nur hat man es bisher nicht richtig gut geschafft, die Bauanleitung für bestimmte Eiweiße in die Zellen zu bringen. Das wurde erst mit der Verpackung in spezielle Nano-Lipidpartikel (kleine "Fettkügelchen") möglich.

Es gibt die Sorge, dass der Impfstoff das eigene Erbgut verändern könnte, indem sich das Virusgen in das menschliche Genom einbaut.

Das ist nach unserem wissenschaftlichen Verständnis nach nicht möglich. Dazu müsste dieser Teil des Virusgenoms in den Zellkern gelangen. Das tut er aber nicht und das funktioniert aufgrund  der Tatsache, das es sich um das Transkript eines Genteilabschnitts handelt, auch gar nicht. Die Boten-RNA bleibt im sogenannten Zytoplasma rund um den Zellkern und wandert in die Zellorganellen, die Ribosomen. Dort wird dann die Boten-RNA in ein Oberflächeneinweißmolekül des Virus umgebaut, das dann für eine gewisse Zeit von verschiedenen Zellen dem Immunsystem präsentiert wird. Danach zerfällt es, ebenso wie Boten-RNA, die nicht zu Protein umgebaut wurde. Deshalb muss auch zwei Mal geimpft werden. Diese Boten-RNA ist nicht sehr stabil. Sie gelangt nicht in unsere Erbsubstanz.

In den Studien reagierte doch ein größerer Teil der Probanden mit Reaktionen wie Rötungen, Schwellungen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder auch erhöhter Temperatur. Ist das bedenklich?

Nein, das sind bekannte, eigentlich klassische Impfreaktionen, allerdings sind sie hier häufiger und teilweise auch intensiver. Wichtig ist aber die Aufklärung darüber, dass fast jeder, der geimpft wird, ein bis zwei Tage solche Symptome zeigen kann. Es hat sich aber gezeigt, dass die vorbeugende Einnahme von Paracetamol diese Entzündungssymptome reduzieren kann, ohne, dass dadurch die Immunantwort geschwächt wird.

Nur ganz vereinzelt traten schwerwiegendere "unerwünschte Ereignisse" auf. Je eine Person war von einer Verbgrößerung von Achsellymphknoten oder Schulterschmerzen betroffen. Vereinzelte Lymphknotenschwellungen oder Gesichtsnervlähmungen bildeten sich innerhalb kürzester Zeit wieder zurück.

In Großbritannien und den USA gab es aber einige Fälle schwerer allergischer Reaktionen?

Was wir bisher wissen, gab es bei den wenigen Fällen eine Vorgeschichte schwerer allergischer Reaktionen. Das sind Einzelfälle. Wenn man das bei der Impfung weiß – und das muss nachgefragt werden – muss man hier sicher vorsichtig vorgehen, wie etwa eine 20-minütige Nachbeobachtung. Wenn jetzt aber behauptet wird, herkömmliche Birkenpollen- oder Hausstaubmilbenallergiker dürfen sich nicht impfen lassen, so ist das komplett falsch. Das ist sicher nicht der Fall. Die Impfung ist grundsätzlich auch für Allergiker sicher. Auslöser der Reaktionen dürfte der Stabilisator Polyethylenglykol sein, der etwa auch in Kosmetika zum Einsatz kommt. Sehr selten reagieren Menschen auf diese Substanz. Langfristige Folgen sind hier aber nicht bekannt.

Ein Diskussionspunkt ist auch, dass es zu früh sei, um sehr seltene Nebenwirkungen oder erst nach einiger Zeit auftretende  Folgen der zu erkennen.

Die allermeisten Reaktionen auf eine Impfung, etwa auch die genannten allergischen, machen sich sofort  bemerkbar. Natürlich kann es bei 20.000 geimpften Studienteilnehmern der Fall sein, dass Nebenwirkungen, die noch seltener als 1:10.000 auftreten, noch nicht erkannt sind. Deshalb gibt es Auflagen für eine umfassende Nachbeobachtung.  Wenn man aber Sorgen vor Langzeitfolgen hat, dann muss man sich eigentlich die Langzeitfolgen einer Infektion mit dem Coronavirus ansehen. Und da haben wir mittlerweile schon viele Informationen, dass die vielfach nicht so harmlos sind. Selbst Personen, die nicht so schwer Erkranken, berichten sehr häufig, dass es ihnen monatelang schlecht gegangen ist. Zunehmend gibt es auch von jungen Menschen solche Berichte, die eigentlich Sorgen bereiten.

Wenn es einmal ausreichend Impfstoff gibt: Soll man sich dann auch impfen lassen, wenn man bereits eine Erkrankung bzw. Infektion durchgemacht hat?

Wir wissen, dass die Immunantwort nach einer Erkrankung zirka sechs Monate anhält. Was danach ist, wissen wir heute noch nicht genau. Unsere Studie hat gezeigt, dass neutralisierende, schützende Antikörper mindestens ein halbes Jahr vorhanden sind, unabhängig vom Schweregrad der Symptome. So lange es nur begrenzt Impfstoff gibt, sollen ihn zuerst die Menschen bekommen, die noch gar keine Immunität haben. Aber bei ausreichender Versorgung mit Impfstoff ist  es sicher sinnvoll, sich auch nach einer durchgemachten Erkrankung impfen zu lassen.

Angesichts der aktuellen Diskussion: Könnten Mutationen den Impfstoff wirkungslos machen?

Dazu gibt es derzeit keine Anhaltspunkte. Mutationen passieren ständig. Aber natürlich kann man das für die Zukunft nicht komplett ausschließen. Für mich bedeutet diese Diskussion: Wir haben jetzt, da eine Impfung verfügbar ist, einen Grund mehr, rasch viele Menschen zu impfen.  Je mehr Menschen immun gegen das Virus sind, ums geringer ist seine Zirkulation und damit die Möglichkeit, dass Mutationen entstehen. Insofern kommt die Impfung gerade rechtzeitig.

 

 

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