Hassposter unterliegen oft dem Irrglauben, der Meinungsmehrheit anzugehören.

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#GegenHassImNetz
06/16/2016

Wie ticken eigentlich Hassposter?

Sozialpsychologe Ulrich Wagner erkärt die gesellschaftlichen Mechanismen hinter Hasspostings und spricht über das "Internet als Kampffeld".

von Christian Schwarz

Kugeln für Politiker, Aufrufe zur Vergewaltigung oder Flammenwerfer für syrische Flüchtlingskinder: Menschen lassen sich im Internet zu Äußerungen hinreißen, die bei den meisten für Entsetzen sorgen, sollten sie in die Tat umgesetzt werden. Aber warum lassen sich Nutzer im Internet zu solch furchtbaren Äußerungen hinreißen? Wie tickt so ein Hassposter? Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Philipps-Universität Marburg erklärt im Interview die gesellschaftlichen Mechanismen hinter Hasspostings.

KURIER: Bis vor ein paar Jahren wurde das Internet dafür gepriesen, ein Segen für die Meinungsvielfalt zu sein. Heute entsteht der Eindruck, dass die Hasspostings dominieren. Welche Mechanismen dienen so einem Verhalten als Nährboden?

Ulrich Wagner: Stärker als in der realen Welt, wird das Internet dazu genutzt, sich seiner selbst zu versichern. Man setzt seine Meinung in Internetforen wie Facebook ab und geht davon aus, dass dort die gleiche Meinung vertreten wird wie die eigene. Im Allgemeinen will sich der Mensch nicht damit auseinandersetzen, ob er Recht hat. Er will hören, dass er Recht hat. In Diskussionsforen im Internet wird das Bedürfnis nach Bestätigung stärker befriedigt.

Das trifft vor allem auf halboffene Soziale Netzwerke wie Facebook zu. Dort kann man sich seine eigene Blase schaffen.

Ja genau. Im Fachjargon nennt sich das „Echoraum“. Ich rufe in einen Raum hinein und dann bekomme ich dieselbe Antwort zurück. Das hilft uns dabei, uns als Individuum selbst zu versichern.

Welchen Einfluss hat dieses Echo auf den Einzelnen?

Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Mehrheit die eigene Meinung vertritt. Man überschätzt also den Anteil der Menschen in der Bevölkerung, der auf der eigenen Seite steht. Das nennt sich der „false consensus“-Effekt: Also die falsche Überzeugung, der Mehrheit anzugehören. Dieser Effekt wird umso stärker, je extremer die eigene Position ist.

Hassposter werden ja erst dann wahrgenommen, wenn sie ihren Echoraum verlassen.

Das Internet wird auch als Kampffeld genutzt. Wir definieren uns stark über Gruppenzugehörigkeiten. Mitglied einer Gruppe zu sein gibt uns in Teilen Auskunft darüber, wer wir sind, es dient der Identifikation. Gruppen helfen uns dabei, uns selbst aufzuwerten. Fußball ist hier das beste Beispiel: Hätte Österreich bei der EURO gegen Ungarn gewonnen, dann hätten sich die meisten Österreicher gemeinsam sicherlich sehr wohl gefühlt. Umgelegt auf das Internet lässt sich deutlich beobachten, dass Menschen sich oftmals hassend und ablehnend gegen andere Gruppen äußern. In der Regel geht es ja um die Gruppe der Asylwerber oder der Politiker. Hier schließt sich der Kreis aus Selbstversicherung und Gruppendynamik: Man schimpft irgendwann gemeinsam.

Inwiefern hat die Art und Weise, wie wir im Internet kommunizieren, Einfluss auf die Enthemmtheit von Hasspostern?

Wenn ich mich mit jemanden von Angesicht zu Angesicht unterhalte, dann sehe ich sofort wie die andere Person reagiert, indem sie vielleicht das Gesicht verzieht. Das veranlasst mich dazu, Normen und Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs einzuhalten. Selbst beim Telefonieren macht die Stimme des Gegenübers deutlich, ob ihm etwas miss- oder gefällt. Das alles fällt im Internet weg. Das führt dazu, dass dort Kommunikation dazu tendiert leicht zu eskalieren.

Dazu kommt noch der Effekt der „Deindividualisierung“: In bestimmten Situation verliert man den Zugang auf die eigenen Kontrollmechanismen. Man begibt sich also in Kommunikationssituationen in denen man eingeschränkt zurechnungsfähig ist. Beispielsweise, wenn man alkoholisiert oder vor dem Schlafengehen, müde im Bett, noch schnell mal eben was ins Internet reinrotzt. Betrunken oder übermüdet würde man ja auch nicht in ein Meeting gehen. Man blendet aus, was andere Personen denken und fühlen. Man verliert die Selbstreflexion über die Wirkung der eigenen Äußerungen.

Angst wird oft als Antrieb für Hassposter wahrgenommen. Woher kommt die Motivation sich im Internet abfällig zu äußern?

Wie der Name schon sagt: Solche Äußerungen werden viel stärker durch Hass und Wut angetrieben. Angst führt ja üblicherweise zum Rückzug. Wenn ich beispielsweise Angst vor Hunden habe, versuche ich ihnen auszuweichen. Das lässt sich auch auf Kommunikation im Internet umlegen: Ich äußere mich in Foren dann gar nicht mehr. Fühlt man sich aber durch die eigene Gruppe bestätigt, dann schlägt Angst oft in Hass um.

Das heißt, kollektive Angst führt zu Hass und Aggression?

Sozusagen. Der Mechanismus ist allerdings nicht ganz so simpel. Die Wissenschaft kann bis heute noch nicht zur Gänze sagen, wie er funktioniert. Aber er hat viel damit zu tun, den Eindruck zu haben, dass viele sich entrüsten.

Kann diese Aggression auch aus dem virtuellen Raum ausbrechen? Gibt es einen Zusammenhang beispielsweise zu Angriffen auf Asylunterkünfte?

Das sehe ich als eine große Gefahr. Hasspostings sind nicht nur Beschimpfungen anderer Gruppen. Sie enthalten zum Teil auch Verhaltensanweisungen. Manchmal sind diese vergleichsweise harmlos, wie die Forderung, die Grenzen zu schließen. Extreme Hasspostings enthalten oft die Androhung von Gewalt. Dann ist die Befürchtung gerechtfertigt, dass sie erheblichen Einfluss auf tatsächliches Verhalten haben, also quasi auf die reale Welt überschwappen. Viele Täter fühlen ihr Verhalten durch den „false consensus“-Effekt gerechtfertigt. Sie sehen die Mehrheit hinter sich. Sie sind dann diejenigen, die sich tatsächlich trauen, den Willen dieser vermeintlichen Mehrheit umzusetzen.

Ulrich Wagner ist Sozialpsychologe an der Universität Marburg in Deutschland und beschäftigt sich mit der Erklärung, Reduzierung und Prävention von Konflikten zwischen Gruppen, mit Schwerpunkt auf Xenophobie, Diskriminierung und Gewalt.

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