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Politik Inland
11/17/2020

Schul-Lockdown: Warum den Schulen das Personal ausgeht

Schule in Not. Direktoren fällt es schwer, in kurzer Zeit sowohl Unterricht für die Schüler daheim als auch für jene, die zur Betreuung kommen, zu organisieren. Es fehlt aber nicht nur am Personal.

von Bernhard Ichner, Bernhard Gaul, Ute Brühl

„Es ist eine klassisch österreichische Lösung“, ärgert sich Horst Pinterich, Direktor der Volksschule in der Wiener Quellenstraße. „Pädagogen sagen, Schulen müssen offenbleiben. Mediziner meinen, sie müssen geschlossen werden. Was ist jetzt?! Die Schulen sind offiziell zu, aber jeder darf kommen.“

Ab heute, Dienstag, findet für 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler kein Regelunterricht statt. Eltern sind aufgerufen, ihre Kinder daheim zu lassen, Unterricht findet via „Distance Learning“ statt.

Wiens Bildungsdirektor Heinrich Himmer und auch sein nö. Pendant, Johann Heuras, stellten aber klar, dass die Schulen für die Betreuung offenbleiben. Man werde Eltern, die das Angebot wahrnehmen, nicht nach den Gründen fragen, betonte Himmer.

Die Schulen wurden von der Ankündigung überrascht. Noch am Donnerstag hatte sich die Corona-Kommission dagegen ausgesprochen. Jetzt bemühen sich Schulleiter, sowohl Distance Learning als auch Betreuung vor Ort zu organisieren. Wie viele in die Schule kommen, weiß man bisher noch nicht. Isabella Zins, AHS-Direktorensprecherin, weiß, dass „an einigen Standorten fast alle kommen wollen, andernorts nur fünf Prozent“.

Aufruf zum Distance Learning
Ab heute, Dienstag, bis  7. Dezember sollen alle 1,1 Millionen
Schülerinnen und Schüler
daheim bleiben, wenn
das möglich ist

Betreuung an den Schulen
An allen Schulen wird es eine Betreuung geben: Wer sein Schulkind also nicht daheim lassen kann, kann es zur Schule schicken

Wer betreut?
Zusätzlich zu den 126.000 aktiven Pädagogen in Österreich wurden rund 1.800 Lehramtsstudenten rekrutiert, die für die Betreuung der „Lernstationen“ in den Schulen eingesetzt werden sollen

Online-Unterricht
Schulen, manchmal nur Klassen, haben sich auf eine der großen Plattformen geeinigt, über die das Distance Learning stattfinden soll. Die größten Anbieter sind Microsoft Teams, School Fox und Google Classroom. Grundsätzlich können  über diese Programme Live-Videos gesendet, Arbeitsmaterialien geladen werden und die Schüler auch einzeln mit dem Lehrer kommunizieren

Dennoch wurden einige Eltern am Montag von der Meldung ihrer Schule überrascht, dass der Klassenlehrer nur noch an zwei Tagen für das Distance Learning zur Verfügung stehe, weil er Betreuung für jene Kinder, die kommen, übernehmen müsse. „Distance Learning und Betreuung gleichzeitig geht sich nicht aus. Dafür habe ich das Personal nicht“, klagt eine Direktorin gegenüber dem KURIER. „Wann soll eine Lehrperson in der Schule, wann zu Hause vor dem PC sein? Das ist nicht einfach“, findet auch Direktorin Zins.

Online-Crashkurs

Die Schulen und die 125.000 aktiven Pädagogen sollten eigentlich besser auf diesen zweiten Lockdown vorbereitet sein: Es wurden rund 12.000 PC-Geräte an Schüler verliehen, die Lehrer gebeten, Online-Crashkurse zu absolvieren, rund 2.000 Studenten zur Betreuung verpflichtet (bei 50.000 Klassen) und Überstunden genehmigt. Doch viele Pädagogen fragen sich, wie sich das alles ausgehen soll. Denn da Eltern keinen verbindlichen Rechtsanspruch auf Freistellung („Sonderurlaub“) haben, sofern Betreuung angeboten wird, ist kaum absehbar, wie viele Kinder in die Schule geschickt werden. Wird der Sonderurlaub aber gewährt, übernimmt der Staat das Gehalt.

„Lehrer und auch Eltern sind verunsichert, weil zum einen von einem 24-stündigen Ausgangsverbot die Rede ist, andererseits wird aber dauernd die Notwendigkeit, die Schulen offenzulassen, thematisiert“, sagt Pinterich. „Die Leute wissen schlicht nicht: Ist es gefährlich, die Kinder in die Schule zu bringen oder nicht.“ Man hätte beim Unterricht im Schichtbetrieb bleiben sollen, meint er.

Um den Unterricht auch im Lockdown aufrecht zu erhalten, setzt seine Schule nicht nur auf Distance Learning, sondern auch auf analoge Aufgabenpakete aus Papier, die die Eltern abholen bzw. bringen dürfen. Wie gut das funktioniert, sei aber sehr von den Eltern abhängig. Denn deren Möglichkeiten sind oft eingeschränkt. Gerade an Schulen mit hohem Migrantenanteil haben Eltern Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. In anderen Fällen fehlt berufstätigen Eltern die Zeit, Kinder zu unterstützen.

Letzteres ist bei Susanne und Bozider Cekic aus Favoriten der Fall. Die Mutter ist Pflegekraft, der Vater U-Bahn-Fahrer. Um Mihajlo (6) und Emilie (9) nicht allein zu lassen, jongliert das Ehepaar mit den Schichtdiensten. „Das allein ist schon eine Herausforderung, die wir ohne Hilfe der Großeltern nicht schaffen würden. Dann müssen wir noch Lehrer spielen.“

Noten stehen zu früh fest

Für Helmuth Schütz vom Landesverband der AHS-Elternvereine Salzburg gibt es einen weiteren Stressfaktor: „Jeder weiß, dass die Wochen vor Weihnachten die wichtigsten sind, weil bis dahin die Noten feststehen. Das bringt sowohl Lehrer als auch Schüler unter Druck, weshalb man dieses Jahr die Leistungsbeurteilungsverordnung aufheben sollte.“ Gleichzeitig solle man endlich ein ordentliches Hygienekonzept ausarbeiten. Dass da bisher Einiges im Argen lag, kann Doris Pfingstner von der NMS Eibengasse bestätigen: „Leider hat einiges nicht funktioniert: Testergebnisse kamen oft viel zu spät oder gingen überhaupt verloren.“

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