Passanten in Wien

© APA/HERBERT P. OCZERET

Politik Inland
06/14/2020

Reisen, Kultur, Wirtschaft: Wann werden wir wieder unbeschwert leben?

Die kommende Woche bringt viele Lockerungen. Experten warnen aber: Die Bedrohung ist nicht vorbei. Wann wird das Leben wieder so unbeschwert, wie es vielleicht nie war?

von Gert Korentschnig, Barbara Mader, Simone Hoepke, Marlene Patsalidis, Valerie Krb, Julia Schrenk, Katharina Salzer

Am 25. Februar gab es die ersten offiziellen Covid-19-Fälle in Österreich: Zwei italienische Studenten wurden in Innsbruck positiv getestet.

Am 13. März verkündete Bundeskanzler Sebastian Kurz den Lockdown, dessen erste Schritte am 16. in Kraft traten. Sie wissen schon: Nur vier Gründe, das Haus zu verlassen etc.

In diesen 13 Wochen seither ist insgesamt so viel passiert wie noch nie zuvor in der Zweiten Republik. Corona ist Ibiza hoch zehn – und nicht wenige sind froh über die aus ihrer Sicht immerhin richtige zeitliche Abfolge.

Wir haben einen Schnellsiedekurs in Infektiologie bekommen und sind zu Ehrendoktoren der Statistik und Virenforschung geworden. Wir haben manche Regierungsmitglieder besser kennengelernt, als es uns vielleicht lieb war. Wir haben so viel gekocht und Restaurant-Verzicht betrieben wie ganze Generationen vor uns nicht. Wir haben gelernt, Masken aufzusetzen und immer noch nicht, unbeschwert darunter zu atmen.

Weitere Lockerungen

Und abseits dieser persönlichen Dinge wurde – noch viel schwerwiegender – die Wirtschaft an existenzielle Grenzen gebracht, wurden ganze Branchen nahezu zerstört, Verschwörungstheorien kultiviert und die Gesellschaft in Befürworter und Gegner der Regierungsmaßnahmen getrennt. Auch in dieser Hinsicht gilt: Corona ist Van der Bellen gegen Hofer zum Quadrat bzw. Wien gegen Bundesländer.

Nun gehen am Dienstag viele Grenzen wieder auf, die Maskenpflicht beschränkt sich auf Öffis und auf wenige Berufsgruppen, und man kann sogar Van-der-Bellen-mäßig bis nach Mitternacht im Lokal sitzen bleiben.

Alle Experten warnen jedoch: Die Bedrohung durch das Virus ist längst nicht vorbei. Daher fragen wir an dieser Stelle: Wann werden wir wieder unbeschwert leben? Wie lange hält der Wahnsinn, wenn auch gelockert, an?

Die New York Times fragte zuletzt 511 Epidemiologen, wie sie selbst mit manchen Tätigkeiten umgehen. 64 Prozent werden frühestens nach einem Jahr ein Sport- oder Kulturevent besuchen. 56 Prozent gehen in den nächsten drei Monaten noch nicht ins Restaurant. Nur 20 Prozent wollen im Sommer eine U-Bahn benützen. Und 6 Prozent nie wieder jemandem die Hand geben.

Wann werden wir wieder ohne Bedenken verreisen können?

Jetzt gleich. Bedenkenlos verreisen kann man ab sofort – in einigen Ländern erhalten Reisende sogar einen Bonus, meint Gregor Kadanka, Obmann des Fachverbands der ReisebĂĽros. "So aufgeräumt, freundlich und leer war es noch nie", sagt er in Anspielung auf leere Adriastrände in Italien und Kroatien. Die Buchungssaison fĂĽr den Sommer sei ausgefallen, wer bald in den SĂĽden fahre, könne alleine ĂĽber Sandstrände spazieren. Wer das erleben will, sollte aber nicht zu lange warten, da sich die Hotels  sukzessive fĂĽllen werden.

Die Sicherheitsvorschriften sind laut Kadanka in anderen Ländern nicht anders als in Österreich – Hände waschen, Abstand halten, und, wo das nicht möglich ist, Maske tragen. Wer sein Ziel nicht mit dem Auto erreichen kann, sollte auch mit Flügen oder Zügen gut ankommen. Verkehrsunternehmen können über Modellrechnungen die Nachfrage einschätzen und Kapazitäten hochfahren, so Kadanka.

Wann wird es einen Impfstoff geben?

Vielleicht nie. In puncto Impfstoff blickt die Welt in eine vage Zukunft. An mehr als 100 Corona-Impfstoffen wird aktuell gebastelt. Wobei der Ausdruck "basteln" angesichts der Komplexität solcher Forschungen reichlich trivial erscheint. Impfstoffe mĂĽssen allerhöchste Sicherheitsstandards erfĂĽllen. Bei Weitem nicht in einzige HĂĽrde: Vieles dreht sich um die Frage, wie sich der menschliche Körper gegen SARS-CoV-2 wehrt und wie lange man nach einer durchgemachten Infektion immun ist. Erst, wenn das geklärt ist, kann ein passgenauer, wirksamer Impfstoff gefertigt werden. 

Experten lassen sich nicht zu übereilten Prognosen hinreißen: Vor der zweiten Hälfte 2021 sei nicht mit einer Vakzine zu rechnen. Interessant: Impfentwicklungsprojekte gegen die Erreger SARS und MERS verliefen nach erster Aufregung einst im Sand. Zwar machen Politik und Wissenschaft gegen SARS-CoV-2 in weitaus größerem Stil mobil. Wie lange der Einsatz dieses Mal währt, ist ungewiss.

Ab Montag wird die Maskenpflicht massiv reduziert. Nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Gesundheitsbereich (Arzt, Spitäler, Apotheken) sowie bei Dienstleistern (etwa Friseuren), die den Abstand nicht einhalten können, herrscht weiterhin Maskenpflicht. In der Gastronomie muss das Personal Mund-Nasen-Schutz tragen, das gilt aber nicht fĂĽr Gäste. Im Handel muss keine Maske mehr getragen werden. Generell empfiehlt die Bundesregierung, weiterhin Maske zu tragen, wenn es zu eng wird.

Gastronomie & Events: Ab 15. Juni wird die Sperrstunde fĂĽr Gastronomiebetriebe von 23 auf 1 Uhr nachts verlegt. Größere, zusammengehörende Gruppen können gemeinsam ins Wirtshaus. Der Tischabstand von mindestens einem Meter zwischen Gästen, die nichts miteinander zu tun haben, muss bleiben.    

FĂĽr Events kommen die Ă„nderungen später: Seit 29. Mai sind Veranstaltungen bis 100 Personen erlaubt. Ab 1. Juli sind Veranstaltungen mit zugewiesenen und gekennzeichneten Sitzplätzen in geschlossenen Räumen mit bis zu 250 Besuchern und im Freiluftbereich mit bis zu 500 Besuchern möglich. Ab 1. August werden diese Zahlen auf 500 Besucher in geschlossenen Räumen und 750 Besucher im Freiluftbereich erhöht. Weiters besteht ab 1. August die Möglichkeit, Veranstaltungen mit bis zu 1.000 Personen in geschlossenen Räumen und mit bis zu 1.250 Personen im Freiluftbereich durchzufĂĽhren. Voraussetzung: Die zuständige Bezirksverwaltungsbehörde muss sie bewilligen.

Reise und Reisefreiheit: Zu 31 Ländern werden die Beschränkungen in der Nacht von 15. auf 16. Juni aufgehoben. Dazu zählen alle EU- und EFTA-Staaten, mit vier groĂźen Ausnahmen: Schweden, GroĂźbritannien, Portugal und Spanien. Ăśber die Lombardei verhängt das AuĂźenministerium eine partielle Reisewarnung.

FlĂĽge: Die AUA hebt nach fast 90 Tagen Grounding ab Montag wieder ab. Begonnen wird mit 36 Destinationen. Auf dem Flugplan stehen 17 Strecken in Deutschland sowie ZĂĽrich, Paris, Amsterdam, BrĂĽssel, Tel Aviv und Ziele in Osteuropa und Griechenland. Zum Einsatz kommen 12 der insgesamt 80 Flugzeuge. Der Erstflug geht um 6:30 nach MĂĽnchen.

Wann werden wir uns wieder abbusserln können?

Ein Handschlag zur Begrüßung, ein Bussi zum Abschied: Was Jahrhunderte lang Ausdruck von Höflichkeit oder Zuneigung war, galt in den vergangenen Monaten als schlimmer Fehltritt. Die Distanzregeln gehörten zum Kern des Plans gegen die Pandemie.

Jetzt aber, wo wir nach und nach zur Normalität zurĂĽckfinden, stehen wir uns unbeholfen gegenĂĽber. Soll man jetzt? Oder ist es doch zu gefährlich? Die Frage ist also: Werden wir uns je wieder sorglos in die Arme schlieĂźen? Und wenn ja, wann? Zukunftsforscher Reinhold Popp meint: "Die Distanzregeln in unserem Kopf werden uns noch eine Zeit lang begleiten. Wir werden ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn wir uns die Hand geben oder uns umarmen." Aber verschwinden wĂĽrden diese Gesten nicht. Der Mensch hänge an alten Gewohnheiten. Und es seien Zeichen der friedlichen Begegnung. "Wenn die groĂźe zweite Welle ausbleibt, werden wir  noch in diesem Jahr  alte Gewohnheiten pflegen."

Wie lange werden wir an der Wirtschaftskrise leiden?

Die Wirtschaftskrise wird uns einige Jahre begleiten, und das auch im Falle einer positiven Entwicklung im Kampf gegen die Corona-Pandemie, sagt Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien. Das hat mehrere Gründe: "Zum einen ist die ganze Welt betroffen, zum anderen geht der Konsum zurück, weil die Menschen verunsichert sind und sparen."

Das habe zur Folge, dass die Unternehmen weniger investierten. Letztlich seien Österreichs Exporte eingebrochen, da es anderen Ländern auch nicht besser gehe.

Laut Schätzungen wird die Wirtschaftskrise zwei bis vier Jahre dauern. Die Dauer hängt davon ab, wie lange die Epidemie anhält, wann es eine Impfung gibt und ob es zu einer zweiten Welle kommt. "Tatsächlich befinden wir uns aber schon wieder auf dem Weg heraus", sagt Kocher. Während des Lockdowns habe sich das österreichische Wirtschaftsleben um 30 Prozent reduziert, es gebe inzwischen wieder deutlich mehr Aktivität. 

Das Homeoffice war fĂĽr viele eine positive Erfahrung

Wann wird das Homeoffice wieder abgeschafft?

Wahrscheinlich nie. Arbeiten von daheim? Hatte in Ă–sterreich bisher keinen guten Ruf. Seit Corona wissen wir,  dass von Zuhause mindestens so viel wie im BĂĽro gearbeitet wird und dass man fĂĽr Videokonferenzen kein Fachstudium braucht. Der Video-Dienst Zoom verzeichnete im  April 300 Millionen Teilnahmen an Videokonferenzen täglich. Experten glauben, dass mindestens noch bis Jahresende Office-Ausnahmezustand herrscht.

Umfragen zufolge wollen Zweidrittel der österreichischen Arbeitnehmer auch nach der Krise im Homeoffice arbeiten. Und das, obwohl es seine TĂĽcken hat.  42 Prozent klagen, mit ihren privaten Geräten arbeiten zu mĂĽssen. Grundsätzlich könnte der fixe Arbeitsplatz zum Auslaufmodell werden. Dass das BĂĽro ganz ausgedient hat, glaubt aber keiner. Denn Kommunikation braucht auf Dauer mehr als digitale Begegnung. Wahrscheinlich ist, dass wir  einen Mix finden. Mal im BĂĽro, mal daheim und gerne auch mit dem Laptop im CafĂ©.  

Wann werden Festivals und Sportevents wieder stattfinden?

Vielleicht erst 2021. Ob Coachella oder Burning Man: So gut wie alle GroĂźevents in den USA wurden heuer abgesagt, auch die New Yorker Philharmoniker spielen 2020 nicht mehr. Live Nation, der größte Konzertveranstalter der Welt, kĂĽndigte Konzerte ohne Fans oder mit reduzierter Kapazität an und sprach von voller RĂĽckkehr erst im zweiten Halbjahr 2021.

In Ă–sterreich schickt  etwa das  Nova Rock Festival heuer den Fans den Rock ’n’ Roll per Videostream nach Hause. Das Donauinselfest tourt mit einem Bus durch Wien, die Wiener Festwochen haben sich fĂĽr eine Minimal-Variante im Herbst entschieden, die Bregenzer Festspiele sind ganz abgesagt, die Salzburger Festspiele präsentieren ihr Jubiläumsprogramm verkĂĽrzt. In der Wiener Staatsoper startet der Kartenverkauf fĂĽr September am 6. Juli. Aber darauf, etwa in der Stadthalle eng aneinandergedrängt bei einem Rockkonzert mitgrölen zu dĂĽrfen, werden wir noch warten mĂĽssen.

Wie lange noch bis wir wieder volle Theater haben?

Die Pandemie hat zu einem seit 1945 nie da gewesenen Stillstand im  Kulturleben gefĂĽhrt. Die KĂĽnstler melden sich aus ihren Wohnzimmern oder aus leeren Theatern und Konzertsälen. Seit 29. Mai ist vieles wieder möglich. Indoor mit bis zu 100 Besuchern, ab 1. Juli mit bis zu 250 Besuchern. Ab 1. August sind dann Veranstaltungen  bis 1.000 Besucher bei Vorliegen eines entsprechenden Sicherheitskonzepts der Veranstalter durchfĂĽhrbar. Das geht aber nur mit Sitzplätzen  und Sicherheitsabstand.

Wie werden die Theater damit umgehen und  wie wird es ĂĽberhaupt weitergehen in Kulturland Ă–sterreich? Gibt es weitere Lockerungen und wie sieht der Kulturbetrieb im Herbst aus? Kommende Woche soll darĂĽber bei der Regierungsklausur debattiert werden. Sollten sich die Infizierten-Zahlen so weiterentwickeln, könnten Kunst und Kultur sukzessive weiter geöffnet werden. Wann es Normalität gibt, kann derzeit keiner sagen.

Wann wird die Gastronomie wieder brummen?

Viele Nächte. Das wird noch dauern – so viel steht fest. Gastronomen, die ihre Lokale schon geöffnet haben dĂĽrfen – Wirte, Cafetiers – sprechen derzeit von mindestens 30 Prozent UmsatzeinbuĂźen. Mancherorts sind es auch mehr. Weil die Gäste ausbleiben, habe viele  ihre Ă–ffnungszeiten eingeschränkt. Manche CafĂ©s blieben an den Feiertagen zu – doppelte Löhne bei wenig Gästen, das geht sich momentan fĂĽr viele nicht aus. Andere haben am Wochenende geschlossen. Aus ähnlichen GrĂĽnden. Bars  sind nur vereinzelt geöffnet,  Clubs dĂĽrfen noch gar nicht geöffnet haben.  Wenn heute, Montag, die Maskenpflicht in Lokalen fällt und die Sperrstunde auf 1 Uhr ausgeweitet wird, kehrt also zwar wieder ein StĂĽckchen Normalität zurĂĽck. Ăśberstanden ist die Krise dann fĂĽr die Gastronomie aber nicht: Der Sommer ist vor allem in Wien eine Herausforderung – und es kommt ganz darauf an, wie der Tourismus mit der teilweise zurĂĽckgewonnenen Reisefreiheit anspringt. 

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