Unfreiwillig Kriegspartei: Israels zweite Front im Libanon

Israel führt einen zweiten Krieg – gegen den Libanon mit dem Ziel, die Hisbollah auszuschalten. Eine halbe Million Menschen sind auf der Flucht.
Unfreiwillig Kriegspartei: Israels zweite Front im Libanon

Die größte humanitäre Katastrophe des Krieges zwischen dem Iran, Israel und den USA spielt sich in einem Land ab, das gar nicht Kriegspartei sein will: dem Libanon. Über eine halbe Million Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, darunter Zehntausende Kinder. Der Libanon weist mit fast 500 Toten nach dem Iran (über 1.255 Tote) die höchste Opferzahl seit Kriegsbeginn auf. Hilfsorganisationen schlagen Alarm.

Für viele Menschen ist der Beschuss längst Alltag, sie leben in provisorischen Schlafplätzen auf den Straßen, übernachten auf einem Stapel von Matratzen und Decken unter freiem Himmel. Gleichzeitig beherbergt der Libanon eine der weltweit höchsten Flüchtlingszahlen pro Kopf. Bis zu 1,5 Millionen der insgesamt sechs Millionen Menschen im Land sind Flüchtlinge aus dem Nachbarland Syrien; daneben gibt es eine bedeutende, seit langem ansässige palästinensische Flüchtlingsbevölkerung und eine geringere Anzahl aus dem Irak, Sudan und Äthiopien.

Es waren die Luftangriffe der mit dem Iran verbundenen Hisbollah-Miliz nach der Tötung des Obersten Führers Ali Khamenei, die den Libanon in den Krieg hineinzogen. Sie hat sich schon nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 Israel mit Luftangriffen bombardiert; beide islamistischen Organisationen werden von dem Iran unterstützt.

Brüchiges Waffenstillstandsabkommen 

Doch ein im November 2024 zwischen Israel und der Hisbollah vermitteltes Waffenstillstandsabkommen wurde in den letzten Jahren wiederholt von Israel gebrochen. Bis November 2025 berichteten das libanesische Gesundheitsministerium und die Vereinten Nationen, dass seit Beginn der Waffenruhe mehr als 330 Menschen durch israelische Streitkräfte getötet und etwa 945 weitere verletzt wurden. Der UN-Friedenstruppe UNIFIL zufolge, die im Libanon stationiert ist, hat Israel die Waffenruhe seit November 2024 mehr als 10.000 Mal gebrochen. Israel wird außerdem vorgeworfen, rechtswidrig Artilleriegeschosse mit weißem Phosphor über Wohnhäusern eingesetzt zu haben. Der Stoff verursacht extreme Verbrennungen und brennt selbst auch unter der Haut, schon der Rauch ist giftig.

Zerstörung in Haret Hreik, einem Vorort von Beirut.

Zerstörung in Haret Hreik, einem Vorort von Beirut.

Das Ziel der israelischen Streitkräfte ist klar: Die Gunst der Stunde nutzen, um nicht nur das Mullah-Regime im Iran loszuwerden, sondern auch seine Speerspitze der "Achse des Widerstands" zu eliminieren.

Gegen Israels Besetzung

Ihre Ursprünge hat die Hisbollah-Miliz im Bekaa-Tal, nahe der syrischen Grenze. Hier wurde die Untergrundmiliz Anfang der 80er-Jahre gegründet, vom Iran mit Waffen ausgestattet und in der Ausbildung unterstützt, um die israelische Besetzung des Landes nach dem Libanonkrieg 1982 zu schwächen. Israel hatte im Libanon gegen Anschläge der Palästinensischen Befreiungsorganisation, der PLO, gekämpft, die damals aus dem Land heraus operiert hatte.

Auch die libanesische Regierung scheint sich dem Ziel Israels anzuschließen: Libanons Präsident Joseph Aoun hat gegenüber der EU und arabischen Ländern direkte Verhandlungen mit Israel vorgeschlagen – ein tiefgreifender Bruch innerhalb der politischen Ordnung des Libanon. Zuvor hatte die libanesische Regierung ein Verbot militärischer Aktivitäten der Hisbollah angekündigt. Durchsetzen kann sie das zwar nicht, dafür sind die staatlichen Strukturen zu schwach. Doch eine ähnlich große Bereitschaft zum entschlosseneren Vorgehen gegen die Hisbollah gab es bisher kaum. Doch dafür bräuchten der libanesische Staat und die staatlichen Streitkräfte vor allem finanzielle Hilfe. Im Vergleich zu den Strukturen der Hisbollah sind die staatlichen Institutionen schwach.

Ein Flugzeug, beladen mit humanitärer Hilfe der EU und UNICEF, landet in Beirut.

Ein Flugzeug, beladen mit humanitärer Hilfe der EU und UNICEF, landet in Beirut.

Zerstörtes Land

Die Hisbollah ist nach den Kämpfen der letzten Jahre, der Tötung führender Köpfe wie der langjährige Anführer Hassan Nasrallah und erfolgreichen israelischen Angriffen wie den Pager-Explosionen stark geschwächt. Israel behauptete, 80 Prozent des Raketenarsenals der Gruppe zerstört zu haben. Trotzdem hat die Organisation immer noch Unterstützer in der libanesischen Gesellschaft, vor allem in der schiitischen Bevölkerung, die über 30 Prozent ausmacht. Nach wie vor soll die Hisbollah Schätzungen zufolge über rund 25.000 Raketen und Flugkörper sowie zwischen 40.000 und 50.000 haupt- und nebenberufliche Kämpfer und Reservisten verfügen.

Den meisten Menschen im Land fehlt eine Perspektive – und solange dem so ist, erscheint der Kampf der Hisbollah verlockend. Von israelischen Angriffen und den Kriegen der letzten Jahre in der Region gebeutelt, sind große Wohn- und landwirtschaftlich genutzte Flächen im Land nahezu komplett zerstört, darunter der Süden oder südliche Vororte von Beirut. Vor dem aktuellen Kriegsausbruch prognostizierte die Weltbank die Kosten des Wiederaufbaus des Libanons auf elf Milliarden US-Dollar – die neuen Schäden noch nicht einkalkuliert.

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