Fast schon wieder Alltag in Israel, Flucht aus Beirut

Angriffe aus dem Iran lassen deutlich nach. Dafür schießt die Hisbollah auf israelische Grenzorte - und Israels Kampfflugzeuge auf Beirut.
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"80 Prozent der Israelis haben keinen eigenen Schutzraum, doch 120 Prozent schicken mir ständig Selfies aus einem!" Israels schwarzer Humor unter Beschuss ist berüchtigt. Humor kann Furcht und Gefahr erträglicher machen. Doch lassen sich Angstgefühle  nicht so einfach weglachen. 

Gerade in den älteren Häusern der Großstädte fehlen die mit Stahltüren und Fenstern gesicherten Zimmer aus Schwerbeton. Hier landen die meisten der ballistischen Raketen aus dem Iran, deren Einschläge ganze Häuserzeilen unbewohnbar machen. Israels Luftschutz ist anerkannt der beste weltweit. Doch ist er nicht vollständig.

Weniger Raketen aus dem Iran

Im Vergleich zum 12-Tage-Krieg letzten Juni verschießt der Iran deutlich weniger Raketen. Statt Hunderte in einer Nacht (wie auch am Tag) waren es am 28. Februar Dutzende Raketen und Drohnen, die die Israelis in die Schutzräume, Bunker und U-Bahn-Stationen jagten. Nach einer Kriegswoche fliegen sie sogar in einstelligen Zahlen an. Durch taktisches Timing und Streuung der Ziele bedrohen sie aber weiter fast zwei Drittel der Bevölkerung in einem einzigen Angriff.

Mit durchschlagender Wirkung: In der ersten Kriegswoche wurden in Israel 12 Menschen  getötet und über 600 verletzt. Alle Opfer befanden sich in irregulären Räumlichkeiten oder im Freien. In Bet Schemesch fiel eine Rakete direkt auf einen Bunker. Alle Insassen überlebten. Doch unter vor dem Bunker wartenden Neugierigen kam es zu neun Toten und über 50 Verletzten. "Ich rief noch: Kommt besser rein", erinnert sich eine Überlebende. Es bleibt dabei: Wer sich an die Anweisungen des Luftschutzes hält, hat gute Chancen.

Schulen bleiben geschlossen

Was nicht für die Anweisungen aller Behörden gelten muss. Als nach vier Kriegstagen die Angriffsgefahr spürbar nachließ, wurde die Rückkehr an die Arbeitsplätze erlaubt. Schulen und Kindergärten aber blieben geschlossen. 

"Spinnen die," ereiferte sich eine Mutter, "ich bin jetzt kündigungsgefährdet oder die Kinder bleiben allein zuhause?" Ein Vater erkundigte sich: "Muss ich meinen 9- und 7-jährigen Kindern jetzt beibringen, wie sie die schwere Panzertüre allein verriegeln?" Eine Mutter wusste sich zu helfen: "Ich verriegele sie von außen. Mit Tablet halten die glatt neun Stunden ohne Essen und Trinken durch."

In Grenzorten, die am 7. Oktober 2023 dem Massaker-Angriff der Hamas ausgesetzt waren, registrieren Psychologen sogar eine neue Art posttraumatischer Bunker-Phobie. Wie bei Natali aus Ofakim, die mit ihrer Mutter bei Alarm lieber im engen Hausflur Schutz sucht. "Ich habe mehr Angst vor Terroristen draußen als vor Raketen."

Angriffe im Norden Israels nehmen zu

Lassen die Angriffe aus dem Iran deutlich nach, nehmen sie im Norden Israels zu. Hier schießt die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah wie im Juni auf Israels Grenzorte. Als wichtigster Verbündeter der Mullahs in Nahost sah sie dem im Juni noch tatenlos zu. Dieses Mal aber schießt sie mit. Israels Grenzbewohner dürfen daher nicht zurück an ihre Arbeitsplätze. Vielmehr ist der Krieg zurück, auch wenn die Armee diesmal keine Evakuierung befiehlt. Ohnehin ist ein großer Teil der im Oktober 2023 evakuierten Familien noch nicht zurückgekehrt.

Was nicht für die südlibanesische Bevölkerung gilt. 300.000 Zivilisten sind nach israelischer Vorwarnung wieder auf der Flucht. Im Winter und in einer kalten Berglandschaft. Wie die Bewohner der schiitischen Viertel Beiruts, in denen Israels Kampfflugzeuge in immer neuen Angriffswellen die wichtigsten Einrichtungen der Hisbollah bombardiert.

Thouands displaced in Lebanon amid Israeli airstrikes

300.000 Zivilisten sind auf der Flucht.

Dass Israel hart auf neue Angriffe reagieren wird, war auch der Hisbollah-Führung klar. Diesmal aber machte sie keinen Hehl daraus, dass die Islamische Republik im Iran ihr wichtiger ist als das Schicksal der libanesischen Bevölkerung. 

Donald Trump ist unschlüssig

Wie lange noch? Militärexperten sprechen von Wochen. Auch die Raketenbestände der israelischen und der US-Armee zeigen nach über zwei Jahren Krieg Lücken. US-Präsident Donald Trump, von dem die Antwort letztlich abhängt, antwortet wie üblich - mal so, mal so. Wochen, hieß es zum Kriegsbeginn. Einige Tage noch, schätzte er etwas später. Steigende Benzinpreise und die Zwischenwahlen in den USA mit unzufriedenen Wählern machen Druck. 

Wobei die Folgen des Krieges bislang positiv gesehen werden können. Für die USA wie für Israel. Im letzten Juni kämpfte Israel an sieben Fronten. Jetzt sind es die Mullahs in Teheran, die sich umzingelt sehen. Doch wieder macht es Probleme, militärische Erfolge in politische umzusetzen. Überlebt das Regime im Iran, wäre das ein Punktsieg für die Mullahs. Für Israel gibt es nur einen K.o.-Sieg.

Die neuesten Entwicklungen im Iran-Krieg

Alle Entwicklungen nach den israelischen und US-Angriffen auf den Iran finden Sie hier.

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