Gaza, der Krieg im toten Winkel

Der Krieg zwischen dem Iran und den USA und Israel lässt Gaza in den Hintergrund rücken. Das nutzt der Hamas, während Millionen Menschen weiter ums Überleben kämpfen.
Straßenhändler verkaufen im Flüchtlingslager Jabalia Waren.

Im Winter waren es Atemwegsinfektionen und Unterkühlungen, die die Menschen in Gaza töteten und mit denen sich die Ärzte in den notdürftig aus Planen errichteten Feldspitälern konfrontiert sahen. Nun sind es Rattenbisse und die Infektionen, die sie übertragen. Selbst Säuglinge weisen Bisswunden auf. Selbst Säuglinge weisen Bisswunden auf. 

Die fast 70 Millionen Tonnen Schutt im Küstenstreifen, der Müll, das nicht funktionierende Abwassersystem und das verschmutzte Grundwasser sind die idealen Lebensbedingungen für die Tiere. 

"Die Menschen sind resilient, haben so viel Leid erlitten, und beschweren sich nicht einmal", schildert Sam Rose. Der Brite ist zuständiger UNRWA-Direktor für Gaza. Seit Israel ausländischen UNRWA-Mitarbeitern die Einreise in den Küstenstreifen verweigert, arbeitet Rose von Amman aus. Zuletzt war er Ende März 2025 vor Ort. "Die Menschen leben weiterhin von der Hand in den Mund. Niemand weiß, was es morgen noch zu kaufen geben wird. Mehr als eine Million Menschen haust in Zelten, unter Plastikplanen oder in den Ruinen zerbombter Gebäude", schildert er.

Ein Waffenstillstand, der keiner ist

Angesichts des Krieges zwischen dem Iran und den USA und Israel, der auch Flucht und Zerstörung durch Israel im Libanon nach sich zieht, ist die aktuelle Lage in Gaza weitgehend aus der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit verschwunden. Offiziell gilt seit 10. Oktober 2025 ein Waffenstillstand, Donald Trumps Gaza-Exekutivrat, der Trumps "Friedensrat" untergeordnet ist, soll für "Frieden, Stabilität und Wohlstand" sorgen.

Trotzdem gibt es fast täglich Berichte über Tote in Gaza: "Die Intensität der Angriffe hat abgenommen, doch das ist keineswegs hinnehmbar. Gestern wurden neun Menschen getötet, heute mehrere verletzt. Und dazu kommen die psychologischen Folgen – die Menschen leben in permanenter Angst, im Wissen, dass sie jederzeit getötet werden können", sagt Rose. Mehr als 730 Palästinenser sollen seit dem Waffenstillstand getötet worden sein.

Gleichzeitig lässt sich Gaza angesichts der Eskalation mit Iran nicht mehr als isolierte Front betrachten. Die Verhandlungen stagnieren, die nächste Phase des Abkommens ist in weite Ferne gerückt. Auf der Agenda der israelischen Regierung scheint eine Lösung des Gaza-Konflikts einschließlich einer Entwaffnung der Hamas seit den Angriffen auf den Iran an Priorität verloren zu haben.

"Dieses Verhalten ist seit Jahrzehnten zu beobachten: Während Verhandlungen ins Stocken geraten, werden vor Ort Fakten geschaffen", so Rose.

Männer trauern um ein getötetes Kind im Al-Shati-Camp in Gaza-Stadt.

Männer trauern um ein getötetes Kind im Al-Shati-Camp in Gaza-Stadt.

Israel plant weiterhin Kontrolle

Israel kontrolliert weiterhin etwa die Hälfte des 365 Quadratkilometer großen Gazastreifens. Rund 2,4 Millionen Menschen leben dicht gedrängt hinter der sogenannten "Gelben Linie", auf noch engerem Raum als vor Kriegsbeginn. Laut der israelischen Haaretz errichtet die israelische Armee entlang der Linie Dutzende Stellungen sowie eine rund 17 Kilometer lange Bodenbarriere. Vieles deutet darauf hin, dass hier eine dauerhafte Pufferzone nach dem Vorbild des Libanon entstehen soll.

Jenem 16-köpfigen, palästinensischen Technokraten-Komitee, das zur vorübergehenden Verwaltung Gazas eingesetzt wurde und von Hamas, der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel akzeptiert wird, darf, übrigens wie Journalisten, weiterhin nicht einreisen. Es existiere lediglich ein regelmäßiger ein Austausch von Informationen zwischen den Vereinten Nationen, UNRWA und dem Gremium, allerdings ohne spürbare Ergebnisse für die Menschen.

Während der Entwaffnungsprozess stockt, wächst die Gefahr, dass die Hamas erneut an Einfluss gewinnt. "Es kommt vermehrt zu internen Kämpfen zwischen den Kämpfern der Hamas und anderen, von Israel unterstützten, militanten Gruppen." Beobachter gehen davon aus, dass während Israel mit dem Iran beschäftigt ist, die Hamas die Lage nutzt, um sich militärisch neu aufzustellen.

Ein provisorische Lernraum in Gaza: 2025 hat UNRWA 38.000 Schüler unterrichtet.

Ein provisorische Lernraum in Gaza: 2025 hat UNRWA 38.000 Schüler unterrichtet.

Kein Wiederaufbau in Gang

Aus eben dieser Sorge werden nach wie vor keine Baumaterialien nach Gaza zugelassen – aus Angst, islamistische Gruppen könnten daraus Waffen bauen. Rose widerspricht: "Wer kämpfen will, benötigt diese Materialien nicht. Der Gazstreifen war in den letzten zwei Jahren den heftigsten Bombardierungen seiner Geschichte ausgesetzt. Es gibt folglich große Mengen nicht explodierter Blindgänger, die verwendet werden können."

Rose verweist auf die Eskalation im Sommer 2014, die Operation "Protective Edge", bei der binnen 40 Tagen 67 Israelis und über 2.000 Palästinenser ums Leben kamen und Tausende Häuser zerstört wurden. Nach einem Waffenstillstand wurden die Versuche des Wiederaufbaus von Israel überwacht, eingeführte Baumaterialien kontrolliert. "Heute ist fast der gesamte Gazastreifen zerstört, und es gibt keinerlei ernsthafte Wiederaufbaubemühungen. Schon die Einfuhr von Zelten, Decken oder Plastikplanen stellt eine Herausforderung dar."

"Für die Menschen fühlt es sich an, als befänden sie sich in einer Art Vorhölle", sagt Rose. "Es gibt kaum Anzeichen  für  Verbesserungen der humanitären Lage. Unser Erfolg bemisst sich an der Zahl der Lastwagen, die Gaza erreichen."

Israel wirft dem UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge vor, von der Hamas unterwandert zu sein. Einzelne Mitarbeiter sollen in den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, den die UNRWA öffentlich verurteilt hatte, verwickelt gewesen sein. Nach einer internen Untersuchung wurden im August 2024 neun Mitarbeiter entlassen, die laut UNRWA an dem Massaker beteiligt gewesen sein könnten.

Sam Rose, UNRWA-Direktor für Gaza.

Sam Rose, UNRWA-Direktor für Gaza.

Seit März 2025 werden weder Helfer noch Hilfsgüter der UNRWA von den israelischen Behörden  nach Gaza gelassen – trotz Anordnung des Internationalen Gerichtshofs. Tausende  Lkw warten seit Monaten in Jordanien und Ägypten. Im Jänner ließ die UNRWA-Zentrale in Ostjerusalem zerstören sowie die Wasser- und Stromversorgung kappen.

Globales Budget sinkt

Zuvor hatte man über zwei Millionen Menschen in Gaza mit Nahrungsmittelhilfe versorgt. Derzeit wird vorrangig Trinkwasser in den Küstenstreifen gebracht, seit Jänner waren es 675 Millionen Liter. Die Organisation entsorgt laut eigenen Angaben jeden Monat 5.000 Tonnen Abfall, betreibt Flüchtlingsunterkünfte und provisorische Lernräume.

Dass Regierungen aller Welt ihre Budgets für humanitäre Hilfe senken, spüren auch die UN: Zwar haben die meisten Staaten, abgesehen von den USA und Schweden, nach einer einstweiligen Aussetzung ihre Unterstützung wieder aufgenommen. Trotzdem sind die Einschnitte spürbar. "Wir sind eine Organisation mit insgesamt 28.000 Mitarbeitern und müssen weiterhin Gehälter zahlen. Die Arbeitszeiten von 9.000 unserer rund 11.500 Mitarbeiter in Gaza mussten mit März dieses Jahres auf 80 Prozent reduziert werden", sagt Rose.

UNRWA gilt trotz des Einfuhrverbots nach wie vor als der größte Dienstleister in Gaza im Bereich der medizinischen Grundversorgung: "Das betrifft unsere Infrastruktur vor Ort, den Umfang unserer Dienstleistungen, unsere Erfahrung und die Akzeptanz, die wir in der lokalen Bevölkerung genießen. Doch als Teil einer politischen Lösung wird das derzeit nicht einmal in Betracht gezogen", kritisiert Rose.

Dem UNRWA-Direktor zufolge sei es "unvermeidlich, dass das öffentliche Gesundheitssystem irgendwann zusammenbricht. Das Beste, worauf wir hoffen können, ist, dass sich die Lage nicht weiter verschlechtert. Wegzusehen wäre einfach – aber es wäre falsch."

Kommentare