Trotz Waffenruhe in Angst: "Gaza lebt von Moment zu Moment"

Die USA und Israel sprechen über die jüngsten Iran-Verhandlungen. Die Menschen in Gaza beschäftigen vielmehr die tägliche Not, berichtet eine österreichische Rotkreuz-Mitarbeiterin aus Rafah.
Kinder füllen Kübel im Maghazi Camp in Gaza mit Trinkwasser.

Als US-Präsident Donald Trump am Mittwoch den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu empfing, ging es vor allem um die Verhandlungen der USA mit dem Iran. Trump erwägt einem Medienbericht zufolge, einen weiteren Flugzeugträger in die Region zu senden.

Trumps Exekutivrat für den Gazastreifen, in dem Sondergesandter Steve Witkoff, Schwiegersohn Jared Kushner, Ex-Premier Tony Blair und andere Vertreter aus der Türkei, Ägypten, Katar und Israel sitzen, soll laut Medienberichten am 19. Februar zum ersten Mal tagen. Indonesien hat angekündigt, bis zu 8.000 Soldaten schicken zu wollen, doch ist noch immer unklar, welche Aufgaben die Stabilisierungstruppen übernehmen und wie die geforderte Entwaffnung der islamistische Terrororganisation Hamas ablaufen soll.

Die Menschen in Gaza selbst, berichtet Angelique Lung, die seit Jänner für das Österreichische Rote Kreuz (ÖKR) in einem Feldspital in Rafah tätig ist, haben wenig Ressourcen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. "Hier wird kaum über die internationalen Schlagzeilen gesprochen, die Menschen leben noch immer von Moment zu Moment", sagt Lung.

Schwere Atemwegserkrankungen

Das Feldspital ist eine Ansammlung von Zelten an der Küste, es besteht seit knapp zwei Jahren. Das ÖRK unterstützt mit einer Wasseraufbereitungsanlage vor Ort, die komplett aus Spenden finanziert wurde. Lung übernimmt Verwaltungstätigkeiten im Spital, ist zuständig für nicht-klinische Lieferungen, Küche, Wäsche, Hygiene, etc. Das Areal ist umgeben von Sandsäcken, die Kugeln abhalten sollen, und Sicherheitscontainern als Schutzräume.

Zwar haben sich seit der Waffenruhe von Oktober 2025 die medizinischen Probleme, die im Spital behandelt werden, verändert – es gebe mehr Menschen mit chronischen Krankheiten und alten Verletzungen zu versorgen. Doch gebe es nach wie vor viele Schusswunden wegen Querschläger, Geschossen, die abprallen und weiterfliegen. Ob die aus Waffen israelischer Soldaten oder islamistischer Milizen wie der Hamas oder des Al-Madschaida-Clans stammen, sei unklar, "und für uns auch nicht relevant, sondern die Versorgung und Aufrechterhaltung des Krankenhausbetriebs", sagt Lung. Auch Menschen mit schweren Atemwegserkrankungen kämen ins Spital, besonders nach den Regenfällen, Stürmen und kalten Temperaturen im Jänner – nachts hatte es teilweise unter zehn Grad Celsius. Regelmäßig muss über Triage entschieden werden: Wer bekommt die Versorgung und Medikamente, und wer nicht.

Angelique Lung in Gaza

Angelique Lung in Gaza.

Um das Feldspital herum leben die Menschen in provisorischen Zelten, schildert Lung. Über 60 Prozent der medizinischen Infrastruktur und der Krankenhäuser seien zerstört. In den meisten Krankenhäuser könnten man nicht mehr operieren. Trotz Grenzöffnungen und zugelassenen Lieferungen gebe es zu wenig Medikamente und Versorgung, es fehle neben ausreichend Hilfsgütern an Basics wie etwa Reagenzien, die Erreger oder Krankheiten nachweisen. Märkte haben geöffnet, doch die Menschen kein Geld, um Nahrungsmittel zu kaufen.

Trauma

Das Rote Kreuz arbeitet mit Mitarbeitern von vor Ort. Jeder von ihnen heb im Krieg nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 mindestens einen Angehörigen verloren, und musste wegen der Kriegsgeschehnisse mehrmals Zuhause und Schutz verlassen. Für viele Familien ist der Rotkreuz-Mitarbeiter die einzige Person mit Job und Einkommen. "Es ist eine Zeit der Angst, die Leute sind erschöpft, es zeigt sich das Trauma der letzten zwei Jahre." Gleichzeitig würden viele nicht an ein Halten der Waffenruhe glauben. Erst am Wochenende wurden Schüsse auf israelische Soldaten gemeldet, die Soldaten haben die vier Angreifer getötet.

Das Feldspital des Österreichischen Roten Kreuzes in Rafah.

Das Feldspital des Österreichischen Roten Kreuzes in Rafah.

Großen Wiederaufbau mit Baggern sehe sie im Süden des Gazastreifens nicht, sagt Lung. Sie bleibt bis Juni in Gaza, mit Rotationen von sechs Wochen Arbeit und zwei Wochen Urlaub. "Den Menschen fehlt auch das Gefühl der Sicherheit, dass der Krieg vorbei ist und sie ihr Zuhause wieder aufbauen zu können."

Seit Oktober teilt eine "Gelbe Linie" den Gazastreifen, eine von Israel definierte militärische Grenze, hinter die sich das Militär zurückgezogen hat. Sie ragt zwischen 1,5 und 6,5 Kilometer in den Küstenstreifen hinein, Israel kontrolliert damit rund die Hälfte des Gazastreifens.

Laut israelischen Medienberichten haben sich im Süden Gazas bewaffnete Hamas-Mitglieder in Tunneln verschanzt. Israel hat angekündigt, in dem Gebiet weiter militärisch vorzugehen. Laut UNICEF wurden seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober 2025 bis Jahresende 529 Palästinenser getötet.

Kommentare