Ein ganzes Land im Daueralarm: So geht es Israel derzeit im Krieg

Sirenen und Schutzräume prägen den Alltag in Israel. Auch die Osterfeierlichkeiten finden in diesem Jahr weitgehend ohne Gläubige und Pilger statt. Warum Umfragen dennoch eine hohe Lebenszufriedenheit zeigen.
ISRAEL-US-IRAN-CONFLICT

Aus Haifa, von Markus Ponweiser

Doron betreibt eine Weinbar in Haifa – und weiß, was seine Gäste gerade wissen wollen. Auf einem Zettel an der Eingangstür steht handgeschrieben: „Nächster Schutzraum: 1 Minute, Erdgeschoss des Einkaufszentrums.“ So lässt sich auch an diesem Abend in Ruhe ein Glas Wein trinken.

Dennoch sitzen hier weniger Menschen als sonst. Die meisten Tische bleiben frei, andere sind nur halb besetzt. Doron spürt die Auswirkungen des Kriegs im Geschäft. „Meine Kundschaft ist im Schnitt etwas älter“, sagt er. „Und diese Generation ist im Moment vorsichtiger.“ Wenn Gäste kommen, hat er mehr Zeit für sie. Seine Empfehlungen fallen ausführlicher aus, oft schenkt er mehrere Proben ein, um den Geschmack zu treffen. „Vielleicht ist das in diesen Zeiten besonders wichtig“, sagt er und lächelt.

Normales Leben weiterführen

Gleichzeitig zeigt sich, wie sehr viele Israelis daran festhalten, ihr normales Leben weiterzuführen. Auch deshalb füllen sich Orte wie diese Weinbar langsam wieder, wenn auch vorsichtig. Ein bis zwei Mal pro Tag heulen die Sirenen in Haifa derzeit immer. Manchmal zielt die islamistische Hisbollah aus dem Libanon auf die Vororte der Stadt, wo sich die meisten militärischen Objekte befinden. Dann heulen im Zentrum von Haifa gleich gar keine Sirenen mehr.   

Der Krieg mit dem Iran überschattet auch die Feierlichkeiten rund um Ostern im Heiligen Land. Heilige Stätten in der Altstadt Jerusalems sind seit 28. Februar geschlossen. Pilger bleiben aus, Feiern müssen ohne Gläubige abgehalten werden.

Lebenszufriedenheit hoch

Dass dieses Leben trotz allem als vergleichsweise stabil wahrgenommen wird, zeigt sich auch in internationalen Vergleichen: Israel liegt im aktuellen World Happiness Index auf Platz 8. Grundlage sind subjektive Einschätzungen zur Lebenszufriedenheit. Besonders gut schneidet Israel bei sozialen Faktoren ab: Vertrauen in andere, das Gefühl, sich in schwierigen Situationen auf Familie oder Freunde verlassen zu können.

Die Daten wurden zwar vor der aktuellen Eskalation mit dem Iran erhoben, jedoch bereits im Kontext der Monate seit dem 7. Oktober, die von mehreren Kriegen und Unsicherheit geprägt waren. Gerade deshalb stellt sich die Frage: Zeigt dieses Ergebnis eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit – oder eher eine Gleichgültigkeit gegenüber der Situation eines Landes, das einen Krieg nach dem anderen erlebt?

Die linksliberale Zeitung Haaretz schreibt, das Ranking werfe die Frage auf, ob weite Teile der Gesellschaft eine unerträgliche Realität bereits normalisiert hätten. Ständige Wege in die Schutzräume und fehlende politische Perspektiven seien jedenfalls kein Grund zur Zufriedenheit. Haaretz fragt zugespitzt, was eigentlich noch geschehen müsse, damit die israelische Gesellschaft den Ernst der Lage erkenne?

Für viele junge Israelis wird diese Frage im Alltag von anderen Dingen überlagert. David ist 19 und hat im November seinen Militärdienst begonnen. Noch vor wenigen Monaten war er Schüler, heute ist er im Norden Israels im Einsatz, im Personalbereich seiner Einheit. 

Dennoch gehören Israelis unter 25 Jahren laut World Happiness Report zu den zufriedensten weltweit – sie liegen auf Platz 3.

„Ich glaube, Glück und schwierige Situationen widersprechen sich nicht“, sagt er. Ein Grund dafür seien die engen sozialen Strukturen im Land. „Man ist ständig mit Leuten zusammen.“ In den ersten Monaten habe er mit knapp 30 anderen Soldaten in einem Zelt geschlafen. „Es ist manchmal anstrengend und frustrierend – aber man ist nie allein.“ Dieses Gefühl von Zugehörigkeit sei gerade für junge Menschen wichtig.

Familie und Freunde

Natürlich gebe es angesichts der politischen Situation Sorgen über die Zukunft. „Aber im Alltag geht es oft um etwas Anderes.“ Für viele seiner Freunde hätten Beziehungen, Freundschaften und Familie größeren Einfluss auf die eigene Zufriedenheit als politische Entwicklungen. „Das ist das, was für das persönliche Glück entscheidender ist.“ 

Auch Doron fühlt sich in Israel sehr wohl. Er habe zwei Jahre in Italien gelebt, sich aber immer stärker zu Israel hingezogen gefühlt – trotz des italienischen Weins. „In Israel fühle ich mich als Teil einer großen Familie“, sagt er. „In Italien war vieles individualistischer.“ Für ihn war es immer klar, dass er irgendwann in seine Heimat zurückkehren wird.

Am Ende des Abends kommen immer wieder Menschen kurz bei ihm vorbei, ohne etwas zu bestellen. Sie sagen Hallo, wünschen frohe Pessach-Feiertage, bleiben für ein paar Minuten stehen. Ein kurzer Plausch, eine herzliche Umarmung, ein lauter Abschiedsgruß – und dann gehen sie wieder. „Vielleicht liegt es daran, dass wir Israelis etwas dumm sind“, sagt Doron und lacht. „Aber wir können ganz gut mit der Situation umgehen. Und auch dieser Krieg wird irgendwann zu Ende gehen.“

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