Warum Israel die neue Bodenoffensive im Libanon begonnen hat
"Wir haben nur 8 Sekunden Vorwarnzeit, um die Schutzräume zu erreichen", erklärt Gabriel Neeman. Als Bezirkshauptmann von Schlomi, direkt an der Grenze zum Libanon, forderte er die Regierung am Sonntag auf, 20.000 Menschen aus dem Norden Israels erneut zu evakuieren. Und zwar "alle, die keinen Schutzraum direkt in ihren Wohnungen haben." Im Norden Israels hat sich der Krieg zurückgemeldet.
Warum Israel eine neue Bodenoffensive startet
Eigentlich wollte Israels Armee eine Evakuierung der Region wie zum Ende des Jahres 2023 vermeiden. Doch die Schiitenmiliz Hisbollah feuert im neuen Iran-Krieg wieder mit Drohnen und Granatwerfern auf Israel. Die Armee verlegte daher vier Elite-Divisionen in den Norden. Auch die militärische Offensive auf südlibanesischem Gebiet soll deutlich ausgedehnt werden.
Nach dem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah im November 2024 errichtete Israel mit sechs Stellungen längs der Grenze auf libanesischem Gebiet eine Kontrollzone, die zwischen fünf und neun Kilometern breit ist. Seitdem wieder Drohnen und Raketen im Norden Israels einschlagen, errichtete Israels Armee sieben neue Stellungen und erweiterte so die Kontrollzone um mehrere Kilometer. Was den besonders gefährlichen Einsatz von Granatwerfern erschweren soll.
Im vergangenen Jahr ging es Israel vor allem darum, die Schiitenmiliz an einer Rückkehr in den Südlibanon zu hindern. In den neuen Kämpfen zeigt sich aber, dass die Rückkehrversuche der Hisbollah erfolgreicher waren als angenommen. Daher will die Armee jetzt alte und neue Waffenverstecke zerstören, ebenso wie neue Produktionsstätten der Hisbollah weiter nördlich.
Mehr als eine Million Menschen neu auf der Flucht
Israels Armee geht dabei diesmal großflächig vor - und forderte die Bewohner von etwa 13 Prozent des libanesischen Staatsgebiets auf, andernorts Schutz vor der zu erwartenden Bodenoffensive zu suchen. Mehr als eine Million Menschen sind im Libanon seit Kriegsbeginn neu auf der Flucht. Am Montag riefen die Regierungen Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Kanadas und Großbritanniens in einer gemeinsamen Erklärung Israel auf, wegen der "verheerenden humanitären Folgen" von einer großflächigen Bodenoffensive abzusehen.
Im Gegensatz zu früheren Kampfrunden der Hisbollah mit Israel distanzierte sich die libanesische Regierung diesmal ausdrücklich von der Aggression der Terrormiliz. Verpflichtet das Waffenstillstandsabkommen von 2024 sie doch, die Hisbollah durch Einsatz der libanesischen Armee zu entwaffnen. Die ist aber weitaus schwächer als die hochmodern ausgerüstete Schiitenmiliz. Auch die überraschende Schlagkraft der Hisbollah im neuen Waffengang zeigt, wie erfolglos erste Versuche einer Entwaffnung waren.
UNO-Friedenstruppen vor Ort verletzt
US-amerikanische und französische Beobachter in Nordisrael und Beirut sorgten im vergangenen Jahr vor allem dafür, dass die libanesische Armee nicht in die ständigen Geplänkel zwischen Israel und der Hisbollah hineingezogen wurde. Mit vor Ort stehen aber auch noch die UNIFIL-Blauhelme, die schon seit 2006 vergeblich versuchen, die Spannungen in diesem Grenzgebiet abzubauen.
Blauhelmsoldaten der UNO-Friedenstruppe UNIFIL vor einem zerstörten Gebäude im Südlibanon.
Letzte Woche wurden zwei Soldaten aus Ghana schwer verletzt, als sie zwischen die Fronten gerieten. In direkter Nähe zur UNIFIL-Stellung hatten sich Hisbollah-Kämpfer versteckt. Israels Armee beschwerte sich darüber, dass die UNIFIL-Soldaten den Terroristen so "gewollt oder ungewollt" Deckung gegeben hätten. Das UN-Mandat war schon 2006 umstritten. Ende 2026 läuft es aus. Eine Verlängerung ist unsicher.
Das genaue Ziel der israelischen Bodenoffensive ist unklar. Es hängt vom ebenfalls unklaren Ausgang des Krieges gegen den Iran ab. Wobei Experten die Chancen auf einen Regimesturz in Teheran immer skeptischer einschätzen. Sollten doch wieder Millionen in Teherans Straßen gegen die Mullahs protestieren, dürfte dies auch das Ende der Hisbollah nach sich ziehen. Ohne Schutz und Nachschub aus Iran und Syrien.
Teile der israelischen Regierung träumen von Siedlungen im Südlibanon
Bis dahin ist es das Ziel Israels, die Hisbollah durch militärische Schläge zu schwächen. Einige Hardliner in der Regierungskoalition träumten bereits laut von israelischen Siedlungen im Südlibanon. Was jedoch von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht gerade bejubelt wurde. Eine frühere Sicherheitszone weckt bei den meisten Israelis nur schlechte Erinnerungen: Der Abzug Israels im Mai 2000 aus dem "libanesischen Sumpf" glich einer Flucht.
Experten und Armeeführungen sprechen sich für eine zeitlich begrenzte Pufferzone aus. Bis zu einer nachhaltigen Entwaffnung der Hisbollah. Selbst wenn diese letztlich nicht ohne neue Kämpfe durchgesetzt werden kann, sollte sie nur unter vorhergehenden und begleitenden diplomatischen Bemühungen erfolgen.
Tatsächlich soll die libanesische Regierung bereits Verhandlungen angeboten haben. Deren Ausgang wird ebenfalls vom Ende des Iran-Kriegs abhängen. Diplomatische Kontakte könnten letztlich sogar diplomatische Anerkennung bringen. Auf jeden Fall würden sie eine militärische Zwangsentwaffnung der Hisbollah politisch legitimieren.
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