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19.08.2017

Barcelona: Zwischen Schock und Gelassenheit

Langsam kehrt der Alltag ein – Barcelona will eine Stadt der Begegnung bleiben, nicht der Verriegelung.

Der Ort des Horrors hat anscheinend eine magische Anziehungskraft. Es ist Freitag, wenige Minuten vor zwölf Uhr mittags im Zentrum von Barcelona, als Tausende Menschen eiligen Schrittes via Passeig de Gràcia Richtung Plaça Catalunya marschieren. Keine 24 Stunden ist es her, dass Terroristen an dem zentralen Platz jene Todesfahrt gestartet haben, die auch heute noch die weltweiten Nachrichtenlage bestimmen wird.


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Die mehr oder weniger edlen Boutiquen auf der bekanntesten Einkaufsstraße der Stadt lassen die Passanten in diesem Moment auffällig unauffällig links und rechts liegen. Kein Blick in die opulente Auslage von Chanel, kein kurzer Besuch bei Zara. Die Zeit drängt: Für zwölf Uhr ist eine Schweige- und Trauerminute angekündigt – ein symbolischer Akt, den man in den vergangenen Monaten viel zu oft zelebrieren musste: in Paris, in Brüssel, in Nizza. Nun in Barcelona, einer der populärsten Touristenstädte Europas.

Der von der Polizei für den Straßenverkehr gesperrte Platz ist längst prall gefüllt. Nur herrscht an diesem Tag ausnahmsweise keine Hektik. Vorsichtig wird miteinander umgegangen auf der Plaça Catalunya, die für diesen Moment auf einmal wieder allen gehört: Anwohnern und Touristen. Üblicherweise meiden Einheimische diesen Ort. Weil er hektisch und schrill geworden ist durch die Zigtausenden Tagesgäste, die von Billigfliegern abgesetzt oder von Kreuzfahrtschiffen angespült werden.

Seltener Zusammenhalt

An diesem Freitag ist nichts wie immer in der Millionenmetropole, die in etwa so viele Einwohner zählt, wie Wien, deren dichtes Treiben in der Innenstadt aber eher an Manhattan erinnert.

Eine friedliche wie beängstigende Stille hat sich über die Plaça gelegt. Lediglich kollektives Klatschen ist zu hören – und zwar immer dann, wenn eines der wenigen zugelassenen Autos vorfährt und eine der hochrangigen Personen aus dem Königshaus oder der Regierung zur Gedenkfeier schreitet. Selbst der in Katalonien unbeliebte Premier Spaniens, Mariano Rajoy, der Madrider Zentralismus verkörpert wie kein Zweiter, erntet ausnahmsweise keine Buh-Rufe.

Wenige Wochen vor der nächsten Abstimmung über die Unabhängigkeit der Autonomen Region vom spanischen Staat wird seltener Zusammenhalt zelebriert. Es ist eines von vielen symbolhaften Bildern an diesem Tag für die Medienschar, die mit ihren Fernsehkameras, Stativen und Übertragungswägen auf einer Seite des Platzes Stellung bezogen hat.

Kaum weniger Kameras sind auf den Ramblas positioniert worden. Auf der bekannten und belebten Flaniermeile der Stadt hat der Terror am Donnerstag eine Verwüstung über mehrere hundert Meter hinterlassen. Die gröbsten Spuren sind mittlerweile weggekehrt oder weggespült worden. Nur hier und dort sind noch Blutflecken zu erkennen bei den zahlreichen, mit Blumen, Kerzen und Stofftieren verzierten Gedenkstellen.

Es ist ein Anblick, der bereits genügt, um sich das Unvorstellbare des Vortags doch irgendwie vorzustellen. Den Rest tun die teilweise kaum zu ertragenden Fotos in den Tageszeitungen. Es sind Bilder, die manche vielleicht sehen wollen, die aber niemand sehen sollte. Selbst die vielen katalanischen und spanischen Sportzeitungen, die zu den meistgelesenen des Landes gehören, haben die Sportberichterstattung hintangestellt. Die Aufschlagseiten zieren stattdessen Schlagzeilen wie "Schmerz", "Horror" oder "Wir können nicht über Sport sprechen".

Keine Boller

An anderen Tagen verbindet Barcelona mühelos mediterrane Gelassenheit mit multikultureller Größe. Der Schock sitzt tief, auch wenn ihn sich die Stadt nicht anmerken lassen will. Die Polizei ist präsent, ohne jedoch ein Gefühl der permanenten Bedrohung auszustrahlen. So hat es auch die Bürgermeisterin Barcelonas, Ada Colau, angekündigt, als sie noch Donnerstagnacht vor die Bevölkerung trat.

Schutzblöcke aus Beton, die nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin in vielen Städten errichtet wurden, wird es in Barcelona wohl auch in näherer Zukunft nicht geben. Die Stadt solle weiterhin ein Ort der Begegnung bleiben, keiner der Verriegelung.

Am Ernst der Lage ändert das nichts. Seit den Anschlägen auf den Hauptbahnhof in Madrid 2004, die rund 200 Todesopfer forderten, ist Spanien eines der engagiertesten Länder Europas in Sachen Terrorbekämpfung und -erkennung. Einen zweiten geplanten Anschlag im Ferienort Cambrils, rund 90 Autominuten südlich von Barcelona, haben die Einsatzkräfte in der Nacht auf Freitag verhindern können.

Ein kleiner Lichtblick, wenn auch kein Trost für all jene an diesem Freitag auf den Ramblas. Nur langsam bestimmt der Alltag wieder das Tempo der Stadt. Am Nachmittag nehmen auch die vielen roten Sightseeing-Busse, die das Stadtbild längst mitprägen, wieder Fahrt auf. Und auf den Ramblas ruft ein Polizist den Passanten zu: "Vorsicht. Auch heute gibt es Taschendiebe!"

Verwirrung um Hauptverdächtigen

  • Bei dem Anschlag in Barcelona kamen am Freitag 14 Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt.
  • Laut spanischen Medien wurde der Attentäter bereits in der Nacht in Cambrils erschossen, die Polizei konnte entsprechende Berichte nicht bestätigen.
  • Die Terrormiliz IS reklamiert den Anschlag für sich. Er sollte Sicherheitskreisen zufolge nur einer von mehreren sein. Die Verdächtigen hätten weitere Angriffe mit Gasflaschen geplant.
  • Bis dato wurden vier Verdächtige festgenommen.

Auch am Tag nach dem Zwischenfall in Cambrils, bei dem fünf mutmaßliche Attentäter erschossen wurden, herrscht weiter Unklarheit darüber, ob sich unter den Toten auch der 17-jährige Hauptverdächtige Moussa O. befindet. Die Polizei dementierte noch am Freitag entsprechende Pressemeldungen. Er könne das nicht bestätigen, sagte Polizeichef Josep Lluis Trapero.

Vater geschockt

Der Nachrichtenagentur AFP sagte der Vater von Moussa O. hingegen, er habe erfahren, dass sein Sohn nach dem Anschlag in Cambrils getötet worden sei. Nun stehe er "unter Schock", sagte Said O. unter Tränen. Über seinen 27-jährigen Sohn Driss, der mit drei weiteren Verdächtigen in der nordostspanischen Stadt Ripoll festgenommen wurde, sagte er, er hoffe, dass dieser sich als unschuldig erweise.

Nach Angaben des Vaters lebt die Mutter der beiden jungen Männer in Ripoll. Ihr habe die spanische Polizei die Nachricht von Moussas Tod überbracht. Said O. lebt in Melouiya, einem Dorf in einer armen ländlichen Region im Atlas-Gebirge im Zentrum Marokkos.

Größere Anschlagspläne

Der Doppelanschlag in Spanien geht nach Erkenntnissen der Polizei auf das Konto einer mutmaßlichen Terrorzelle mit offenbar noch größeren Anschlagsplänen. Die Attentate in Barcelona und Cambrils seien "in rudimentärerer Weise" begangen worden als geplant, sagte Trapero am Freitag.

Die bisherigen Ermittlungen deuteten daraufhin, dass es eine "Personengruppe" gebe, die von den Orten Ripoll und Alcanar bei Barcelona aus agiert habe, sagte der Polizeichef. Die Attentäter handelten offenbar überstürzt, nachdem die noch größeren Anschlagspläne scheiterten.

Einzelner Polizist erschoss vier Attentäter

Bei dem mutmaßlich vereitelten Terroranschlag in Cambrils erschoss ein einzelner Polizist vier der fünf Angreifer. Das bestätigte die katalanische Polizei am Freitag. Die mit Äxten und Messern bewaffneten Männer seien auf ihn zugelaufen, nachdem sich ihr Auto während der Verfolgungsfahrt mit der Polizei überschlagen hatte, schrieb die spanische Zeitung "La Vanguardia". Daraufhin eröffnete der Polizist das Feuer.

Der Zwischenfall in Cambrils ereignete sich nur wenige Stunden, nachdem ein Terroranschlag mit einem Lieferwagen in der rund 100 Kilometer nördlich gelegenen Metropole Barcelona 13 Menschen das Leben gekostet hatte. Die fünf mutmaßlichen Terroristen von Cambrils standen nach Angaben der Polizei kurz davor, einen ähnlichen Anschlag wie in Barcelona zu verüben. Eine Frau wurde in Cambrils von flüchtenden Terroristen getötet.

Der Beamte, der die vier Männer erschoss, wird nach Informationen von "La Vanguardia" psychologisch betreut. Der fünfte mutmaßliche Terrorist wurde von einem weiteren Polizisten erschossen, berichtete die Zeitung weiter. Zuvor habe er noch einen Passanten mit einem Messer im Gesicht verletzt.

Identitäten der Opfer unklar

Die Herkunft der 13 Toten des Terroranschlags von Barcelona ist noch immer nicht völlig geklärt. Fünf der Opfer seien noch nicht identifiziert, sagte ein Vertreter der katalanischen Regionalregierung am Freitag bei der Ankunft von Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) in Barcelona. Damit sei auch noch nicht auszuschließen, dass Deutsche unter den Toten seien, fügte er hinzu, aber bisher habe man noch keine Erkenntnisse darüber.

Bei dem Terroranschlag auf der Flaniermeile La Rambla im Herzen von Barcelona war der Fahrer eines Lieferwagens mit hohem Tempo am Donnerstagnachmittag in mehrere Menschengruppen gerast. Dabei gab es auch mehr als 100 Verletzte, darunter eine Österreicherin, die aber das Spital bereits verlassen konnte.

Details zu den möglichen Tätern und ihren Motiven sind zwar noch immer nicht bekannt sind, die Behörden gehen inzwischen aber davon aus, dass die Attentäter von Barcelona und Cambrils zu einer gemeinsamen Terrorzelle - bestehend aus zwölf Personen - gehörten.

Rückkehr zur Normalität

Am Vormittag kehrten die ersten Menschen auf die Rambla zurück. "Einerseits geht das Leben weiter, aber irgendwie ist die Stimmung schon anders, die Leute reden darüber", berichtet Anrainer Marti Estruch am Freitagvormittag. Er war gestern wegen des Anschlags nicht in seine Wohnung, gleich neben der Einkaufsstraße, zurückgekehrt.

Einige Bereiche waren weiter abgesperrt. Die spanische Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Zu Mittag wurde mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht. Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy nahm an einem Treffen des Sicherheitsausschusses in Barcelona teil.

Schweigeminute auf der Plaça de Catalunya

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Tauben fliegen auf, als sich die Menschen zur Schweigeminute versammeln.

Auch König Felipe von Spanien (Mitte) und Spaniens Premierminister Mariano Rajoy nahmen an der Schweigeminute teil.

Weitere Impressionen

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Islamistisch motiviert

Dass es sich bei dem Anschlag um islamistisch motivierten Terror handelt, gilt inzwischen als unumstritten. Das IS-Internet-Sprachrohr Amaq erklärte, die Angreifer hätten die Operation als Antwort auf den Ruf der Extremisten-Miliz ausgeführt, Ziele in den Ländern der Anti-IS-Koalition ins Visier zu nehmen. Zu der von US-Streitkräften angeführten Koalition gegen die sunnitische Miliz in Syrien und dem Irak gehören auch mehrere Hundert spanische Soldaten, die im Irak Soldaten ausbilden.

Fraglich ist jedoch nach wie vor, ob der Anschlag lediglich vom IS "inspiriert" war, sagt Terror-Experte Peter Neumann. Oder ob es sich tatsächlich um eine vom IS geplante Aktion handelt (mehr dazu hier).

Drei der vier Verdächtigen Marokkaner

Experten halten insbesondere Barcelona für den Hotspot des Dschihadismus in Spanien. "Die Hälfte der salafistischen Gemeinden, die als Horte der Radikalisierung gelten, sind in Barcelona", erklärt der in Spanien lebende Journalist Hans-Günter Kellner gegenüber dem Schweizer Rundfunk.

Dass unter den vier inzwischen festgenommenen Verdächtigen drei Marokkaner sind, deckt sich mit den Erkenntnissen Kellners. Von den insgesamt rund 260 in den vergangenen Jahren Festgenommen, stammte der Großteil aus Marokko. "Die Marokkaner sind die nicht nur die größte Gruppe der Muslime in Spanien, sondern sie machen auch den größten Teil der radikalisierten Muslime aus", sagt Kellner.

Frühe Warnung wurde ignoriert

Der Anschlag in Barcelona löste indes auch eine neue Sicherheitsdebatte aus. Einmal mehr stellt sich die Frage: Was können die Behörden unternehmen, um weiche Ziele wie öffentliche Plätze zu schützen? Wie spanische Medien am Freitag übereinstimmend berichteten, hatte das spanische Innenministerium und die Polizeiführung die Verantwortlichen in Barcelona schon vor Monaten vor der Gefahr eines Terroranschlags auf der Flaniermeile Las Ramblas gewarnt. Die Stadtverwaltung sei der Empfehlung, Poller an den Rändern des Boulevards aufzustellen, aber nicht gefolgt.

In Berlin, Nizza, Stockholm und London waren bereits Attentate mit Lastwagen oder Kleintransportern verübt worden, die Islamisten für sich reklamieren. In Madrid hatten Islamisten im März 2004 Sprengsätze in Nahverkehrszügen gezündet. Dabei waren 191 Menschen getötet und mehr als 1800 verletzt worden.


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