Politik | Ausland
19.08.2017

Barcelona: Polizei sucht 22-jährigen Marokkaner

Spaniens Innenminister sieht Gefahr durch Terrorbande inzwischen gebannt. Haupttäter ist aber möglicherweise noch auf freiem Fuß.

Nach dem Anschlag von Barcelona sucht die Polizei nach einem 22-jährigen Marokkaner. Die Ermittler verbreiteten am Samstag ein Fahndungsfoto des gesuchten Younes Abouyaaqoub (siehe Bild unten, ganz rechts). Es könnte sich nach Informationen spanischer Medien um den Fahrer des Lieferwagens handeln, der am Donnerstagnachmittag auf der Flaniermeile La Rambla in die Menschenmenge raste.

Die Polizei bestätigte dies aber nicht. Es stehe weiterhin nicht fest, wer den Lieferwagen gesteuert habe, teilte die Polizei mit. Der Täter befindet sich möglicherweise noch auf freiem Fuß. Bei dem Anschlag wurden 13 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt.

Dennoch hält die spanische Regierung die Terrorzelle für zerschlagen. "Wir können sagen, dass die Zelle von Barcelona total zerschlagen ist - und zwar auf der Grundlage der Personen, die ums Leben gekommen sind oder die festgenommen worden sind, sowie aufgrund der Identifizierungen, die vorgenommen wurden", sagte Innenminister Juan Ignacio Zoido am Samstag vor Journalisten.

Die spanische Regierung lehnte es auch ab, die Terrorwarnstufe anzuheben. In Spanien gilt bereits seit zwei Jahren die zweithöchste Terrorwarnstufe 4. Sie bedeutet, dass ein "erhebliches Risiko eines terroristischen Anschlags" besteht. Allerdings würden die Sicherheitsvorkehrungen ab sofort verschärft, kündigte Zoido an. Einzelheiten wollte er aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

"Kreuzfahrer" im Visier

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Angriffe in Spanien für sich. Mehrere Glaubenskämpfer hätten sie in zwei Gruppen ausgeführt und "Kreuzfahrer" ins Visier genommen, teilte der IS in einer Erklärung am Samstag über das Internet mit. Bisher war das IS-Bekenntnis nur von seinem Sprachrohr Amaq verbreitet worden.


Reportage aus Barcelona: Zwischen Schock und Gelassenheit

Aus Polizeikreisen verlautete, es sei ein Ausweis von Abouyaaqoub im zweiten Kleinlaster gefunden worden, der vermutlich als Fluchtfahrzeug hätte dienen sollen und der von den Behörden sichergestellt wurde. Derzeit gehe man davon aus, dass, sollte Abouyaaqoub die Todesfahrt auf La Rambla unternommen haben, ihm auf Höhe des Opernhauses Liceu die Flucht gelungen sei.

Attentäter mussten Plan ändern

Den ersten Ermittlungen zufolge soll eine Terrorzelle von zwölf Beteiligten für den Anschlag von Barcelona und den in der Nacht zum Freitag folgenden Anschlag von Cambrils verantwortlich sein, bei dem eine Frau getötet und sechs weitere Menschen verletzt wurden.

Fünf von ihnen wurden in Cambrils getötet, vier wurden festgenommen. Drei weitere sind noch nicht gefunden. Einer oder zwei von ihnen könnten bei der Explosion in dem Wohnhaus in Alcanar am Mittwoch umgekommen sein.

Die Terrorzelle soll von den Orten Ripoll und Alcanar in Katalonien aus agiert haben. Nachdem sich in Alcanar in der Nacht zum Donnerstag eine Explosion ereignete, bei der ein Wohnhaus zerstört wurde, änderten die Attentäter den Ermittlern zufolge ihre Planungen und verübten die Anschläge ohne Sprengstoff.

Bei der Explosion in Alcanar gab es unterschiedlichen Angaben zufolge ein oder zwei Tote sowie sieben Verletzte. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP sah am Ort der Explosion rund 30 Gasflaschen. Die katalanische Polizei erklärte am Freitag, die Terrorzelle habe ursprünglich einen "noch größeren Anschlag" geplant. Nach der Explosion von Alacanar hätten die Attentäter "nicht mehr das Material gehabt, um Anschläge noch größeren Ausmaßes zu verüben".

Hausdurchsuchung in Ripoll

Die Polizei durchsuchte am Samstagmorgen in der Stadt Ripoll nördlich von Barcelona das Haus eines Imams. Die Sicherheitskräfte hätten nach DNA-Proben gesucht, berichtete die Zeitung "El Pais" unter Berufung auf Polizeikreise. Es gebe die Vermutung, dass es sich bei einer der beiden Leichen, die in der von einer Explosion zerstörten Wohnung in Alcanar gefunden worden waren, um den muslimischen Geistlichen handeln könnte.

Zu der Terrorzelle zählten den Ermittlungen zufolge ein marokkanisches Bruderpaar - der 17-jährige Moussa Oukabir, der zusammen mit vier weiteren mutmaßlichen Attentätern in Cambrils erschossen wurde, und sein 27-jähriger Bruder Driss Oukabir, der in Ripoll festgenommen wurde. Der 17-Jährige war zunächst als möglicher Fahrer des Lieferwagens bei dem Anschlag in Barcelona genannt worden.


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Terroristen suchen nach Schlagzeilen

Der Deutsche Rolf Tophoven studierte Germanistik und Geschichtswissenschaft mit den Schwerpunkten Militärgeschichte und Guerillakriegsführung an der Universität Münster. Er gründete mit dem Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes das Institut für Terrorismusforschung in Bonn , seit 2003 ist er für dieses alleinverantwortlich. Tophoven hat mehrere Bücher über den europäischen Terror geschrieben und ist als Experte oft zu Gast bei ARD oder ZDF.

KURIER: Warum wurde Barcelona diesmal als Ziel gewählt?

Tophoven: Terroristen suchen nach Schlagzeilen. Die finden sie nicht, wenn sie in Oberösterreich durch ein mittelgroßes Dorf fahren. Spanien ist ein attraktives Urlaubsziel und es war – auch wegen der guten Arbeit der Behörden – seit den Anschlägen 2004 in Madrid ruhig dort. Barcelona ist als bekannte Stadt natürlich attraktiv. Und nachdem es in Tunesien oder der Türkei Probleme gibt, bleiben nur einige Urlauberparadiese übrig, wo man noch sicher sein kann.

Was Sie hier beschreiben, das trifft genauso auch auf Österreich zu. Ein ruhiges Land und ein Urlaubsparadies...

Österreichs Neutralität und die neutrale Rolle in den Konflikten sind eine Schutzwand. Wir haben allerdings derzeit eine terroristische Gemengelage, bei der man nicht mehr prognostizieren kann, wer wann wo zuschlägt. Bei einer Million Menschen, die nach Europa gekommen sind, sind natürlich auch welche dabei, die nicht so gut sind. Das ist kein Grund für einen Generalveradcht und der große Knall in Österreich ist bisher ausgeblieben. Es gibt aber keine Indikatoren, dass das ewig so bleiben muss, siehe möglicherweise in Turku.


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Es ist auffällig, dass nun fast immer Personen aus Nordafrika Terroranschläge durchführen. Wieso ist das so?

Man darf nicht vergessen, dass etwa 6000 junge Tunesier beim IS waren. Spanien hat auch eine Nähe zu diesen Ländern. Nordafrika ist aber ein Rekrutierungsraum.

Hat das mit den staatlich schwachen Institutionen dort zu tun?

Ganz sicher, es gibt im nordafrikanischen Bereich viele failed States, etwa Sudan oder Somalia. Andere Staaten sind sehr schwach, auch die staatlichen Autoritäten teilweise. In Marokko gibt es stärker werdende Probleme mit Terrorismus, auch innerhalb des Landes.

Manche Experten sagen, dass der IS seine Rolle verliert und Al-Quaida wieder eine stärkere Bedeutung bekommen wird. Teilen Sie diese Ansicht?

Al-Quaida wurde vom IS überrannt, Al-Quaida organisierte den ersten terroristischen Super-GAU mit dem 11. September. Danach gab es mehrere vergleichsweise kleinere Anschläge, mit dennoch vielen Toten. Der IS war zunächst einer der Krakenarme von Al-Quaida und hat sich durchgesetzt. Aber schlussendlich sind das nur Logos des militanten islamistischen Terrors – das kann der IS, das kann Al-Quaida oder genauso gut Boko Haram sein.

Kann sich Europa schützen? Macht es Sinn, die Innenstädte zu verbarrikadieren, etwa mit Pollern?

Beim Terror muss man immer an das Unmögliche denken. Werden die Citys geschützt, dann wird ein Anschlag mit einer beladenen Drohne stattfinden. Es ist nur eine Frage der Zeit und wie viele Kilogramm Sprengstoff diese transportieren wird. Der Terrorist von heute bedient sich im Supermarkt und sucht sich dort etwas aus, zum Beispiel ein Messer. Gibt es Poller, dann geht er eben vor den Stephansdom und nimmt dort die Gläubigen mit dem Messer ins Visier. Dass Terroristen Nuklearwaffen haben ist Bullshit, heute verwendet man einfache Mittel. In Österreich gibt es mit der Cobra aber eine sehr gute Anti-Terror-Einheit, wie ich weiß.

Sind die Terroristen gut vernetzt oder sind das alles Einzelanschläge?

Es gibt Einzeltäter; es gibt Zellen, die sich untereinander kennen, aber die andere nicht; und es gibt Kommandoaktionen, die in Rakka geplant werden. Barcelona ist sicher nicht das Ende. Aber vielleicht würde es helfen, wenn der Boulevard diese Meldungen nicht auf der Titelseite hat, sondern nur klein hinten berichtet. Dann wäre es auch für die Terroristen uninteressanter.


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SPANIEN: Eine Frau starb nach Angaben des katalanischen Zivilschutzes nach dem vereitelten Angriff im Badeort Cambrils. Auf Barcelonas Flaniermeile La Rambla starben ein 60-jähriger Mann und sein Großneffe, wie die Zeitung "El Pais" unter Berufung auf örtliche Behörden berichtete. Zudem sei eine 75-jährige Frau aus Barcelona ihren schweren Verletzungen erlegen, meldete die Agentur Europapress.

ITALIEN: Nach Angaben des italienischen Außenministeriums starben zwei Italiener in Barcelona: Ein 35-Jähriger und ein 25-Jähriger.

USA: US-Außenminister Rex Tillerson bestätigte den Tod eines US-Bürgers in Barcelona.

KANADA: Ministerpräsident Justin Trudeau teilte mit, dass in Barcelona ein Kanadier getötet worden sei.

BELGIEN: Nach Angaben von Außenminister Didier Reynders starb ein belgischer Staatsbürger in Barcelona.

PORTUGAL: Behörden des Landes zufolge kam eine 74-Jährige aus Lissabon in Barcelona ums Leben.