Barcelona: Attentäter soll noch auf der Flucht sein

Die katalanische Polizei dementiert Meldungen, wonach der Attentäter bereits bei einem Zwischenfall in der Nacht erschossen worden sei. Zugeschrieben wird die Tat einer Terrorzelle aus insgesamt zwölf Personen. Weitere Anschläge sollen geplant gewesen sein.
  • Bei dem Anschlag in Barcelona kamen am Freitag 14 Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt.
  • Laut spanischen Medien wurde der Attentäter bereits in der Nacht in Cambrils erschossen.
  • Die Terrormiliz IS reklamiert den Anschlag für sich. Er sollte Sicherheitskreisen zufolge nur einer von mehreren sein. Die Verdächtigen hätten weitere Angriffe mit Gasflaschen geplant.
  • Bis dato wurden vier Verdächtige festgenommen.

Nach Angaben der katalanischen Polizei könnte der Attentäter von Barcelona noch am Leben sein. Polizeichef Josep Lluis Trapero dementierte am Freitagabend im Fernsehen Pressemeldungen, wonach der Fahrer des Fahrzeugs, das am Donnerstag 13 Menschen getötet hatte, erschossen worden sei. Er könne das nicht bestätigen.

"Das ist eine Möglichkeit, es verliert aber (...) an Gewicht", formulierte der Polizeichef von Katalonien. Am Donnerstag waren nur wenige Stunden nach der Amokfahrt über die Flaniermeile La Rambla in Barcelona in dem katalanischen Badeort Cambrils fünf mutmaßliche Terroristen von der Polizei erschossen worden. Spanische Medien vermeldeten anschließend, der Attentäter sei einer von ihnen gewesen.

Größere Anschlagspläne

Der Doppelanschlag in Spanien geht nach Erkenntnissen der Polizei auf das Konto einer mutmaßlichen Terrorzelle mit offenbar noch größeren Anschlagsplänen. Die Attentate in Barcelona und Cambrils seien "in rudimentärerer Weise" begangen worden als geplant, sagte Trapero am Freitag.

Die bisherigen Ermittlungen deuteten daraufhin, dass es eine "Personengruppe" gebe, die von den Orten Ripoll und Alcanar bei Barcelona aus agiert habe, sagte der Polizeichef. Die Attentäter handelten offenbar überstürzt, nachdem die noch größeren Anschlagspläne scheiterten.

Einzelner Polizist erschoss vier Attentäter

Bei dem mutmaßlich vereitelten Terroranschlag in Cambrils erschoss ein einzelner Polizist vier der fünf Angreifer. Das bestätigte die katalanische Polizei am Freitag. Die mit Äxten und Messern bewaffneten Männer seien auf ihn zugelaufen, nachdem sich ihr Auto während der Verfolgungsfahrt mit der Polizei überschlagen hatte, schrieb die spanische Zeitung "La Vanguardia". Daraufhin eröffnete der Polizist das Feuer.

Der Zwischenfall in Cambrils ereignete sich nur wenige Stunden, nachdem ein Terroranschlag mit einem Lieferwagen in der rund 100 Kilometer nördlich gelegenen Metropole Barcelona 13 Menschen das Leben gekostet hatte. Die fünf mutmaßlichen Terroristen von Cambrils standen nach Angaben der Polizei kurz davor, einen ähnlichen Anschlag wie in Barcelona zu verüben. Eine Frau wurde in Cambrils von flüchtenden Terroristen getötet.

Der Beamte, der die vier Männer erschoss, wird nach Informationen von "La Vanguardia" psychologisch betreut. Der fünfte mutmaßliche Terrorist wurde von einem weiteren Polizisten erschossen, berichtete die Zeitung weiter. Zuvor habe er noch einen Passanten mit einem Messer im Gesicht verletzt.

Identitäten der Opfer unklar

Die Herkunft der 13 Toten des Terroranschlags von Barcelona ist noch immer nicht völlig geklärt. Fünf der Opfer seien noch nicht identifiziert, sagte ein Vertreter der katalanischen Regionalregierung am Freitag bei der Ankunft von Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) in Barcelona. Damit sei auch noch nicht auszuschließen, dass Deutsche unter den Toten seien, fügte er hinzu, aber bisher habe man noch keine Erkenntnisse darüber.

Bei dem Terroranschlag auf der Flaniermeile La Rambla im Herzen von Barcelona war der Fahrer eines Lieferwagens mit hohem Tempo am Donnerstagnachmittag in mehrere Menschengruppen gerast. Dabei gab es auch mehr als 100 Verletzte, darunter eine Österreicherin, die aber das Spital bereits verlassen konnte.

Barcelona: Attentäter soll noch auf der Flucht sein

Details zu den möglichen Tätern und ihren Motiven sind zwar noch immer nicht bekannt sind, die Behörden gehen inzwischen aber davon aus, dass die Attentäter von Barcelona und Cambrils zu einer gemeinsamen Terrorzelle - bestehend aus zwölf Personen - gehörten.

Rückkehr zur Normalität

Am Vormittag kehrten die ersten Menschen auf die Rambla zurück. "Einerseits geht das Leben weiter, aber irgendwie ist die Stimmung schon anders, die Leute reden darüber", berichtet Anrainer Marti Estruch am Freitagvormittag. Er war gestern wegen des Anschlags nicht in seine Wohnung, gleich neben der Einkaufsstraße, zurückgekehrt.

Einige Bereiche waren weiter abgesperrt. Die spanische Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Zu Mittag wurde mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht. Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy nahm an einem Treffen des Sicherheitsausschusses in Barcelona teil.

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Islamistisch motiviert

Dass es sich bei dem Anschlag um islamistisch motivierten Terror handelt, gilt inzwischen als unumstritten. Das IS-Internet-Sprachrohr Amaq erklärte, die Angreifer hätten die Operation als Antwort auf den Ruf der Extremisten-Miliz ausgeführt, Ziele in den Ländern der Anti-IS-Koalition ins Visier zu nehmen. Zu der von US-Streitkräften angeführten Koalition gegen die sunnitische Miliz in Syrien und dem Irak gehören auch mehrere Hundert spanische Soldaten, die im Irak Soldaten ausbilden.

Fraglich ist jedoch nach wie vor, ob der Anschlag lediglich vom IS "inspiriert" war, sagt Terror-Experte Peter Neumann. Oder ob es sich tatsächlich um eine vom IS geplante Aktion handelt (mehr dazu hier).

Drei der vier Verdächtigen Marokkaner

Experten halten insbesondere Barcelona für den Hotspot des Dschihadismus in Spanien. "Die Hälfte der salafistischen Gemeinden, die als Horte der Radikalisierung gelten, sind in Barcelona", erklärt der in Spanien lebende Journalist Hans-Günter Kellner gegenüber dem Schweizer Rundfunk.

Dass unter den vier inzwischen festgenommenen Verdächtigen drei Marokkaner sind, deckt sich mit den Erkenntnissen Kellners. Von den insgesamt rund 260 in den vergangenen Jahren Festgenommen, stammte der Großteil aus Marokko. "Die Marokkaner sind die nicht nur die größte Gruppe der Muslime in Spanien, sondern sie machen auch den größten Teil der radikalisierten Muslime aus", sagt Kellner.

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Frühe Warnung wurde ignoriert

Der Anschlag in Barcelona löste indes auch eine neue Sicherheitsdebatte aus. Einmal mehr stellt sich die Frage: Was können die Behörden unternehmen, um weiche Ziele wie öffentliche Plätze zu schützen? Wie spanische Medien am Freitag übereinstimmend berichteten, hatte das spanische Innenministerium und die Polizeiführung die Verantwortlichen in Barcelona schon vor Monaten vor der Gefahr eines Terroranschlags auf der Flaniermeile Las Ramblas gewarnt. Die Stadtverwaltung sei der Empfehlung, Poller an den Rändern des Boulevards aufzustellen, aber nicht gefolgt.

In Berlin, Nizza, Stockholm und London waren bereits Attentate mit Lastwagen oder Kleintransportern verübt worden, die Islamisten für sich reklamieren. In Madrid hatten Islamisten im März 2004 Sprengsätze in Nahverkehrszügen gezündet. Dabei waren 191 Menschen getötet und mehr als 1800 verletzt worden.


Weiterführende Artikel

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>Der KURIER war Freitag Vormittag am Flughafen Wien-Schwechat, bei den Barcelona-Urlaubern überwiegt der Zweckoptimismus.
>Wie ist die Stimmung in Barcelona und welche Auswirkungen hat der Anschlag auf den Toursimus?
> Experten: "Barcelona ist Zentrum des Dschihadismus"

Josef Manola (ORF) zu den Folgen des Anschlags

"Times" (London):

"Nizza, Berlin, London, Stockholm. Vor der gestrigen Terrorattacke sind in Europa innerhalb von 13 Monaten bereits 116 unschuldige Menschen von Terroristen niedergemäht worden, die dafür die einfachsten Methoden gegen die am leichtesten zu treffenden Opfer verwendeten. (...) Wie soll das enden? Bei jedem Anschlag wird diese Frage sofort nach den ersten schockierenden Details und Videoszenen von Smartphones gestellt. Und wenn sich die Verdächtigen als radikalisierte Islamisten erweisen - wie das bisher bei jeder dieser Gräueltaten der Fall war - beinhaltet die beste Antwort, die man anbieten kann, die Bekämpfung der tieferen Ursachen des Problems - nämlich einer fanatischen Verzerrung des Islams, die einen Todeskult hervorbringt, der nicht mehr als eine Kreditkarte, eine Fahrerlaubnis und das Internet braucht, um zu gedeihen."

"Guardian" (London):

"Spanien hat nach den Anschlägen von 2004 kräftig in Kapazitäten zur Informationsbeschaffung und Terrorbekämpfung investiert. Das hat das Land 13 Jahre lang vor islamistischem Terror bewahrt. Groß angelegte Anschlagspläne konnten 2008 vereitelt werden. Im vergangenen Jahr hat das Land mindestens zehn verschiedene Terrorzellen entlarvt. In diesem Jahr wurden zwei weitere Netzwerke aufgedeckt, einschließlich einem mit Verbindungen zu anderen IS-Attentätern in Europa.

Die Briten mussten das in diesem Jahr lernen: Nur weil es keine erfolgreichen Attentate gibt, bedeutet das nicht, dass es keine islamistischen Militanten gibt. Die letzte harte Lektion ist, dass es immer etwas oder jemanden gibt, der mit seinen Plänen am Ende doch durchkommt."

"Le Figaro" (Paris):

"Der Low-Cost-Terrorismus hat Europa wieder in seinem Herzen getroffen. Im spanischen Barcelona haben die Islamisten einmal mehr ein Symbol unserer offenen und festlichen Gesellschaft ins Visier genommen. (...) Bis zur Reconquista war die katalanische Hauptstadt ein Teil des (einst muslimischen) Territoriums 'Al-Andalus', das einen wichtigen Platz in der jihadistischen Propaganda einnimmt. Ob in Nizza, Berlin oder London, die Terroristen wählen immer einen symbolträchtigen Ort aus, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen."

"Sud-Ouest" (Bordeaux):

"Dieser erneute brutale Angriff auf ihre Lebensweise muss die Europäer noch enger zusammenschweißen in ihrem Widerstand gegenüber dieser abstoßenden Erpressung, der Sie ausgesetzt sind. Genau wie sie sich im November 2015 als Pariser, im März 2016 als Belgier, im Dezember 2016 als Berliner und im Frühjahr 2017 als Londoner oder Schwede gefühlt haben, können sie sich seit gestern umso mehr als 'Barcelones' fühlen."

"De Tijd" (Brüssel):

"Der Anschlag in Barcelona macht schmerzhaft deutlich, dass die Terrordrohung in Europa noch lange nicht vorbei ist. Und die Ziele werden immer 'weicher' und somit schwerer zu beschützen. (...) Das Risiko solcher Anschläge nimmt zu, je mehr die Terrororganisation IS daheim in Bedrängnis gerät. Der Anschlag auf der Promenade La Rambla lehrt, dass absolute Sicherheit eine Illusion ist, wie sehr sich die Behörden auch bemühen und welch drakonische Sicherheitsmaßnahmen auch immer getroffen werden.

Natürlich muss alles getan werden, um Terroristen und potenzielle Terroristen abzufangen und geplante Anschläge zu vereiteln. Das ist in erster Linie Aufgabe der Geheimdienste. Es ändert aber nichts daran, dass die Bedrohung durch den Terrorismus in Europa noch geraume Zeit anhalten wird, selbst wenn der IS im Irak und in Syrien endgültig geschlagen sein wird."

"Kathimerini" (Athen):

"Terroranschläge sind nun Routine in Europa geworden. Ziel ist die westliche Lebensart...Die Stunde hat geschlagen: Europa muss starke Mechanismen zur Konfrontation mit dem Terrorismus bekommen. Es reichen nicht mehr Solidaritätserklärungen und das Getöse der Statements der Verurteilung nachdem die Terroristen zugeschlagen haben. Taten brauchen wir."

"Lidove noviny" (Prag):

"Es ist schwer, bei Terroranschlägen nach Rationalität zu suchen. Wenn sie die Zahl der illegalen Migranten widerspiegeln würden, wäre Italien an der Reihe. Doch zu dem Anschlag kam es in Spanien, das von der Katastrophe der Völkerwanderung eher verschont geblieben ist. Damit kehren wir zu dem alten Klischee zurück, dass das Ziel des Terrors ist, die Menschen zu erschrecken und zu verunsichern. (...)

Die Woche begann mit einer Fahrt in eine Menschenmenge in den USA und Schlagzeilen wie 'Das Böse hat einen Namen: Es ist die Überlegenheit der Weißen'. Welchen Namen bekommt das Böse in Barcelona? Wird es genauso an den Pranger gestellt wie in den USA? Werden die Politiker Spaniens unter dem gleichen Druck wie (US-Präsident Donald) Trump stehen, die Ideologie der Täter ohne Relativierungen und Ausreden zu verurteilen? Denn erst dann wird man sagen können, dass die Eliten etwas gegen Angst und Verunsicherung unternehmen."

"Magyar Idök" (Budapest):

"Es reicht! Die, denen Europa nicht gefällt, die europäische Kultur, die hiesigen Gebräuche, sollen abhauen! Es ist völlig egal, ob sie der ersten oder x-ten Generation angehören, wo sie geboren sind, sie sollen dorthin gehen, wo sie solche in die Luft jagen, erschießen, mit Lieferautos niederfahren und mit Messern niederstechen können, die so ähnlich sind wie sie, doch von hier sollen sie sich sofort entfernen."

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