Politik | Ausland
18.08.2017

Barcelona-Terror: Ein Urlaubsland im Schock

Das sonnige Spanien galt Millionen Touristen als verlockendes und vor allem sicheres Urlaubsziel.

Es sind Bilder, die die Menschen in Spanien wohl nicht mehr vergessen werden. Ein Lieferwagen rast in Barcelona in die Menge, viele Menschen sterben. Wenig später werden 100 Kilometer entfernt fünf mutmaßliche Terroristen erschossen.

Das sonnige Spanien galt Millionen Touristen aus dem eher verregneten Norden Europas als verlockendes und vor allem sicheres Urlaubsziel. Keine politischen Unruhen oder gar Terroranschläge wie in der Türkei, Ägypten und Tunesien. Bis Donnerstagnachmittag, als ein junger Mann mit einem Miettransporter auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona mindestens 13 Menschen mit voller Absicht totfuhr und etwa 90 weitere zum Teil schwer verletzte. Nur wenige Stunden später werden in der Stadt Cambrils rund 100 Kilometer südwestlich von Barcelona fünf mutmaßliche Terroristen von der Polizei erschossen.


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Schock auf Flaniermeile

Binnen Sekunden verwandelte sich die Platanen bestandene Prachtmeile mit ihren mondänen Geschäften und schattigen Straßencafés in einen Ort des Grauens. Passanten wurden von der Wucht des Aufpralls durch die Luft geschleudert, Tote und Verletzte lagen auf dem Boden und Menschen liefen schreiend um ihr Leben, Bruchteile von Sekunden entschieden über Tod oder Leben. "Da lagen Menschen auf dem Pflaster, blutüberströmt, ich weiß nicht, ob sie noch lebten", erzählt eine junge Deutsche, die ihren Namen nicht nennen mag. Der Schock ist ihr ins Gesicht geschrieben, der Ausdruck starr und ungläubig.

Geschockt ist auch die ganze bisher so entspannte und in sich selbst ruhende Stadt. "Wie kann man so viel Hass in seinem Kopf haben, dass man Kinder überfährt, wofür wollte er sich denn rächen?", fragt Lorenzo und hebt hilflos die Arme. "Was immer dem Typen in seinem Leben widerfahren sein mag, so eine Tat ist einfach nicht zu verstehen." Mit seiner Frau wartet er seit Stunden darauf, wieder in seine Wohnung direkt am Ort des Anschlags gehen zu dürfen.

Todesfahrer noch immer nicht gefasst

"Es ist noch nicht sicher", wiederholen Polizisten auch nach Mitternacht noch gebetsmühlenartig, wenn sie Hunderte Anrainer und Touristen an den weiträumigen Absperrungen rund um den Anschlagsort stoppen. Der Todesfahrer, der nach seiner Bluttat zu Fuß flüchtete, ist noch nicht gefasst. Und südlich von Barcelona werden bei einer Polizeiaktion fünf mutmaßliche Terroristen getötet. Zehntausende Autofahrer sitzen auf allen Ausfallstraßen bis zu vier Stunden in kilometerlangen Staus, weil die Polizei an hastig errichteten Straßensperren Autor für Auto filzt.

Polizisten und Hotelangestellte ziehen mit Gruppen verunsicherter Urlauber durch die nächtlichen Straßen rund um den Anschlagsort, um ihnen sicheres Geleit zu ihren Hotels zu geben. Immer wieder versuchen einzelne, trotz der Flatterbänder durchzukommen, werden aber von energischen Polizisten verscheucht.

Anschlag in Barcelona: Chaos auf der Rambla

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In der spanischen Großstadt Barcelona ist am Donnerstag ein Kleintransporter in der Fußgängerzone "La Rambla" in eine Gruppe von Dutzenden Menschen gefahren.

Die Täter benutzten einen weißen Lieferwagen, den sie zuvor bei einem Verleih gemietet hatten.

Dutzende Menschen wurden verletzt, Medien berichten von bis zu 13 Toten. Die genaue Opferbilanz ist noch nicht klar.

Die Zeitung "El Pais" berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, der Fahrer des Wagens sei zu Fuß geflüchtet.

Medien berichteten ferner, in Barcelona hätten zwei bewaffnete Männer nach dem Zwischenfall ein Restaurant betreten und hätten sich dort verschanzt. Ministerpräsident Mariano Rajoy erklärte, die Regierung stehe mit allen Behörden in Barcelona in Kontakt.

Auf dem bekannten Markt "La Boqueria" hat es nach Angaben der Zeitung "El Periodico" eine Schießerei gegeben.

Ob die Vorfälle in Verbindung standen, war zunächst unklar.

Europäische Metropolen sind in den vergangenen Jahren immer stärker ins Fadenkreuz von Terroristen gerückt.

In Berlin, Nizza und London sind islamistische Attentate mit Lastwagen oder Kleintransportern als Waffen verübt worden.

In Madrid hatten Islamisten im März 2004 Sprengsätze in Nahverkehrszügen gezündet.

Dabei starben 191 Menschen, mehr als 1800 wurden verletzt.

Touristen saßen fest

"Es sind nur 18 Meter bis zu unserem Hotel", sagt Juri aus dem russischen Krasnodar entnervt. "Aber sie lassen uns einfach nicht durch, immer wieder heißt es, vielleicht in zehn Minuten", erzählt er. "Es ist eine große Tragödie, so wie der U-Bahnanschlag in St. Petersburg. Wirklich sicher ist man nirgendwo mehr, es ist einfach eine Frage des Glücks", sagt Juri und wartet weiter vor dem Flatterband der Polizei. Überall sitzen und stehen Grüppchen von Menschen, diskutieren oder starren auf die gespenstische Szenerie.

Manche halten sich einfach nur fest in den Armen. Selbst Polizisten mit Maschinenpistolen legen verschreckten Passanten schon mal den Arm um die Schulter. Noch immer jaulen Krankenwagen an Schaulustigen vorbei, Blaulicht zuckt durch die Nacht. Ansonsten ist die Stadt ungewöhnlich leer, die Menschen haben sich in den Schutz ihrer Häuser zurückgezogen, Straßenfeste wurden abgesagt.

Im katalanischen Touristenort Cambrils sind Polizisten wenig später im Einsatz. Fünf mutmaßliche Terroristen werden erschossen. Sieben Menschen werden verletzt, zwei davon schwer, wie der katalanische Zivilschutz berichtet. Die Ermittler gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen den Taten in Barcelona und Cambrils gibt. Möglicherweise wollten die mutmaßlichen Terroristen den Anschlag auf der Touristenmeile Las Ramblas nachahmen.

Verwirrung

Selbst, wer den Schrecken in Barcelona nicht unmittelbar erlebt hat, ist sehr verstört und verunsichert. "Ich kam gerade mit Freunden, die ein Baby dabei hatten, von einer Wohnungsbesichtigung", erzählt die Katalanin Sandra. Plötzlich sei ihnen ein Mann mit einem von Panik völlig entstellten Gesicht entgegengelaufen und habe gebrüllt: "Ein Terroranschlag". Die Menschen seien durcheinander gerannt, hätten sich in Läden und Restaurants geflüchtet. "Man weiß ja am Anfang gar nicht, was passiert ist, wo die Gefahr auf einen lauert, und mit einem Baby fühlt man sich noch verwundbarer", sagt die Frau.

Auch Judith und Augusto warten an einer Absperrung darauf, endlich in ihr Hotel zu dürfen. Sie sitzen auf dem Kantstein und sind froh, noch am Leben zu sein. "Nur 20 Minuten vorher waren wir da, wo der Anschlag war", erzählt die junge Mexikanerin.

"Wir sind ja viel Gewalt gewöhnt, Entführungen, Schießereien zwischen Drogenbanden, Auftragskiller und so, aber solche Anschläge wie hier gibt es in Mexiko nicht", sagt sie kopfschüttelnd. "Wir sind extra nach Spanien gekommen, um endlich mal in Ruhe Urlaub zu machen und nun dies", meint ihr Begleiter. "Und wo kann man denn nun noch sicher sein", fragt Judith. "Vielleicht auf dem Mond", antwortet sie sich selbst und zeigt auf den dunklen Himmel. Dort aber ist noch kein Mond zu sehen. Erst später taucht er über dem Horizont auf. Eine schmale, scharfe Sichel.