Politik | Ausland
18.08.2017

Experten: "Barcelona ist Zentrum des Dschihadismus"

Hälfte der salafistischen Gemeinden, die als Horte der Radikalisierung gelten, sind in Barcelona.

Bereits 50 Minuten nach der ersten Meldung, dass ein Transporter in eine Menschenmenge auf der Flaniermeile Las Ramblas im Zentrum Barcelonas gefahren war, waren sich die spanischen Behörden sicher: Das war ein Terroranschlag. Wenige Stunden später wurde die Amokfahrt bereits mit hoher Sicherheit der Terrormiliz IS zugeschrieben. Das hat mehrere Gründe.

Zum einen scheint das Bekennerschreiben des Islamischen Staates selbst authentisch, sagt Terrorexperte Peter Neumann im Interview mit dem Deutschlandfunk. „Es kam über die richtigen Kanäle.“ Zum anderen deute auch der „modus operandi“ auf den IS hin, hatte doch IS-Propagandachef Abu Muhammad al-Adnani 2014 dazu aufgerufen, "Ungläubige" in westlichen Staaten zu töten - und listete dabei auch das Überfahren mit Fahrzeugen als Möglichkeit auf.

Inspiriert oder organisiert?

Damit sei jedoch die Frage, welche Art der Verbindung es zum IS gab, noch nicht geklärt. War es lediglich ein vom IS inspirierter Anschlag oder einer, der direkt aus Syrien angewiesen und organisiert wurde? „Der IS nimmt alle solche Anschläge für sich in Anspruch“, sagt Neumann. Mit genaueren Antworten rechnet der Terrorexperte, der am Londoner King's College über politische Gewalt forscht, "in den nächsten 48 Stunden".


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Grundsätzlich gehören Terroranschläge – ob lediglich inspiriert oder im Detail geplant – aber jedenfalls zur Strategie des IS. „Das Ziel ist eine Form von asymmetrischer Kriegsführung. Es wird ganz deutlich gesagt: Ihr greift uns hier an, und wir schlagen dort zurück, wo es euch am meisten schmerzt“, sagt Neumann.

Damit werde jedes Land, das gegen den IS kämpfe, zum Ziel. Tatsächlich ist Spanien Teil jener Koalition, die unter US-Führung in Syrien gegen die Terrormiliz kämpft. An Bombenangriffen ist das Land jedoch nicht beteiligt.

"Foreign Fighters" nicht das Problem

Innenminister Jorge Fernández Díaz meinte 2015, die Gefahr von Terroranschlägen stehe im Zusammenhang mit der Zahl der islamistischer Kämpfer, die aus den Konfliktgebieten in Syrien in ihre europäischen Herkunftsstaaten zurückkehrten. In Spanien sei diese Zahl jedoch erheblich geringer als in Ländern wie Frankreich, Belgien, Großbritannien oder Deutschland. Insgesamt sollen in den vergangenen Jahren weniger als 100 Dschihadisten aus Spanien nach Syrien gereist sein.

Als größeres Problem sehen Experten heimische Schläferzellen. In den vergangenen fünf Jahren wurden nach spanischen Medienberichten 260 verdächtige Extremisten verhaftet. Spanien befindet sich seit Jahren in der vierten von fünf Terrorwarnstufen. 2004 waren die Zug-Anschläge in Madrid, bei denen 191 Menschen starben, die ersten Anschläge dieser neuen Form des Terrors, der Europa erreichte. Auch damals stammten die Täter zum großen Teil aus Marokko. Bei dem einzigen Verdächtigen, dessen Identität gestern von den spanischen Behörden kommuniziert wurde, handelt es sich mit Driss Oukabir um einen gebürtigen Marokkaner.

Auch von den Verdächtigen, die in den vergangenen Jahren verhaftet wurden, stammte der Großteil aus Marokko. „Die Marokkaner sind die nicht nur die größte Gruppe der Muslime in Spanien, sondern sie machen auch den größten Teil der radikalisierten Muslime aus“, erklärt der in Spanien lebende Journalist Hans-Günter Kellner gegenüber dem Schweizer Rundfunk.

Hälfte der salafistischen Gemeinden sind in Barcelona

Spanien gehe gegen diese Szene auch rigoros vor. Ein neues Gesetz verbietet schon das Aufrufen von salafistischen Seiten. Dennoch: Experten halten insbesondere Barcelona für den Hotspot des Dschihadismus in Spanien. „Die Hälfte der salafistischen Gemeinden, die als Horte der Radikalisierung gelten, sind in Barcelona“, erklärt Kellner. Es habe schon 2010 eine Nachricht der amerikanischen Botschaft an das Auswärtige Amt der USA gegeben, dass sich in Barcelona eine salafistische Szene ausbildet, die für den gesamten Mittelmeerraum gefährlich werden könnte.

Peter Neumann kritisierte in diesem Zusammenhang auch die aus seiner Sicht nach wie vor mangelnde Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Neumann sagte im Deutschlandfunk, es sei ein Skandal, dass zum Beispiel der Austausch von Daten nicht funktioniere. Die Situation habe sich in den vergangenen zwei Jahren zwar verbessert, der Austausch sei aber immer noch unzureichend. Schon in der Vergangenheit hätten sich IS-Terroristen dies zunutze gemacht.