© Andreas Rost

Zeitgeschichte
10/03/2020

30 Jahre Deutsche Wiedervereinigung: Von Euphorie und Enttäuschung

Jahrzehntelang trennte die innerdeutsche Grenze das Land und seine Menschen. Heute vor 30 Jahren wurden BRD und DDR vereint – wie steht es um die Einheit?

von Sandra Lumetsberger, Pilar Ortega

"Helmut, nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland" – Plakate kurz vor der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990. Der westdeutsche Kanzler Helmut Kohl (CDU) stand zwar nicht zur Wahl, aber eine Allianz, die für sein Versprechen stand: Das Land zu vereinen. Monate später wurde sie am 3. Oktober 1990 offiziell vollzogen. Das geteilte Land war wieder eines.

Gesellschaft der "kleinen Leute"

Zahlen und Umfragen zeigen aber nach wie vor soziale und wirtschaftliche Unterschiede, wie in der Verteilung von Vermögen, und Eliten bzw. Spitzenämtern. Soziologe Steffen Mau von der Humboldt-Universität, aufgewachsen in der Rostocker Großwohnsiedlung Lütten Klein, ist für seine Forschung nach 30 Jahren dorthin zurückgekehrt (Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp). Ein Ort, der den Osten heute noch repräsentiert, sagt er dem KURIER. "Die Bewohner haben eine turbulente Zeit hinter sich: Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung."

Seine Bilanz: Die ostdeutsche Gesellschaft ist noch immer mehrheitlich eine "der kleinen Leute", wo "eine Kultur des Duldens und der Passivität" existiert. Das hat sich teils vor der Einheit entwickelt, ist aber auch ihre Folge. Der erhoffte soziale Aufstieg blieb aus – "viele sind erstmal in eine Existenzkrise geschlittert".

In einem Land, das keine Arbeitslosen kannte, waren in den ersten Jahren nach der Einheit Millionen ohne Job. Die Wut vieler entlud sich auf der Straße – auch mit Blick auf die Versprechen. "Was wird aus uns?" fragten Demonstranten auf einem Plakat, festgehalten von Fotograf Andreas Rost, der den letzten Sommer der DDR dokumentierte (Aktuelle Ausstellung im Kupferstich-Kabinett Dresden).

Im Osten werde es bald "blühende Landschaften" geben, kündigte Kohl 1990 im Wahlkampf an. Eine Aussage, die er später laut Spiegel zurücknahm, er kannte den maroden Zustand der DDR-Wirtschaft, wollte angeblich aber das Selbstwertgefühl der Menschen nicht beschädigen.

Enttäuschungsanfällige Politik

"Es war eine enttäuschungsanfällige Politik", sagt Mau. Das zeigte sich bei den Verkäufen der Betriebe durch die Treuhand-Anstalt. Sie hat volkseigene Betriebe in Privateigentum überführt – mehrheitlich in westdeutsches. Man hätte die Menschen mehr daran beteiligen müssen, um selber Eigentum erwerben zu können. Die Ostdeutschen hatten kaum Immobilien und die Möglichkeit eine Hypothek aufzunehmen. "Über eine staatliche Linie hätte man ihnen Zugang zu Krediten geben können, damit sie selber unternehmerisch tätig werden."

Mehr Beteiligung hätte es auch beim Aufbau des Staates gebraucht, um Rechtswesen und Marktwirtschaft mitzugestalten. "Die Menschen hatten 1989 erst begonnen, sich zu ermächtigen. Es wurde viel ausdiskutiert und versucht, die Gesellschaft von innen zu reformieren. Mit der Wiedervereinigung gab es diese Notwendigkeit nicht mehr. Ein ready-made State wurde ihnen übergestülpt."

Umfragen weisen seit Jahren aber auch aus, dass Ostdeutsche in der Wiedervereinigung mehr Vor- als Nachteile sehen. Laut einer jüngsten Befragung von YouGov sehen sie aber 64 Prozent in der Ex-DDR als "unvollendet".

Keine zwingende Angleichung

Was man künftig besser machen kann? Respektieren, dass es Unterschiede gibt und man sich nicht an den Westen anverwandeln muss: "Solange sie nicht in Abgrenzung umschlägt, kann eine Ost-Identität, Jüngere ermutigen, zu bleiben, um was zu bewegen", findet der Soziologe.

Gleichzeitig birgt dies die Gefahr der Instrumentalisierung durch rechte oder rechtsextreme Parteien und Gruppen. Im Landtagswahlkampf 2019 nutzte die AfD den Wende-Narrativ und plakatierte mit "Hol dir ein Land zurück". Dabei stammen ausgerechnet die führenden Köpfe aus dem Westen: Der Thüringer Landeschef Björn Höcke saß als Kind vor dem Fernseher in Nordrhein-Westfalen als die Mauer fiel. Und der mittlerweile geschasste Brandenburger Rechtsaußen Andreas Kalbitz ist Bayer, der vor der AfD eine politische Laufbahn bei CSU und Republikanern hatte.

Angst vor dem Verschwinden und Fremden

Vor der AfD war es die NPD, die im Osten in durch Abwanderung geprägte Gegenden stießen und ein politisches Vakuum füllten, weiß Soziologe Mau. "Für Schrumpfgesellschaften ist das nicht untypisch", sagt er und verweist auf den Zusammenhang von Überalterung, demografischer Schumpfung und rechtspopulistischen wie ausländerfeindlischen Einstellungen: "Wer Angst vor dem Verschwinden hat, fürchtet auch das Fremde."

Etwas optimistisch stimmt ihn eine andere Tendenz: Es gibt mittlerweile wieder mehr Rückwanderung von West nach Ost - "da sind auch Leute dabei, die bringen andere Erfahrungen mit. Vielleicht gelingt es ihnen, Altes noch mal neu zu denken oder Projekte zu starten".

Rezepte sucht man auch, um der Skepsis gegenüber Institutionen und Demokratie entgegenzusteuern: Während im Westen 91 Prozent der Menschen die Demokratie für die beste Staatsform halten, sehen das im Osten nur 78 Prozent der Befragten, das ergab eine Studie des Beuftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Soziologe Mau überrascht dies nicht. Die Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen ist im Osten niedriger, auch die Parteibindung ist geringer, was wiederum zu weniger Repräsentanten im Bundestag führt.

Wenn man die Menschen durch traditionelle Parteiarbeit nicht erreicht, könnte es künftig mit Alternativen gelingen, etwa Bürgerräten: Per Los gewählte Bürger würden strittige politische Themen behandeln. Steffen Mau hält das Modell, das jüngst Bundstagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) vorgeschlagen hat, für sinnvoll. Ganz neu ist es nicht: Es wird in anderen Ländern wie Belgien angewendet und wurde sogar nach dem Mauerfall, als man erste demokratische Versuche wagte, neben den "Runden Tischen" praktiziert - bis nach wenigen Monaten die Einheit kam.

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