© Sandra Lumetsberger

Porträts
11/09/2019

Berliner Mauer: Wie geht es denen, die an der alten Grenze leben?

Sie ist nicht ganz verschwunden: Der KURIER traf Menschen, die dort wohnen, wo die Berliner Mauer einst für die Teilung Europas stand.

von Sandra Lumetsberger

War es ein Versprecher oder doch irgendwie geplant? Was der SED-Funktionär Günter Schabowski den Bürgern der DDR nach den anhaltenden Demonstrationen sagen wollte, führte am Ende zu viel mehr als neuen Reisebestimmungen: Noch am Abend des 9. Novembers 1989 liefen Tausende zu den Grenzen, die schließlich unter Druck geöffnet wurden.

Die Mauer ist an diesem Tag wortwörtlich nicht gefallen, aber es war der Anfang. Vereinzelt machten sich zwar Mauerspechte mit Pickel und Hammer ans Werk, doch es sollte dauern, bis die Wände großteils abgetragen wurden.

Wer heute durch Berlin oder entlang des ehemaligen Grenzverlaufs fährt, kann sie aber noch immer sehen: Grenzzäune, Wachtürme und Hinterlandmauern. Sie stehen mal an Häusern, in der Wiese oder in Begleitung von Gedenktafeln. Die KURIER-Redakteurin war mit dem Rad am Mauerweg unterwegs und hat Menschen getroffen, die heute an der alten Grenze leben; und mit ihnen darüber gesprochen, wie sie den Mauerfall erlebt haben und wie sie mit Ost-West-Konflikten und neuen Nachbarn umgehen.

"Wir sind schnell wieder auf die Beine gekommen"

Viola Bennies konnte mit ihrem Mann Uwe vor dem Mauerfall in den Westen ausreisen

Der Grenzzaun ist noch da, direkt am Garten eines Hauses. Außenstehenden würde er kaum auffallen. Viola Bennies erkennt ihn sofort. Die 56-Jährige lebte lange genug in der DDR, um zu wissen, wie das aussah. Damals in den 1980er-Jahren wollten sie und ihr Mann nur raus. Was ihnen gelungen ist – sie wurden freigekauft. Dass sie später im Süden Berlins in der Nähe eines alten Grenzstreifens wohnen, war Zufall.

Als junges Paar zog es beide von Brandenburg nach Berlin, Prenzlauer Berg. Richtig wohlgefühlt haben sie sich dort nicht; wie überhaupt im Staat, erklärt sie.  Für ihre Eltern war das schwer verständlich: "Euch geht es ja gut, sagten sie zu uns; aber Arbeit und Geld ist nicht alles im Leben. Wir wollten unseren Kindern die Freiheit bieten."

Ihr Mann war in kirchlichen Gruppen aktiv, stellte mehrere Ausreiseanträge – die Stasi hatte sie im Visier. 1988 wurde Uwe Bennies verhaftet. Seine Frau suchte indessen Kontakt zum bekannten Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der Freikäufe in den Westen organisierte. Er hatte wiederum in den jeweiligen Bezirken, wo sich der Inhaftierte befand, Anwälte, die das Mandat übernahmen.

Sechs Monate saß ihr Mann im Gefängnis, bis sie Post bekam: Der nächste Besuchstermin konnte nicht stattfinden. Das war das Zeichen, dass es losgeht. Ihr Mann wurde wie alle Häftlinge über Chemnitz nach Gießen gebracht und dann nach Berlin. Viola Bennies bekam nach sechs Wochen ihre Ausreisepapiere. Binnen 24 Stunden musste sie Ost-Berlin verlassen haben.Nur mit einem Koffer und den Kindern an der Hand ging sie zum "Tränenpalast". So hieß das Gebäude am Bahnhof Friedrichstraße – eine Abfertigungshalle für die Ausreise aus der DDR nach West-Berlin. Dort trennten sich Menschen; oder konnten einander wie die Bennies wieder in die Arme schließen.

Mittellos, aber glücklich über einen Neubeginn kam die Familie ins Notaufnahmelager Marienfelde im Süden Berlins, wo DDR-Flüchtlinge erstuntergebracht wurden. Nach den Vernehmungen bekamen sie ein Zimmer zugewiesen mit Gemeinschaftsküche und Bad am Gang.  

Die Entscheidung rüberzugehen, habe sie nie bereut, auch wenn sie nicht wusste, wie es weitergeht, und sechs Monate später die Mauer fiel. Wobei das haben sie fast verschlafen, erzählt sie. Ihr Bruder und ein Bekannter haben sie nachts rausgeklingelt – und erzählten, dass sie über die Mauer gesprungen sind und den ersten Zuge genommen haben. Sie sind dann die ganze Nacht vor dem Fernseher gesessen und haben sich die Beiträge angesehen.

Dass heute manche Menschen unzufrieden sind, könne sie bedingt verstehen. Klar, manche haben ihre Arbeit verloren; mussten von vorne beginnen. Der Unmut wurde oft weitergetragen – "aber man kann nicht nur jammern, man muss auch machen oder Initiative zeigen", sagt sie mit Blick auf ihre Erfahrungen: "Wir sind schnell wieder auf die Beine gekommen."

Später zogen sie aufs Land, bauten im Süden Berlins ein Haus. Gleich nebenan ist  ein grüner Streifen. Dort wo früher Grenzer auf Streife gingen, sind heute nur mehr Wildschweine aktiv. Sie haben nachts den Boden durchpflügt. Denen wolle sie lieber nicht begegnen, sagt sie und lacht. Ansonsten haben sie kein ungutes Gefühl. "Die Zeit ist lange her, da verbindet man nichts mehr damit", sagt sie. Im Frühling blühen die Kirschbäume. Morgens geht sie mit ihrem Mann joggen, läuft am Zaun vorbei.

Und plötzlich ging im Westen das Licht aus

Jürgen Jonzek, Vorstand im Kleingartenverein "Kolonie Freiheit"

Plötzlich war die Kleingartenkolonie dunkel. Die Scheinwerfer von der Grenzanlage im Osten, die im Westen vieles mitbeleuchtet haben, waren aus. "Ja, haben die das Licht ausgeschaltet?", fragte sich Jürgen Jonzek, der in Neukölln, West-Berlin, einen Garten hatte. Später erfuhren sie, dass es keine Grenze mehr gibt. Sie mussten erst einmal Laternen installieren.

Seit 1981 ist er Mitglied und mittlerweile Vorstand in der "Kolonie Freiheit". Alles, was hinter seiner Parzelle kam, war das Gegenteil. "Da war der Todesstreifen, drüben ein Wachturm. Da kam keiner rein, alles war brach und kahl", erzählt er beim Spaziergang. Er zeigt auf eine Wiese mit vielen jungen Bäumen, wo heute Hunde laufen und Menschen joggen.

Als 1961 die Mauer gebaut wurde, war er gerade bei Bekannten in Stuttgart: "Da kam die Tante und sagte: Du kommst nicht mehr nach Berlin, die bauen eine Mauer. Ach wat, dachte ich mir und bin ins Auto", sagt er im breiten Dialekt. Reingekommen ist er, doch die Kontrollen waren streng – und blieben es über Jahrzehnte. West-Berlin war eine Insel mitten in der DDR. Dass er deren Ende noch erleben würde, habe er sich nicht gedacht. Mittlerweile sei das Leben ohne Mauer so selbstverständlich, dass er oft nicht mehr wisse, wo sie überall stand.

Und was ist mit den Nachbarn in den Kleingärten auf der ehemaligen Ost-Seite? Am Anfang sei es schwierig gewesen, so Jonzek. Nach dem Mauerfall seien sie mit einem Akkordeon rüber und hätten sie begrüßen wollen – "da haben die in ihren Lauben die Gardinen zugezogen, da haste keine Chance gehabt". Aber das wächst jetzt zusammen: "Dort sind heute Jüngere, die kommen zu unseren Sommerfesten, wir zu ihren."

"Hier war für uns die Welt zu Ende"

Thomas Jeutner, evangelischer Pfarrer der Versöhnungsgemeinde

"Es ist komisch, dass dieses Bauwerk, das uns so ärgerte, heute mittendrin ist", sinniert Thomas Jeutner. Der 59-jährige Pfarrer steht im Garten, hinter seiner Kapelle im Bezirk Mitte; zwischen Gemüsebeeten, meterhohen Sonnenblumen und einer Mauer. "Es wächst zusammen, was lange getrennt war", sagt er mit Blick auf die Menschen, die aus vielen Stadtteilen hierherkommen. Entweder, um ihr Beet zu pflegen, das von anderen, oder um zu plaudern. Vor mehr als 30 Jahren war das undenkbar. Das Gelände, wo heute die Kapelle der Versöhnung steht und er täglich Andachten für die Mauertoten liest, war ein Todesstreifen. Die ehemalige Versöhnungskirche wurde 1961 eingemauert und von Soldaten als Wachturm oder für Schießübungen benützt. 1985 riss man sie ab.

Thomas Jeutner erinnert sich, wie er als Theologiestudent von seinem Zimmerfenster auf den Kirchturm und den Friedhof sah. Die Menschen mussten eine Grabkarte vorweisen und durften nur in Begleitung von Männern mit Maschinengewehren rein. "Hier war die Welt für uns zu Ende", sagt er.

Wie es auf der anderen Seite Berlins war, konnte er nur erahnen oder hören. So wie jetzt gerade. Ein Bus fährt vorbei, stellt er fest. Wenn es Doppelstockbusse waren, konnte er sie sehen. Die Mauer war 3,20 Meter, die Busse über 4 Meter hoch. Und wenn es abends dunkel war, sah er die Lichter der Wohnblöcke. "Wir dachten immer, dass wir eher nach Angola oder Kuba kommen (sozialistische Bruderländer, Anm.), als auf der anderen Straßenseite."

Auch im Sommer 1989 war die Freiheit noch in weiter Ferne. Unvergessen ist ihm der 4. Juni. Der Tag an dem sein Bruder ausreisen konnte. "Wollt ihr wirklich hierbleiben?", hat er gefragt. Am selben Tag schossen in Peking die Panzer auf Demonstranten. Die DDR-Führung begrüßte dies – „da wussten wir, was es schlug“. Die Hoffnung auf Glasnost – mit Offenheit zu Reformen, wie es Michail Gorbatschow vormachte –, schwanden.

Aufgegeben hat er trotzdem nicht. Mit Freunden musizierte er am Alexanderplatz. "Man konnte sich darauf verlassen, dass jemand von den Zuhörern die Polizei holte." Die Nacht im Knast sei demütigend gewesen, "aber wir waren jung genug, um zu sagen; eines Tages schaffen wir das". Mit den Demonstrationen hätten immer mehr Leute ihre Angst zu Hause gelassen; und am Ende die Mauer niedergerannt. Dieses Bild passe für ihn besser als das vom Mauerfall. "Man kann ein Blatt fallen lassen oder einen Stein. Aber worüber wir reden, wäre ohne den Druck der Straße nicht möglich gewesen."

Als die Grenzen öffneten, setzt er sich auf sein Fahrrad und fuhr los in den Westen. Stundenlang. Immer wieder hat er sich verfahren. "Aber darauf kam es nicht an", erzählt er.

23 Jahre war er weg. Zuerst in einer Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, später kam er nach Hamburg. Heute, wieder hier zu sein, wo er täglich eine Gedenkandacht für die Mauertoten liest, ist ein Annähern an alte Wunden. Gleichzeitig beschäftigen ihn neue Sorgen der Menschen. Hier im Wedding, früher Westen, leben die meisten Menschen, die soziale Hilfszahlungen beziehen. Aber gerade Berlin, das gebrochen ist, Schmuddelecken und Mauerstücke hat, sei bestens geeignet, um die Probleme auf die Straße zu bringen.

Alte Gedanken und neue Freundschaften

Hermann und Maria Andrae, Bewohner aus Glienicke

Vom Mauerfall hat man in Glienicke/Nordbahn, damals DDR-Bezirk Potsdam, anfangs wenig mitbekommen. Überhaupt blieb hier alles erstmals bestehen, das Grenzgebiet wie die Mauer, die erst löchrig wurde und nach der Wiedervereinigung 1990 abgebaut wurde, berichtet Maria Andrae. Sie und ihr Mann Hermann schauten am 9. November fern und konnte es fast nicht glauben. "Wir wussten, dass es neue Reisebestimmungen geben sollte und dachten, das ist ist jetzt der erste Akt dazu. Dass es der letzte der DDR sein wird, haben wir uns an dem Tag aber nicht vorstellen können", sagt ihr Mann heute und muss lachen.

Das Ehepaar wohnte lange Zeit an einem der seltsamsten Grenzverläufe der Berliner Mauer. Im Westen nannte man ihn "Entenschnabel", weil er in dieser Form nach West-Berlin hineinragte. Hermann Andrae ist dort als Sohn des ersten evangelischen Pfarrers aufgewachsen. Er erinnert sich an Zeiten, als man die Nachbarn "drüben" grüßen konnte, später die Mauer jede Sicht versperrte. In den "Sandkrug", so hieß die Straße, durften nur Bewohner rein; für Verwandte brauchte man eine Genehmigung. Freunde einladen war nicht möglich, erzählt Andrae, der als Jugendlicher damit zu kämpfen hatte. Damals wurden die ersten Partys gefeiert - "ich war oft eingeladen, konnte mich aber nie revanchieren". Später durfte er nicht einmal seine Verlobte mitnehmen. Nach der Hochzeit zog seine Frau Maria zu ihm; neue Wohnungen waren knapp und im Haus der Pfarrers-Familie war viel Platz.

Doch das Leben im Entenschnabel hatte so seine Besonderheiten: Draußen durften keine Gartengeräte oder Leitern herumstehen; sie mussten im Haus angebracht werden. Beide erinnern sich an die unangekündigten Keller-Kontrollen der Grenzer. "Wegen der Fluchttunnel, die von dort aus gegraben wurden", erklärt sie. Im Umkreis von 500 Metern hat man drei entdeckt, 55 Menschen sind so in den Westen gelangt. In Glienicke erinnern heute noch Stelen und Informationstafeln daran.

Für die Andrae's kam eine Flucht dennoch nicht in Frage. Sie hatten hier Freunde, Familie und wurden nicht drangsaliert, erzählt Maria. 1979 sind ein paar Straßen weitergezogen, raus aus dem Sandkrug. Es haben nicht nur "Hunderprozentige" dort gewohnt, wie man oft liest, versucht ihr Mann aufzuklären. "Aber es waren am Ende schon einige Leute, zu denen wir nicht mehr so den Kontakt pflegen wollten." Diese waren durchaus staatskonform, wobei sie sich an Polizisten und Armeeangehörige erinnern, die selbst über die Mauer gestiegen sind.

Im Herbst 1989 beteiligte sich das Ehepaar ebenfalls in der örtlichen Oppositionsgruppe. Unter dem Dach der Kirche haben sie sich jeden Dienstag getroffen, Meinungen ausgetauscht und Forderungen formuliert, was sie in der DDR ändern muss, erzählt Hermann Andrae. Später sind sie auch vor die Volkskammer gezogen.

Die Erinnerungen an das Leben im Grenzgebiet haben bei ihm nach dem Mauerfall etwas angehalten. Noch zehn Jahre später kamen ihm manchmal Gedanken, wo er etwa nicht hätte fahren dürfen. Anlass zum Wegziehen hat es dennoch nicht geben. Sie hatten Arbeitsplätze, Haus und Eltern, die in der Nähe lebten.

Seit 30 Jahren befreundet

Ob heute noch Ost-West-Konflikte spürbar sind? Für ihre Kinder wäre es kein Thema mehr, meint Maria Andrae. Ansonsten wäre es unterschiedlich. Sie glaubt, dass man in Berlin einfacher zusammengewachsen ist, weil hier das Eingesperrtsein-Gefühl größer war, als in ländlichen Regionen wie in Sachsen. Letztlich liegt es aber an jedem selbst: "Wenn man sich bemüht, geht das, aber wenn man sagt, das sind die sturen Besserwessis und wir sind die armen Ossis, ist das schwierig."

Mit einigen neuen Nachbarn von der anderen Seite hat man sich schnell angefreundet, erzählt sie. Eine Familie ist mittlerweile zwar weggezogen, doch sie treffen sich weiter regelmäßig. Sie haben sich bei einem der ersten Straßenfeste im März 1990 kennengelernt, als die Grenzen auch in Glienicke öffneten. "Was uns beiden wertvoll ist, dass man aus dem Privaten erfährt und man sich erzählt wie es damals so war - von der einen für die andere Seite." Die Freundschaft besteht nun seit bald 30 Jahren.