© Getty Images/iStockphoto/weiXx/iStockphoto

ngen
11/09/2019

Abgesang auf die DDR: Was war das für ein Staat?

Vor 30 Jahren protestierten die Menschen so lange, bis man die Grenzen öffnete.

Die ersten Demonstranten wurden mit Panzern niedergeschossen – am 17. Juni 1953, da war die DDR knapp fünf Jahre alt. Die Bürger forderten freie Wahlen und deutsche Einheit. Aus den gleichen Gründen sollten die Menschen 36 Jahre später im Herbst 1989 erneut protestieren.

Es war der Anfang vom Ende der DDR. Ein Staat, der ein doppeltes Gesicht hatte. Wer hier lebte, ohne auffällig zu sein, fand sein Auskommen. Auf der anderen Seite hatten es jene schwer, die ihren Besitz verloren hatten, sich beruflich nicht verwirklichen konnten oder Kritik äußerten. Sie wurden drangsaliert, verfolgt oder verhaftet.

So wie Bürgerrechtler Alexander Bauersfeld, der an kirchlichen Aktionen beteiligt war, und den Reservistenwehrdienst bei der Volksarmee verweigerte. Er wurde einer von 200.000 politischen Gefangenen und 1984 freigekauft. 95.000 D-Mark hat er gekostet. Geld, das der marode Staat so sehr brauchte, dass daraus ein Geschäft wurde. Nicht nur wirtschaftlich wurde es in den 1980ern zunehmend brisant: Die sozialistischen Nachbarländer öffneten sich; ließen DDR-Bürger auf Reformen hoffen. Vergeblich. Menschenrechtsgruppen und Umweltbewegungen gründeten sich. Von einer Wende will Bauersfeld nicht sprechen, lieber von der „friedlichen Revolution“. Es waren mutige Menschen, die auf den Straßen Veränderung einforderten.

Damals meldete sich auch bei Parteioberen die Erinnerung zurück: „Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?“, soll Stasi-Chef Erich Mielke seine Leute Ende August 1989 gefragt haben. Diesmal kamen aber keine Panzer. Die Führung der Sozialistischen Demokratischen Einheitspartei (SED) musste im November 1989 kapitulieren. Am 9. November öffnet die DDR die Grenzen. Was war das eigentlich für ein Staat?

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland auf Beschluss der Jalta-Konferenz in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Berlin hatte einen Sonderstatus, lag in der sowjetischen Besatzungszone, und wurde ebenso in vier Sektoren geteilt. 1949 wurden die zwei deutsche Staaten gegründet: Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland. Seit 1952 wurde die innerdeutsche Grenze durch die DDR mittels Zäunen, Bewachung und Alarmvorrichtungen gesichert. Nur noch die Grenze zwischen West- und Ostberlin war offen.

Erste Erschütterung im Osten

Während die BRD in den 1950er-Jahren wirtschaftlich aufholte, ging es der DDR schlecht. Um Versorgungsknappheit zu verhindern, beschloss man Normen: Mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Am 17. Juni 1953 entwickelte sich aus Streiks  ein Volksaufstand mit Rufen nach Rücktritt der Regierung, Freiheit und Einheit. Panzer der Sowjetarmee schlugen den Protest nieder.  Mehr als 100 Menschen starben; zirka 1500 wurden verurteilt. Die SED sprach von einem „faschistischen Putsch“.

Der späte Mauerbau

Der DDR liefen die Bürger davon – besonders junge und gut ausgebildete Menschen. Seit Ende 1958 drohte Nikita Chruschtschow, Ministerpräsident der Sowjetunion, mit Maßnahmen, um das Ausbluten der DDR zu verhindern. In der Nacht zum 13. August 1961 wurden die Grenzen zu den Westsektoren Berlins mit Stacheldraht und Pflastersteinen abgeriegelt. Erst später mit Betonmauern. Nach innen hin verteidigte die SED die Mauer als "antifaschistischen Schutzwall", der Spione und Saboteure abhalten soll.

 

Zwischen Staatsdichtern und Dissidenten:

Sie hofften auf ein besseres Land, wo Menschen friedlicher und gerechter zusammenleben, als im Kapitalismus: Die DDR zog Idealisten an, stieß aber viele wieder ab. Liedermacher Wolf Biermann, der als junger Kommunist von Hamburgs in die DDR siedelte, wurde Kritiker und  ausgebürgert. Christa Wolf, seit 1949 SED-Mitglied, glaubte an den Sozialismus als bessere Gesellschaftsform. Zwar setzte sich die Schriftstellerin mit den Folgen der Teilung auseinander, was das Regime nicht gerne sah, sie später ausspähen ließ, doch verlassen hat sie die Partei erst 1989.

Mehr Konsum, aber alte Härte:

Jeans, staatliche Kinderbetreuung, mehr Lohn und Wohnungen – Staatschef Erich Honecker (ab 1971) wollte die DDR-Bürger mit Konsumgütern und sozialen Wohltaten an das Regime binden, was ihm teuer zu stehen kam. Gegenüber Kulturschaffenden blieb er hart. Sie wurden unter Druck gesetzt, eingesperrt und oder zur Ausreise gezwungen. Gleichzeitig ließ er das Ministerium für Staatssicherheit ausbauen und die Zahl der "Inoffiziellen Mitarbeiter" aufstocken.

Wirtschaftlicher Sanierungsfall:

Die DDR kam wirtschaftlich nicht auf die Beine und benötigte dringend Devisen, dazu war ihnen alles recht: Freikäufe von DDR-Bürgern durch die BRD, die Anwalt Wolfgang Vogel einfädelte; Intershops, wo DDR-Bürger importierte Westware kauften; oder Medikamententest westlicher Pharmafirmen. Dennoch ist die DDR 1983 fast pleite. "Kommunistenfresser" und CSU-Chef Franz-Josef Strauß verschaffte Honecker einen Milliardenkredit. Er trotzte ihm zwar den Abbau der Selbstschussanlagen ab, dennoch gab es Unmut was Strauß‘ Intention betrifft und weil die Existenz der DDR dadurch verlängert wurde.

Die Macht der Straße:

Nach der Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 (die SED kam angeblich auf 98,85 Prozent) demonstrierten an jedem 7. eines Monats Menschen auf dem Alexanderplatz für Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit. Gleichzeitig setzte der Abbau des Eisernen Vorhangs ein; Mitte 1989 flüchten Tausende DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich. Ab September setzten vielerorts Demonstrationen ein, die den Druck auf die Staatsführung verstärkten.

  • Zwischen 1948 und 1989 sank die Einwohnerzahl von 19,1 Mio. auf 16,4 Mio. Menschen
  • Zirka 200.000 Menschen sollen in der DDR zwischen 1945 und 1990 aus politischen Gründen inhaftiert worden sein.
  • 3,44 Milliarden Mark zahlte die Bundesrepublik zwischen 1963 und 1990, um 31.755 politische Gefangene und 2.000 Kinder von ausgereister oder geflohener DDR-Bürgern freizukaufen.
  • Mehr als 5000 Menschen gelingt die Flucht - aus der gesamten DDR fliehen zwischen 1961 bis 1989 über 40.000 Menschen.
  • Allein an der Berliner Mauer werden 140 Menschen getötet, darunter auch 8 DDR-Grenzsoldaten.

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.