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Politik Ausland
08/06/2019

Deutschland: Vereint und doch getrennt?

Knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall ist der Osten Deutschlands wieder eine politische Kampfzone.

von Sandra Lumetsberger

Die Mauer ist weg, aber doch irgendwie da: Fast 30 Jahre sind vergangen, dennoch sitzt der Eindruck, das Land ist weiter auseinander, denn vereint. Was sich in Einwohnerzahl, Einkommensunterschieden und Wahlergebnissen niederschlägt. Während bei der Europawahl die Bundesländer im Westen vor allem Grün wählten, stimmten sie im Osten für die AfD. Wäre morgen Bundestagswahl bekäme die Partei dort sogar die meisten Stimmen. Laut Emnid-Sonntagstrend für Bild liegt die AfD aktuell bei 23 Prozent und knapp vor der CDU (22 Prozent).

Was ist los im Osten, lautet die Frage, die nach solchen Umfragen meist folgt und vielleicht am 1. September besprochen wird, wenn Sachsen und Brandenburg wählen. Und viele werden sich melden, um den Osten zu erklären; Es ist aber nicht einfach, weiß Alexander Clarkson, geborener Kanadier, der in Hannover aufwuchs und in Ostberlin lebte. Der Historiker und Politologe forscht zu den Umbrüchen nach der Wiedervereinigung am Londoner King's College.

Unrealistische Erwartungen

Dass wir heute noch über die Kluft in Deutschland und die Unterschiede sprechen, habe mit unrealistischen Erwartungshaltungen zu tun, die geschaffen wurden. Sein Fazit:  Das Versprechen, die Lebensverhältnisse anzugleichen, konnte nie erfüllt  werden. „Ab 1990 versuchte man, alles  so schnell wie möglich marktwirtschaftlich neu zu ordnen – auf einen Schlag.“ Das konnte nicht funktionieren, denn der Osten ist  mit seinen Regionen so unterschiedlich, wie es die BRD ist, so Clarkson im Gespräch mit dem KURIER. „Für viele Menschen, die zuvor das System des Sozialismus scheitern sahen, hat sich erneut ein System delegitimiert.“

Und just in dieser instabilen Lage der Nachwendezeit, geprägt von millionenfacher Abwanderung, Auflösung bestehender Betriebe bzw. deren Übernahme durch westliche Firmen, hätte es einen Anlauf für Rechtsradikale und ultranationalistische Einstellungen gegeben, erklärt der Politologe. Das passierte ebenso in strukturschwachen Regionen des Westens, wie etwa im Ruhrpott. Aber im Osten, zum Beispiel in Sachsen, halten sich diese Gruppen bis heute stark.

Falscher Umgang mit Rechts

Das liegt auch am Umgang mit Rechtsextremismus. Sachsen ist „immun“ gegen rechts, trommelte der schwarze Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der von 1990 bis 2002 das Land führte. Anstatt den Nationalisten entgegenzutreten, die sich in Freital und Erzgebirge breitmachten, verfolgte man an eine Identitätspolitik. Neben Bayern und Sachsen gibt es kaum ein Bundesland, dass seine Regionalität so stark betont. „Dass so eine Überbetonung des Eigenen zu einer Abwertung des Fremden führt, ist altbekannt“, sagt Volkmar Wölk von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Obwohl das Land heute  wirtschaftlich am besten gestellt ist und es wie in anderen neuen Bundesländern wenig Migranten gibt, funktioniert dort das Spiel mit der Angst vor Fremden gut.

Traumata

Das lässt sich nicht alleine auf die jahrzehntelange Isolierung  zurückführen, sagt Clarkson. Denn mittlerweile gäbe es viele Umzüge von Ost nach West und umgekehrt. Er ortet Traumata aus der Wendezeit, die bei älteren und mittleren Generationen nachwirken: Etwa das Gefühl von Zurücksetzung. „Sie erlebten, dass ihre berufliche Erfahrung nichts wert war. Das betraf den Klempner, der zu VW nach Wolfsburg kam, sowie Ärzte und Rechtsanwälte.“ Zudem wären sie plötzlich in Konkurrenz mit Migranten gestanden, nämlich Gastarbeitern, die sich seit den 50er und 60er Jahren nach oben gearbeitet haben und besser gestellt waren. „Diese Erfahrung wurde als Schmach empfunden und hat sich bei vielen tief eingeprägt“, sagt Clarkson.

Opfer-Mythos

Genau daran versucht derzeit auch die AfD mit einer Kampagne anzuknüpfen. Sie bohrt in den Lebenserfahrungen der Menschen, gleichzeitig versuchen sich die Politiker mit jenen gleichzusetzen, die damals nicht sagen durften, was sie denken. „Es fühlt sich schon wieder so an wie in der DDR“, verkündete AfD-Politiker Björn Höcke kürzlich bei einer Wahlkampfrede. Die Partei treffe damit den Nerv jener Menschen, „die den Eindruck haben, für sie gäbe es keinen Ort politischer und kultureller Repräsentation im vereinigten Deutschland“, schreibt der Soziologe David Begrich im Freitag.

Um diesen Opfer-Mythos entgegenzutreten, sei es wichtig, die Länder nicht nur auf die AfD zu reduzieren, sagt Alexander Clarkson. „Wenn verhindert werden soll, dass sich die Idee vom unterdrückten Staat auf weitere Generationen ausbreitet, muss man nuancierter mit dem Osten umgehen.“ Dazu gehören für ihn auch Erfolgsgeschichten und jene Menschen, die sich unter schwierigen Bedingungen zivilgesellschaftlich engagieren.

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