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Interview
09/27/2020

Gregor Gysi: "Hätte mir die Vereinigung anders gewünscht"

Gregor Gysi über sein Leben in der DDR, die er einst anders als seine Schwester nicht verlassen wollte, und die heutige Kluft zwischen Ost und West.

von Sandra Lumetsberger

In Gregor Gysis Wahlbezirk Treptow-Köpenick ist die Zeit an mancher Stelle stehen geblieben – man sieht Häuserfassaden im typischen einheitsgrau oder hört Sätze wie diesen: "Der Gysi ist von Kopf bis Fuß mit der DDR verwurzelt." Nun sind der Staat und seine Partei, die er als Ost-Berliner Anwalt 1989 übernahm, seit 30 Jahren Geschichte. Ein Jahr später wurde aus dem geteilten Deutschland wieder ein Land. Der 72-Jährige selbst sieht sich heute als einer, der beide Seiten versteht: "Ich erkläre den Ostdeutschen immer was sie gewonnen und den Westdeutschen was die Ostdeutschen verloren haben durch die Einheit."

KURIER: Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 30. Mal – ein oder kein Grund für Sie zum Feiern?

Gregor Gysi: Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem Tag. Ich hätte mir die Vereinigung nur anders gewünscht. Der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes war, als ob der arme Neffe in die Wohnung der reichen Tante zieht. Er hatte dort nichts zu bestimmen.

Was ist schiefgelaufen?

Ich sag Ihnen mal, was gut gelaufen ist: Es gab immer die Gefahr, dass zwischen beiden Staaten ein Krieg ausbricht, die war vorbei. Der zweite Vorteil: Ostdeutsche hatten eine Währung, mit der sie weltweit einkaufen können. Drittens: Stadtzentren und Wohnungen wurden saniert. Das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen wäre aber heute größer, wenn man gesagt hätte, wir übernehmen auch positive Seiten.

Zum Beispiel?

Die Gleichstellung der Frauen, 90 Prozent waren voll berufstätig, und das flächendeckende Netz an Kinderbetreuung. Das hätte auch die Lebensqualität der Menschen im Westen verbessert und ihnen damit ein positives Einheitserlebnis beschert.

Die Diskrepanz ist in vielen Bereichen noch hoch: Laut dem Bericht des Ost-Beauftragten der Regierung halten 91 Prozent der Menschen im Westen die Demokratie für die beste Staatsform. Im Osten sehen das 78 Prozent so.

Autoritäre Strukturen gelten als effizient. Mich besorgt, dass es immer mehr Menschen gibt, die der etablierten Politik nicht mehr folgen. Das sieht man bei den Demonstrationen zu den Corona-Maßnahmen. Die Politiker machen sich zu wenig Gedanken über das Misstrauen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat das Gespräch mit Demonstranten gesucht, wurde ausgebuht und nach eigenen Angaben bespuckt.

Das passiert, wenn man zu aufgebrachten Leuten hingeht, ich habe das selbst erlebt. Das Problem ist ein anderes: Wir sprechen als Politiker über Themen, aber keiner versteht, worum es geht. Da wird in einer Koalition eine Entscheidung getroffen und dann überlegt, wie man sie begründet, damit es eine Mehrheit akzeptiert. Das merken die Leute und empfinden die Politik als unehrlich.

Apropos Misstrauen: Ihre Familie war in der DDR sehr angesehen, der Vater Kulturminister. Nach der Wende wurde sie angefeindet – auch, weil Sie die SED 1989 übernommen haben.

Meine Mutter wollte, dass ich sofort zurücktrete, weil sie Angst hatte, dass ich erschossen werde. Mein Vater war sehr stolz auf mich. Er hat gedacht, dass ich aus der Partei das mache, wovon er in seiner Jugend geträumt hat.

Die Partei war ein untergehendes Schiff. Was oder wen wollten Sie damit retten?

Ich würde es heute nicht wieder machen. Damals war mir klar, dass es keine Partei gibt, die die zwei Millionen Partei- und Staatsfunktionäre trägt, die auch den Weg in die Einheit finden mussten. Ich habe ihre Interessen vertreten, aber eine kritische Aufarbeitung ihrer Geschichte verlangt. Das war eine Doppelrolle. Heute sind mir selbst CDU-Politiker dankbar, dass ich mich dafür noch habe so beschimpfen lassen.

Ihre Familie war anders als viele in der DDR privilegiert ...

... ich war nicht so privilegiert wie Sie denken. Ich war nie in einem Regierungskrankenhaus und bis 1988 genauso eingesperrt wie alle anderen. Was schon ein Privileg war: Die Besucher meiner Eltern, die aus den USA, Großbritannien, Belgien und Frankreich kamen. Da war etwa ein französischer Unternehmer bei uns, der mit den Kommunisten sympathisierte. Ich habe ihn als Kind gefragt, was er als Kapitalist machte, wenn die Sozialisten siegen würden. Er meinte, dann gehe er in die Schweiz und kämpfe dort weiter. Bei uns herrschte viel Selbstironie.

Wenn Sie so früh einen Blick über die Grenzen hinweg bekommen haben, wollten Sie denn die DDR nie verlassen?

Nein. Ich hatte keine Lust, mich auf ein anderes Rechtsgebiet umzustellen. Zudem war ich alleinerziehend für meinen Sohn, den hätte ich zurücklassen müssen. Außerdem stimmte ich mit einigem in der DDR überein, aber das nahm ab.

Ihre Schwester protestierte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, hat 1985 die DDR verlassen. Das muss die Familie gespalten haben? 

Es gab Auseinandersetzungen zwischen meiner Schwester und meinem Vater, aber er hat ihr letztlich geholfen. Ich habe immer vermittelt.

Sind Sie nie mit Ihrem Vater aneinandergeraten?

Es gab Fälle, die ich vertreten habe, wo er es eingesehen hat, was ich gemacht habe und dann Fälle, wo ich ihm den Beruf des Rechtsanwaltes erklären musste: Jeder hat ein Recht auf Verteidigung.

Sie haben zwei Söhne, die in der DDR geboren wurden. Wie haben sie die Umbruchphase erlebt?

Sie haben erlebt, wie das ist, wenn man einen Vater hat, der negativ angesehen ist. Dann waren sie aber solidarisch und haben später das Gegenteil erlebt. Meine Tochter ist 1996 geboren worden, kennt die DDR nicht. Sie wohnt derzeit in Leipzig, zuvor schon in Köln und Berlin, vielleicht bald in München. Das ist für sie alles kein Problem.

Wie viele Generationen wird es brauchen, damit das Ost-West-Denken verschwindet?

Die SED wollte immer ein DDR-Bewusstsein erzeugen. Das ist ihr nie gelungen, der BRD schon. Jetzt fühlen sich die Menschen mehr denn je als Ostdeutsche. Vielleicht wird es bei den Jetztgeborenen keine Rolle mehr spielen. Zuerst brauchen wir aber die gleiche Rente für die gleiche Lebensleistung, gleiche Löhne in gleicher Arbeitszeit – und mehr Respekt.

Dafür setzt sich ja Ihre Partei ein, die als "Ostversteher" galt, aber erstarrt wirkt: Sie regiert zwar in Ländern mit, doch im Bund sitzt sie seit 30 Jahren in der Opposition.

2021 ist eine Koalition aus SPD, Grünen und Linke möglich. Dann waren wir 31 Jahre im Bund in der Opposition, das war gut, aber es reicht auch mal. Wir müssen eine andere Rolle spielen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Zunächst müssen einmal alle drei Parteien das Bündnis wollen. Bei uns ist eine Mehrheit aus politischen Gründen dafür, bei der SPD sind es existenzielle Motive, weil sie merken, dass sie an der Seite der Union eingehen. Die Grünen schwanken, tendieren stark Richtung CDU. Wenn sie aber stärker sind als die SPD und die drei Parteien im Bundestag eine Mehrheit haben, könnten sie Mitte-Links bevorzugen, weil sie den Kanzler stellen – auch kein edles Motiv.

Derzeit sieht es aber nicht so aus, als würde die Bevölkerung einen solchen Regierungswechsel wollen. Zudem gilt die Linke in SPD-Kreisen nicht als regierungsfähig, etwa bei Fragen zu Bundeswehreinsätzen und Rüstungsexporten.

Das kann sich bis zu den Wahlen in einem Jahr noch ändern. Und wenn es möglich wird, muss man sich bei Sondierungen und Verhandlungen verständigen. Wer nicht kompromissfähig ist, ist auch nicht demokratiefähig. Aber: Man darf nicht einen Schritt in die richtige Richtung gehen und als Kompromiss einen weiteren Schritt in die falsche und so weiter. Das macht dich kaputt. Alle Schritte müssen in die richtige Richtung gehen, sie können nur kürzer sein, als du es dir gedacht hast.

Sie sind 72 und klingen so, als würden Sie bald gerne nächtelang sondieren wollen.

Ja, bei der Militär- und Außenpolitik schon. Es wäre auch ein Stück Genugtuung. Minister will ich auch auf keinen Fall werden.

Und Parteivorsitzender? Die Linke sucht ja wieder.

Auf gar keinen Fall, mache nie einen Job ein zweites Mal.

 

Zur Person:

Gregor Gysi, geboren 1948, wuchs in einer gut situierten Funktionärsfamilie mit aristokratischen Wurzeln mütterlichseits auf. Vater Klaus Gysi, Kulturminister, Botschafter in Italien, Staatssekretär und laut Spiegel "das eloquente kultur- und kirchenpolitische Aushängeschild" der DDR, konnte wenig mit dem Anwalt-Beruf seines Sohnes anfangen, der auch Bürgerrechtler vertrat (die ihm später Stasi-Mitarbeit vorwarfen, dagegen zog er vor Gericht, Anm.). 1989 übernahm Gysi die SED, dann die Nachfolgepartei PDS, aus der die Linke hervorging. Von 2005 bis 2015 war er Fraktionschef. Jüngst wählte die Linke den 72-Jährigen zum außenpolitischen Sprecher - ein kleines Comeback für einen, der 2017 seine Memoiren präsentierte. Mit seiner Schwester Gabriele, die 1985 die DDR verließ, brachte er kürzlich die Familiengeschichte in Buchform ("Unser Vater", Aufbau Verlag).

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