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15.

April

2016

Exotisch

Manchmal fühle ich mich als gebürtige Wienerin wie eine exotische Frucht. Sagen wir, eine Kiwi. Denn sei es an der Uni, am Arbeitsplatz oder auf Partys: Die waschechten Wiener sind meistens in der Minderheit. Nicht selten werde ich bestaunt und herumgereicht. Dabei gelte ich wohl kaum als Paradeexemplar. Hier geboren, ja, aber doch kein Edmund Sackbauer. Ich bin schließlich die Tochter eines irakischen Wüstensohns und einer oberösterreichischen Mostprinzessin. Aber gut, ich wohne schon mein …

08.

April

2016

Stelze und Spiele

Der Wind bläst ins Gesicht, es geht rauf und runter, jede Faser meines Körpers ist verkrampft, die Augen sind die ganze zweiminütige Fahrt zu. Ich hasse Achterbahnen. Aber da muss ich durch. Schließlich feiert der Prater sein 250. Jubiläum. Angefangen hat es mit einer kaiserlichen Kundmachung am 7. April 1766: "Es wird anmit jedermanniglich kund gemacht, [...] daß künftighin ohne Unterschied jedermann in den Bratter sowohl als in das Stadtgut frey spazieren zu gehen, zu reiten, und zu fahren …

01.

April

2016

Siaß oder schoaf?

An zweierlei Orten lässt sich in Wien fantastisch beobachten. Im Kaffeehaus. Und natürlich am Würstelstand. Sogar Hochzeit gefeiert wird dort. Zumindest bin ich bei der Recherche für diese Kolumne auf einen solchen Fall gestoßen. Die schönsten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben, um drei Uhr früh mit einer Frankfurter in der Hand. Ja, Frankfurter. Ich bin nicht so der Käsekrainer-Typ. Ein Würstelstand in der Innenstadt vergangenen Mittwoch. Ein leichter Geruch nach Bier, Fleisch …

18.

März

2016

Unterirdisch

Es riecht nach Gummi und Abgasen, es ist kalt. Alle paar Minuten muss man einem fahrenden Auto ausweichen. Und doch bin ich in einem Museum. Einem temporären zumindest. Vorgestern hat sich die Votivpark-Garage am Schottentor für ein paar Stunden in einen Ort öffentlicher Kunst verwandelt. Es geht mit dem Lift hinunter, im Neonlicht an Autos, Schildern, Waschstraßen vorbei. Ein Grüppchen junger Menschen mit Jutesackerln schaut sich fragend um: "Ist das schon Kunst?" Die Installationen der …

04.

März

2016

Wien, nur du allein

Es gibt zwei Momente im Jahr, wo wir Wiener uns wie der Mittelpunkt des Universums fühlen. Moment eins: Das Neujahrskonzert. Großereignis in der internationalen Klassikwelt. Moment zwei: Wenn die Mercer-Studie Wien wieder einmal zur lebenswertesten Stadt kürt. Zwei Ereignisse, wohltuend für die geschundene Seele. Geschunden? Ja, schließlich ist Wien zwar für uns Bewohner die schönste Stadt überhaupt. Doch da draußen in der Realität ist sie oft kaum der Rede wert. Das fängt damit an, dass schon …

29.

Jänner

2016

Ganz in Weiß

Und plötzlich war es still. Es schneite und schneite, färbte Straßen, Gehsteige und Autos weiß. Der Schnee legte sich über die Stadt, über Lärm, Stress und Geschwindigkeit. Wien ist selten eingeschneit, aber wenn es dann passiert, sind seine Bewohner andächtig staunend. Der ganze Grant der Stadt scheint begraben. So wie vergangenen Samstag. Aus heutiger Warm-Wetterlage eine schon fast surreale Erinnerung. Aber ich schreibe trotzdem darüber, denn genau diesen Tag hatte ich mir ausgesucht, um …

22.

Jänner

2016

Kebab und Kottan

Da denke ich vergangene Woche noch, ich werde so bald nicht mehr in den 20. Bezirk kommen, schon ist alles anders. Und schuld sind Sie, liebe Leser. Denn mein Urteil über die "fade" Brigittenau wollten die Fans nicht auf sich sitzen lassen. Sie rückten zu ihrer Verteidigung aus, schickten unzählige Lokaltipps. "Es lebe die Brigittenau, die Brigittenau soll leben", schreibt Andreas B. und zitiert damit aus der TV-Serie "Kottan". Der Titelheld war übrigens auch ein Brigittenauer. Und wo …

15.

Jänner

2016

Zwischen den Brücken

Ich lebe schon mein ganzes Leben in Wien, dennoch gibt es Bezirke, in die es mich fast nie verschlägt. Der 20. Gemeindebezirk ist so einer. Ich habe nachgerechnet und komme im Schnitt auf 0,2-mal im Jahr. Keine sehr stolze Bilanz. Aber der 20. hat ja auch keinen besonderen Ruf. Wobei, eigentlich hat er gar keinen Ruf. Nun nennen zwei Kolleginnen die Brigittenau ihre "Hood". Irgendetwas Sehenswertes muss es dann ja geben. Also habe ich mir Zwischenbrücken angesehen. Dieser Teil des 20. war bis …

08.

Jänner

2016

Abschied nehmen

Wer hätte gedacht, dass er mir so ein lieber Mitbewohner wird. Dabei ist er schweigsam und recht klein, manchmal sticht er sogar. Geboren ist er im niederösterreichischen Waldviertel. Mit nur einem Meter und zwanzig Zentimetern musste er aufhören zu wachsen. Er ist mir trotzdem sofort aufgefallen, auf der Straße in Wien zwischen all den anderen. Sein sattes Grün, sein gleichmäßiger Wuchs: Ihn und keinen anderen wollte ich dieses Jahr mit nach Hause nehmen. Einige Zeit hatte er es gut bei uns,…

18.

Dezember

2015

Wien schwimmt auf der Nudelsuppe

Liebhaber der japanischen Küche gibt es viele, aber die echten Kenner erkennt man daran, dass sie den Unterschied zwischen Ramen und Udon erklären können. Für uns Nicht-ganz-so-Spezialisten gibt es Wikipedia: Beide sind japanische Nudelsuppen, wobei sich Udon vor allem durch die dickere Nudel unterscheiden. Diese Differenz zu kennen, ist dieser Tage auch in Wien wichtig. Denn auch wenn wir nicht 5000 Ramen-Lokale wie Tokio haben: Seit Kurzem schwimmen auch die Wiener Foodies auf der …

11.

Dezember

2015

Ritter und Meerjungmänner

Die eiskalten Finger am Punschhäferl wärmen, gebrannte Mandeln naschen, unnötigen Schnickschnack kaufen. Der Besuch eines Christkindlmarktes: ein alljährliches Muss für manche, eine fürchterliche Tradition für andere. Ich gehöre zu Ersteren. Dem Hütten-Wahnsinn zu entfliehen, ist sowieso unmöglich. Schließlich gibt es rund tausend Marktstände alleine in Wien. Und mittlerweile spielt sogar das Wetter halbwegs mit. Ein Punsch ohne Kälte fühlt sich nämlich ähnlich unstimmig an wie ein Eis an …

04.

Dezember

2015

Perspektivenwechsel

Vergangene Woche war von einer anderen Perspektive auf die Stadt die Rede, genauer gesagt ging es um eine zweistündige Tour zu den hässlichsten Häusern Wiens. Einige Gebäude waren nicht genannt, sollten es Ihnen zufolge aber sein. Leserin Christiane R. schickte ein Foto von einem braunen Wohnhaus mit roten Fenstern aus Ottakring, Christian V. nannte die St.-Hemma-Kirche in der Fasangartengasse. Die ist tatsächlich ein trostloses Ungetüm, hat Ähnlichkeit mit einem schwarzen Dinosaurier. Ein …

28.

November

2015

Schiach

Ich liebe den österreichischen Ausdruck "schiach". Selten entspricht der Klang so der Bedeutung eines Wortes. Zudem werde ich nie vergessen, wie ich einmal etwas für schiach befand, und meine deutsche Ex-Mitbewohnerin fragte: "Ist das jetzt gut oder schlecht?" Ich erzähle das, weil ich vergangenes Wochenende auf der Vienna Ugly Tour war. Bei dieser ungewöhnlichen Tour geht es zu Fuß durch das hässliche Wien – also kein Kitsch, Sissi oder Mozart. Stereotype der Stadt werden gebrochen, es wird …

20.

November

2015

Gemma Lugner

Sie ist ein seltsamer Ort, diese Lugner City. Trashig, mit Kunsteislaufplatz in der Mitte. Ein Sammelsurium an schrägen Gestalten, ein Wohnzimmer für Migrantenkids. Und dabei so wienerisch. Das liegt nicht nur an den vielen Raucherlokalen, sondern auch am Wiener Original, das das Einkaufszentrum 1990 am Gürtel gebaut hat: Richard Lugner. So speziell wie er selbst ist auch seine City: in die Jahre gekommen, aber populär. So abgeranzt, dass es schon wieder Spaß macht, dort zu sein. Ich lehne …

13.

November

2015

Die Helfer vom Hauptbahnhof

Wiener Hauptbahnhof. Bahnsteig Nummer zwölf. Ganz bis zum Ende muss man gehen, die Stiegen hinunter. Es ist still. Die Bahnhofsuhr zeigt sieben Uhr Früh. Eine Gruppe Flüchtlinge döst in der Ecke, Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe Train of Hope besprechen sich. Ich bin nervös. Es ist das erste Mal, dass ich da bin, um zu arbeiten. Zu helfen. Ich bekomme einen Sticker mit meinem Namen und werde zur Essensausgabe geschickt. Dort wuselt es. Aus ein paar Tischen wurde eine Küche improvisiert. "Ich …

06.

November

2015

Im Lichtspielhaus

Wenn es langsam kälter wird, die Sonne sich bereits am Nachmittag verabschiedet, hilft meistens eins: ein Kinobesuch. Mit dem Herbst beginnt die Leinwand-Saison. In seiner ausgeprägtesten Version heißt das: Viennale. Dabei war das Wiener Filmfestival schon mal besser. Weder die Filme noch das Drumherum überzeugten diesmal wirklich. Der größte Skandal: Es gibt keine Dragee-Keksi mehr. Gut, gratis Süßigkeiten sind nicht das A und O eines Kinobesuchs. Aber es gehörte irgendwie dazu, Wochen …

30.

Oktober

2015

Das Phantom auf Facebook

Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle vom Phantom der U-Bahn berichtet. Für alle, die sich nicht mehr erinnern können, die Geschichte geht so: Das Phantom der Wiener U-Bahnlinie U4 ist ein Mann, dunkelhaarig und mit Brille. Er geht durch den Zug, bleibt alle paar Meter stehen und fragt: "Darf ich dich auf ein Bier einladen?" Oft folgt empörte Ablehnung oder ein Raunen ("Er existiert ja wirklich"), meistens zieht er dann schnell weiter in den nächsten Waggon. Seit Jahren geht das Phantom …

16.

Oktober

2015

Ein gutes Jahr

Jubiläen sind eine schöne Sache. 150 Jahre Ringstraße sind es heuer, 650 Jahre Universität Wien, der 100. Geburtstag von Frank Sinatra – würde er noch leben. Und in diese Riege reiht sich nun ein: Ein Jahr Stadtspaziergang. Im Oktober 2014 erschien diese Kolumne zum ersten Mal. Gut, das ist wohl nicht dasselbe Kaliber wie Sinatra, aber für mich doch ein besonderes Jubiläum. In dem einen Jahr habe ich so einiges gelernt. Und gesehen. Ich war in der Reindorfgasse spazieren und habe mit Staunen …

09.

Oktober

2015

Sperrstund’ is

Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie ein Wochenende ohne Nachtleben wäre? So ganz ohne Clubs, Lokale, Menschen auf der Straße nach Mitternacht? Nein? Nun, ich auch nicht. Mir reicht Sonntagvormittag, wo die Wiener Straßen an ein verlassenes Western-Dorf erinnern und nur die Musik von "Spiel mir das Lied vom Tod" fehlt. Umso verwunderter war ich letztens über eine Forderung im Wahlkampf. Die derzeit zweitstärkste Partei will nach einem Wahlsieg eine gastronomische Sperrstunde um …

02.

Oktober

2015

Ramsch

In anderen Städten gehe ich immer gerne auf Flohmärkte. Sei es in Madrid zum Rastro, oder in New York zum Brooklyn Flea. Wirklich gekauft habe ich zwar noch nie was, aber ich mag die Stimmung, das Gewusel. In Wien allerdings will mein Herz für Trödel nicht richtig aufgehen. Der Flohmarkt am Naschmarkt ist grausig, Angebot und Ambiente sind längst verkommen. Seit 1977 wird er jeden Samstag am Parkplatz hinter der U-Bahnstation Kettenbrückengasse abgehalten. Dicht gedrängt stehen hier die …

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