Meinung | Kolumnen | Stadtspaziergang
18.03.2016

Unterirdisch

Ein Spaziergang durch eine Garage, ohne am Ende in ein Auto zu steigen.

Mag. Leila Al-Serori | über eine neue Erfahrung

Es riecht nach Gummi und Abgasen, es ist kalt. Alle paar Minuten muss man einem fahrenden Auto ausweichen. Und doch bin ich in einem Museum. Einem temporären zumindest.

Vorgestern hat sich die Votivpark-Garage am Schottentor für ein paar Stunden in einen Ort öffentlicher Kunst verwandelt.

Es geht mit dem Lift hinunter, im Neonlicht an Autos, Schildern, Waschstraßen vorbei. Ein Grüppchen junger Menschen mit Jutesackerln schaut sich fragend um: "Ist das schon Kunst?"

Die Installationen der Studenten der Universität für angewandte Kunst sind dann doch leicht zu erkennen. Video-Projektionen auf hellgrauen Wänden, weiße Teller auf aufgeschüttetem gelben Sand. Auf der anderen Seite wurde ein Wohnzimmer aufgebaut. Orangen und Zucchini sind in der Mitte auf einer Schale drapiert, daneben Sitzkissen. Aus Lautsprechern tönt melancholischer Frauengesang: "Let’s not be afraid."

Ein Spaziergang durch eine Garage, ohne am Ende in ein Auto zu steigen. Eine neue Erfahrung. Dabei ist die Votivpark-Garage sogar ein Stück Geschichte. 1962 vom damaligen Bürgermeister Franz Jonas errichtet, war sie die erste öffentliche Tiefgarage Wiens. Sie stammt aus einer Zeit, in der das Automobil Sinnbild für Dekadenz war. Und auch das unterirdische Parken war ein Luxus. Damals gab es ein Restaurant, Hostessen halfen auf Rollschuhen bei der Parkplatzsuche. Heute kostet die Stunde 4,10 Euro und jeder dreht sein eigenes Ründchen.

Auch die Gruppe der Museumsbesucher. Nicht auf Suche nach einem Abstellplatz, sondern nach der nächsten Installation. Dazwischen ein paar verstaubte Pkw ohne Kennzeichen, sowie ein Jaguar und ein Maserati.

Mit Kunst konfrontiert werden, an einem Ort, der nichts mit Kunst zu tun hat, benennt die Kuratorin das Ziel. Und es ist nicht nur die Kunst, die die Garage in neues Licht rückt. Es ist auch die Einstellung: Ein bewusstes Abtauchen in diese unterirdische Welt. So genau habe ich mir eine Tiefgarage noch nie angesehen.