© Jeff Mangione

Paaradox
12/13/2015

Kampf um die Küche

Der Tag seiner Kochkunst rückt näher, der Grad ihrer Sorgen wird größer.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Sie

Würsteln mit Saft und Brot. Irgendsowas in der Art wird diesmal wohl auf unserer Festtags-Tafel landen. Bestenfalls die Luxusversion des Gerichts: Sacherwürstel mit Saft – und dazu Handsemmerln sowie Stoffservietten. Nein, ich gehe nicht in den Kochstreik – im Gegenteil: Ich würde ja sehr gerne. Aber der Mann nebenan würde ebenfalls gerne. Selber kochen – und anderen Schwachsinn.

Alles anders

Seit dem Frühsommer geht er nämlich mit einer Idee schwanger, die da lautet: Heuer machen wir zu Weihnachten alles ganz anders. An einem lauen Abend delirierte er etwas von Traditionen durchbrechen und für geile Überraschungen sorgen. Mein Vorschlag, das verordnete Schräg-sein-Wollen vielleicht mit einer verjazzten Version von „Stille Nacht“ abzufangen – und einem fleischlosen Menü, killte er sofort: Sicher nicht, das Ganze muss ja schließlich Spaß machen! Was er vergessen hatte: das Wörtchen „mir“ einzufügen. Denn freilich geht es um seine Gaudi. Weil klar ist: Santa Hufnagl steckt in der Weihnachts-Midlife-Crisis. Und die geht mit Größenwahn einher.

Andere nehmen sich in so einer Phase einen jungen Weihnachtsengel und ein tannengrünes Cabrio – er traut sich plötzlich das Zubereiten eines 4-Gang-Menüs zu, obwohl er sonst beim Anschwitzen von Zwiebel ins Schwitzen gerät und mich regelmäßig fragt, ob diese „Flotte Lotte“ eh Körbchengröße C hat und ihm beim Kochen helfen könne. Außerdem: Bis vor Kurzem hatte er keinen überzeugenden Menü-Plan – was ich ihm behutsam zu vermitteln versuchte: „Du, so ’n Schnitzerl macht die Party jetzt auch noch nicht schräger als sonst, gell?“ Seitdem ist der Mann nachdenklich. Also vermute ich, dass heuer mehr denn je alles so wird wie immer. Und er wird es wie immer grandios finden.

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Er

Das immer Gleiche macht mich gelegentlich ein bisserl unrund. Ich finde es z. B. unheimlich, wenn Menschen am Heiligen Abend nur deshalb immer Gans essen, weil es ein launiger Ururururopa Mitte des 19. Jahrhunderts so bestimmt hat. Und obwohl beinahe allen Festgästen der Traditionsvogel schon zum Hals heraushängt, es sich aber niemand zu sagen traut, um nicht vom familiären Bannstrahl getroffen zu werden. Meine Frau ist diesbezüglich dankenswerterweise wie ich veranlagt. Nur zur Adventzeit befällt sie stets rituelle Heimeligkeit.

Zauber

Daher hatte das Christkuhnl für meine Sehnsucht nach
weihnachtlicher Abwechslung auch nur ein fades Aug’ übrig sowie die süffisante Frage: „Welcher Renaissance-Zauber tät’ dem Zeremonien-Engel mit dem lockigen Haar denn so vorschweben?“ Wissend, dass sämtliche meiner sprühenden Ideen wie Weihnachtslieder von Iron Maiden, ein originell geschmückter Oleander oder die Bescherung als Mitternachtseinlage lässig mit einer Vanillekipferlbackweigerung wegverhandelt werden können. Nur die Sache mit dem Festmahl nickte sie einst ab. Aber je näher der Tag kommt, desto größer die Zweifel.

Ihre Sorge ist dabei aber offiziell nicht mein unausgereiftes Bocusement, sondern eher, dass ich als Gelegenheitsderwisch die Logistik (zu viele Gänge für zu viele Menschen) unterschätze. In Wahrheit fürchtet sie wohl vor allem um den Brauch der Hochrufe für ihre Kochkunst. Und dass ich mich am Ende nur in sprachliche Finesse flüchte – als wäre „Variation vom Würstel an Senf-Trilogie“ kein Tischgedicht, das eines ganz sicher ist: unvergesslich!

Unsere nächsten Termine: Paaradox im Rabenhof, 20. 12., 8. 1., 17. 1. , 20 Uhr.
Buchtipp: „Du machst mich wahnsinnig“ (Verlag Amalthea)

Twitter: @MHufnagl

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