© Jeff Mangione

über die Szenen einer Redaktionsehe.
01/18/2015

Nichts sagend!

Zur Meinungsverschiedenheit braucht es oft einmal keine großen Worte.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Eines der größten Probleme im Zusammenleben und in der wechselseitigen Kommunikation ist die Erwartungshaltung.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Nichts sagen, das kann er echt gut. Was allerdings nicht heißt, dass er nichts sagt. Im Gegenteil. Der Mann nebenan ist Meister der nonverbalen Pfuh, das nervt-Körpersprache. Auch ohne ein einziges Wort macht er glasklar, was er gerade denkt. Von mir. Von dem, was ich tue. Von dem, was ich will, dass er tun soll.

Als Verhaltensforscherin mit dem Spezialgebiet „Mann nebenan“ habe ich in den vergangenen 17 Studienjahren folgende Strategien beobachtet, analysiert und schließlich ignoriert: Nr. 1 Die „Duck & weg“-Strategie. Er wendet sie immer dann an, wenn er wittert, dass ich von ihm etwas wollen könnte. Dann passieren komische Sachen, etwa so: Er schnappt sich eine Zeitung und tut, als wäre er gerade extrem in deren Lektüre vertieft. Enttarnt wurde er von mir, als er voriges Jahr (also 2014) pseudokonzentriert in die französische Tageszeitung Le Monde starrte, als ich mit ihm über die Gestaltung eines neuen Gartenbeets plauschen wollte. Aber schön blöd: Sie stammte aus dem Jahr 2012 von einem Paris-Trip. (Hat er in der Eile nix Besseres erwischt.) Blöd: Er schafft gerade mal ein Ah oui, je m’apelle Michi. Durchschaut, Hufnagl! Nr. 2 Die Hä?-Strategie. Sie ist nicht ganz nonverbal, aber fast. Er setzt sie ein, um zu signalisieren, dass das, was ich von ihm haben will, vertrottelt ist. Dazu kombiniert er gerunzelte Stirn mit abschätzigem Blick und einem herablassenden: Hä? Längst bin ich Meisterin, solche Hä-Momente zu übersehen und will stur weiter haben. Nr. 3 Die „Kopfschüttel & Augenverdreh“-Strategie. Diese wendet er an, um mir zu zeigen, dass er von dem, was ich so vorschlage genau nix hält. Meine Gegenstrategie könnte kaum simpler sein, sie besteht aus Schulterzucken und einem Mir wurscht!"

Twitter: @GabrieleKuhn

Er

Ich behaupte ja, dass eines der größten Probleme im Zusammenleben und in der wechselseitigen Kommunikation die Erwartungshaltung ist. Man geht komischerweise stets aufs Neue mit einer Selbstverständlichkeit davon aus, dass andere Menschen genau so reagieren, wie man das selbst tun würde. Gäbe es diesen Irrtum nicht, wäre so vieles so viel leichter. Meine Frau etwa ist auch nach zig Jahren und noch mehr Streits felsenfest davon überzeugt, dass die Bedeutung ihrer Lektüre über jener meiner steht. Das heißt im Detail: Ich lese eine Zeitung, sie liest ein Buch (kann auch umgekehrt sein). Dann sagt sie ganz plötzlich: „Hör zu, das ist interessant, da steht ...“ Auf eine potenzielle Einleitung im Stil von „Darf ich dich kürz stören?“ verzichtet sie. Offenbar geht sie davon aus, dass ich – angeödet von meinem Text – in jeder Sekunde nur darauf warte, dass sie mit einem Vortrag endlich meine Verdrossenheit beendet. Bemerkenswert dabei ist, dass sie sich trotz Null-Reaktion meinerseits nicht im Geringsten von ihren Ausführungen abbringen lässt – ich lese (leise) weiter, sie liest (laut) vor. Und nur gelegentlich murmle ich etwas wie „mhm“ oder „tsts“, damit eine Art Dialog entsteht.

Das passt im Grunde auch, aber gelegentlich kommt es dann halt doch vor, dass sie abrupt zu schweigen beginnt, weil ich – vertieft in Gedanken – ihren Prioritätenfuror nicht mit einem Halleluja begrüße. Klarer Fall von beleidigt. Und ihre Körpersprache signalisiert: Gut, dann sag’ ich halt nie mehr etwas, wie du willst. Also frage ich: „Was ist?“ Sie antwortet: „Nix, ich bin nur müde.“ Und meint: „Viel, aber ich will nicht wieder darüber diskutieren, weil ich alle deine Argumente schon kenne.“ Meine Gegenstrategie könnte kaum simpler sein, sie besteht aus Schulterzucken und einem Mir wurscht!

Twitter: @MHufnagl

www.michael-hufnagl.com