Eh klar!

© Bild: Jeff Mangione

Vorhersehbarkeit. Zu einer langjährigen Ehe gehört auch immer: Wissen, was kommt!

Ich kann in 98 von 99 Fällen vorhersagen, was passieren wird, was er macht, sagt und tut.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Auf gewisse Weise ist der Mann nebenan wie ein Rennpferd, auf das ich wetten könnte. „Gallant Fox“ würde der Hufi als Huftier heißen oder vielleicht „Devil Diver“. Er wäre zwar nicht so elegant wie ein englisches Vollblut, aber eine sichere Bank. Wo doch folgende Formel gilt: Beziehung x Jahre = Vorhersehbarkeit. Ein eheliches Phänomen, das mein Möchtegern-Devil vollinhaltlich erfüllt. Ich kann in 98 von 99 Fällen vorhersagen, was passieren wird, was er macht, sagt und tut. Weil Homo sapiens verheiratiensis mit den Jahren zum offenen Buch mutiert, dessen Inhalt man sehr gut kennt.

Überraschungsfrei

Also weiß ich, was kommt, wenn ich mit ihm in einem Lokal sitze und er die Karte studiert wie Søren Kierkegaards philosophisches Werk „Entweder – Oder.“ Er wird ewig brauchen, um dann zu sagen: Puh, am liebsten tät ich alles bestellen. Ich weiß auch, was kommt, wenn wir gemeinsam wo geladen sind und ich ihn bitte, nicht zu spät nach Hause zu gehen. Er wird noch später gehen, und sagen, dass es extrem lustig gewesen ist, selbst wenn es extrem fad war. Ich weiß weiters, was passieren wird, wenn er auf dieser Party interessante Frauen kennengelernt hat. Er wird sagen, dass die eh nicht fesch waren und gar nicht sein Typ. Um drei Tage später mit allen auf Facebook befreundet sein. Zu einem hohen Prozentsatz fügt er dieser Tat noch folgende Aussage hinzu: Das ist rein beruflich.Sollte ich nun fragend erwidern, ob er mich für völlig deppert hält, wird er entweder nix sagen oder meinen: Mah, bist du vielleicht paranoid. Ich weiß außerdem, was er absondern wird, wenn er diese Zeilen erstmals liest: So ein blöder Text. Und was soll ich darauf antworten? Und wie immer wird ihm dann etwas noch Blöderes einfallen.

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Er

Mir fielen ebenfalls viele Vorhersehbarkeiten ein. Also jene Reaktionen, die so zuverlässig geschehen wie alle Fragen, die mit „Hast du schon ...“, und „Wann wirst du ... ?“ beginnen. Da man eben nach so langer Gemeinsamkeit jeden partnerschaftlichen Aktionismus antizipieren kann. Und da sonderbare Eigenheiten zwangsläufig eher dem auffallen, der sie beobachtet, als dem, der sie lebt. Daher mag ich gar nicht erst damit anfangen, eine Art Kuhnogramm zu erstellen. Lieber nutze ich die Gelegenheit, ein quälendes Alltagsdetail näher zu erläutern.

Garderobe-Anarchie

Es ist nämlich so, dass wir einst eine Auseinandersetzung darüber hatten, wie sinnvoll ein Kleiderständer sei. Ehrlich, das war uns nicht zu blöd. Dabei war sie der Überzeugung, dass ihr „so ein Ding“ als Mahnmal für Garderobe-Anarchie ein optischer Graus sein würde. Und einen Mantel in einen Kasten zu hängen, wäre als Tat wohl für alle zumutbar. War es auch. Etwa eine Woche lang. Ab dann verteilte die verehrte Stilistin Jacken, Schals oder Hauben auf Türklinken (das vermutlich eigens dafür geschaffene Zimmerfahrrad steht leider längst im Keller). Dem wiederum folgte, dass ich regelmäßig Tücher oder Gürtel von meinen Schranköffnern entfernen muss, um ins Innere (wo meine Jacke hängt) vordringen zu können. Dieses Ritual ist nach vielen sinnlosen Dialogen zum Schwerpunkt „Sehnsucht nach Veränderung“ seit Jahren mit trotziger Stille verbunden. Ich lege ihr Zeug einfach ins Bett. Und sie hängt es wieder schweigend zurück. Das Merkwürdige ist: Gäbe es diese Kolumne nicht, würde uns so etwas vermutlich gar nicht mehr auffallen.

Unser nächsten Paaradox-Auftritte im Wiener Rabenhof: 13. 11. und 19. 11. im Wiener Rabenhof. (Karten: www.rabenhoftheater.com)

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( kurier.at ) Erstellt am 08.11.2015