© Jeff Mangione

über die Szenen einer Redaktionsehe.
09/27/2015

Muss statt Muße

Teller weg! Betriebsamkeit beim Esstisch – er serviert ab, sie schüttelt den Kopf.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Wo ein Michel, da allerlei Zwänglereien.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Es ist selbstverständlich streng verboten, im Windschatten des Mannes nebenan von seinen Neurosen zu sprechen. Bestenfalls wird das Wort „Neuröschen“ toleriert, was mir insoferne ganz gut gefällt, als es sich auf das für ihn so passende Wort „Mimöschen“ reimt. Die Formel lautet jedenfalls so: Wo ein Michel, da allerlei Zwänglereien.

Husch-Husch!

Wie sehr diese, also seine, Eigenarten unseren Ehealltag prägen, zeigt etwa das hübsche Beispiel vom gemeinsamen Abendmahl. Da sitzen wir und essen das von mir liebevoll zubereitete Tellergericht. Dazwischen nippen wir am Wein, plauschen und scherzen – all das duftet nach Spaghettisauce und Spannungsabbau. Pech nur, dass der Mann nebenan ein Fast-Fooder ist – heißt: er erreicht das „Pfuh, bin ich an’gess’n“-Ziel meist als Erster. Das alleine wäre aber noch nicht das Problem. Das Problem ist er, der – kaum wurde der letzte Bissen verschlungen – aufhüpft, um hektisch den Tisch abzuräumen. Er ist also auch Fast-Abservierer. Weil er nämlich an einem „Ich halte dreckige Teller und gebrauchtes Besteck auf dem Tisch nicht aus“-Neuröslein leidet und nur entspannt sitzen kann, wenn der Tisch aussieht wie in der Esszimmerabteilung eines Möbelkaufhauses: jungfräulich, sauber, steril wie seine Hände, die er im Stundentakt wäscht. Das Neuröslein wächst sich mitunter zu einer Neurose aus. Denn es kann vorkommen, dass er einem Gast den letzten Bissen vor der Nase wegschnappt, nur weil der einmal Luft schöpft. Und auch im Restaurant wetzt El Hufi auf dem Sessel, wenn geleerte Teller länger als nötig herumstehen. Um ehrlich zu sein, warte ich ja nur mehr auf den Tag, an dem er „Herr Ober, zahlen!“ ruft, während ich gerade an der Vorspeise kaue.

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Er

Ich gestehe es: Zu einem der größten Rätsel des Miteinanders gehört für mich die Tatsache, dass Menschen nach einem gemeinsamen Mahl allen Ernstes „g’mütlich z’sammsitzen“ können, obwohl vor ihnen schmutzige Teller und Schüsseln, mit Nahrungsresten und heftig benützten Servietten garniert, auf dem Tisch stehen. Dass sie also tatsächlich problemlos imstande sind, Fröhlichkeiten auszutauschen, während direkt vor ihren Nasen gut sichtbar Essensspuren eintrocknen. Ich schaffe das nicht. Trotz des unzähligen Flehens der Liebsten, meine innere Nervosität auszublenden – „jetzt hupf’ bitte net immer gleich auf!“ Doch. Ich würde am liebsten sogar sämtliche Weingläser, die mir durch Abgegriffenheit und Lippenstiftverunstaltungen ins Auge stechen, im Halbstunden-Takt austauschen. Statt dessen übersiedle ich eh nur angepatztes Essgeschirr in die Küche. Ich! Muss! Das! Tun!

Stillleben

Und deshalb höre ich regelmäßig, ich sei „hysterisch“. Dabei ist der Akt des gefälligen Abservierens weder von hektischen Bewegungen noch von Gekreische begleitet. Ist es daher nicht die wahre Neurose, derlei Engagement routinemäßig brüsk abzulehnen? Oft bleibt mir nur die Flucht in die Ironie. Und die akzentuierte Frage in die Gästerunde, ob jemand eine allfällige Wegräumung als Unhöflichkeit und Störung empfinde. Oder ob sich gar Freunde eines speziellen Kunstsinns unter uns befinden, die sich am von Meisterhänden erschaffenen Stillleben „Verkrustete Besteck-Trilogie an Drecksteller“ nicht sattsehen können. Dann wiederum sagt gnä Kuhn, ich sei „kindisch“. Und ich : „Neues Glas, Schatz?“

Unsere nächsten Paaradox-Auftritte: 28., 29. 9. Schwechat, 2.10. Laxenburg, 10.10. Klosterneuburg, 12., 22.10. im Rabenhof

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