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Kultur
07/14/2019

Salzburger Festspiele: Warum es 2020 keinen neuen "Jedermann" gibt

Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Intendant Markus Hinterhäuser über Mythen, das 100-Jahr-Jubiläum und die Frage, ob es einen neuen „Jedermann“ 2020 gibt.

von Georg Leyrer

Am kommenden Samstag geht’s los: Der „Jedermann“ läutet das 99. Jahr der Salzburger Festspiele ein.

Im Musiktheaterbereich, so kündigte es Intendant Markus Hinterhäuser an, wird das Publikum heuer sehr vielen antiken Mythen begegnen – von Ödipus über Orpheus bis zu Medea. Die alten Stoffe sollen uns etwas über unsere heutige Welt erzählen, etwa in Mozarts „Idomeneo“, den Regisseur Peter Sellars auf den Klimawandel hin befragt. Hinterhäuser und Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler im Interview über Tabubrüche, Katastrophen und das Jubiläum 2020.

KURIER: Die Opern drehen sich heuer um antike Mythen. Ist es nicht eine auch unangenehme Wahrheit, dass das Musiktheater zweieinhalb Jahrtausende ausholen muss, um in die Gegenwart zu finden?

Markus Hinterhäuser: Überhaupt nicht! Mythen sind das Archiv unserer Welterkenntnis. Diese ewigen Mythen sind ja auch ewige Rätsel, für die man in vielen Jahrhunderten noch keine Decodierung gefunden hat. Und wenn die Kunstwerke Vitalität haben, dann lohnt sich diese Unternehmung allemal. Alles, was uns als Menschen ausmacht, ist auch Teil der mythischen Erzählungen. Wir machen hier keine Retrospektive der Antike.

Sie klopfen die Mythen auf aktuelle Fragen ab. Was geben die denn her?

Markus Hinterhäuser: Sie sind die Keimzelle von allem. Kunst, Wissenschaft, Politik, wie wir sie verstehen, haben ihren Ursprung in der Antike. Der kulturgeografische Raum dieser mythischen Erzählungen ist der mediterrane Raum, also Europa. In Zeiten wie diesen kann das ja auch zu einer erhellenden Auseinandersetzung führen.

Europa ist derzeit von Bildern geprägt, die selbst wie antike Dramen wirken: Die Odyssee der Kapitänin Carola Rackete. Oder auch Greta Thunberg, die gegen einen übermächtigen Menschengott, den Klimawandel, aufbegehrt.

Markus Hinterhäuser: Ein zentrales Element der mythischen Erzählung ist das Verhältnis des Menschen zur Natur. Und die Grausamkeit und Unbarmherzigkeit, mit der die Natur auf Eingriffe des Menschen antworten kann. Wir bewegen uns ja sehenden Auges auf eine Katastrophe zu.

Im Gegensatz zu den antiken Mythen, in denen die Menschen oft keine Gegenwehr hatten, haben wir heute aber die Möglichkeit, eine Klimakatastrophe vielleicht noch selbst zu verhindern.

Markus Hinterhäuser: In den großen Kunstwerken kann man alles lesen. Wir sollten uns aber kein Wunschdenken erlauben, weder die Klimakatastrophe noch den Syrienkrieg können wir mit dem, was wir machen, entscheidend beeinflussen. Teil einer Bewusstseinsmachung, das zumindest sollten wir als Festspiele sein.

Helga Rabl-Stadler: So, wie wir die Themen bringen, regen sie zum Nachdenken an. Wir sind alles andere als ein Opernmuseum. Es wird, teilweise fast brutal, nachgefragt: Wisst Ihr eigentlich, wo wir stehen? Peter Sellars wird in der Eröffnungsrede sagen: Noch hätten wir die Chance, etwas zu tun.

Markus Hinterhäuser: Simon Stone zeigt in der „Médée“ eine Situation, die gar nicht heutiger sein könnte: eine Frau, die so unbedingt lieben will und so existenziell enttäuscht wird, dass sie vor der monströsesten Tat überhaupt, der Tötung der eigenen Kinder, nicht zurückschreckt. Heute ist das eine Meldung unter vielen, wir werden überflutet mit Nachrichten, denen wir gar nicht mehr gewachsen sind. Die Ideale der Antike wie bei Schiller – Schönheit, Vollendung – wird es nur in Spurenelementen geben. Wir halten keine Rückschau. Es wird um uns gehen, um unser Leben, um dieses einzige, das uns zur Verfügung steht.

Helga Rabl-Stadler: Und dass „Idomeneo“ – Sellars, Theodor Currentzis und das Freiburger Barockorchester – die meistüberbuchte Produktion ist, habe ich vorher nicht zu hoffen gewagt.

A propos Barockorchester: Mit der Tradition, dass die Wiener Philharmoniker die Eröffnungsproduktion spielen, brechen Sie heuer.

Helga Rabl-Stadler: Das hat schon Gerard Mortier (Festspielchef 1991-2001, Anm.)!

Markus Hinterhäuser: Das ist nichts, in das man etwas Dramatisches hineininterpretieren soll. Die Wiener Philharmoniker sind das Orchester der Salzburger Festspiele, das ist ein großes Privileg und wir sind sehr glücklich darüber.

Das Duo Sellars und Currentzis kennt man aus Ihrer ersten Saison ebenso wie Simon Stone und Andreas Kriegenburg. Ist das der Kanon des Markus Hinterhäuser, der uns auch in den kommenden Jahren erwarten wird?

Markus Hinterhäuser: Natürlich habe ich eine gewisse Vorliebe für gewisse Künstler, da gibt es eine Kontinuität. Ich kann als Intendant nicht objektiv sein! Und ich fühle mich nicht aufgerufen, jedes Jahr das Rad neu zu erfinden.

2020, zum 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele, vielleicht schon?

Markus Hinterhäuser: Ich kann doch nicht sagen: Dank 100 Jahre Festspiele gibt es endlich ein gültiges Festspielprogramm. Das wäre doch Nonsens!

Aber Sie schöpfen sicher aus dem noch Volleren.

Markus Hinterhäuser: Wir werden sehr starke und mutige Produktionen haben.

Helga Rabl-Stadler: Und wir werden diese ummanteln. Wir sind als Friedensprojekt gegründet worden, es wird daher politische Diskussionen geben. Die Festspiele werden eine ungeheure Sogwirkung entfalten. Ich rate allen, sich im Jubiläumssommer 2020 nichts vorzunehmen.

Heuer gibt es im Schauspiel drei Koproduktionen. Rücken Sie da vom Einzigartigkeitsanspruch ein bisschen ab?

Markus Hinterhäuser: Die Premieren sind alle in Salzburg, die Einzigartigkeit liegt in der Produktion selbst. Wir sollten keine Zeit an Äußerlichkeiten verlieren. Darf das niemand anderer sehen, in Hamburg oder Wien, ein dreiviertel Jahr später? Das wäre eine leicht hochnäsige Form der Exklusivität. Das ist passé.

Helga Rabl-Stadler: Was wir nicht sein wollen, ist eine Tourneestation für Orchester, dass dasselbe Orchester mit demselben Dirigenten dasselbe Programm spielt.

Markus Hinterhäuser: Aber es findet auch statt.

Zwischen Sie beide passt atmosphärisch immer noch kein Blatt Papier, geschweige denn ein Mozarttaler.

Markus Hinterhäuser: Der Mozarttaler wäre bedeutend dicker!

Gibt es hier gar keinen Ärger?

Helga Rabl-Stadler: Nein.

Aber finanzielle Sorgen?

Helga Rabl-Stadler: Wir stehen vor einer Generalsanierung der Häuser, die wirklich sehr viel Geld kosten wird. Da brauchen wir intensiv die Hilfe der öffentlichen Hand, das wird organisatorisch und finanziell ein großer Brocken. Für neue elektrische Kabel im Keller kann ich keinen Sponsor finden. Das ist kein erotisches Vergnügen. Das wird uns bis 2027 beschäftigen.

Markus Hinterhäuser: Da bist du ja nicht mehr da (Rabl-Stadlers Vertrag endet 2020, Anm.).

Wirklich nicht?

Helga Rabl-Stadler: Da bin ich weg.

Man will Sie aber offenbar halten.

Markus Hinterhäuser: Ich will es auch!

Helga Rabl-Stadler: Ich würde auch gern länger mit Markus arbeiten. Aber es ist gut so.

Gibt es 2020 einen neuen Jedermann?

Helga Rabl-Stadler: Nein. Tobias Moretti ist unser Jahrhundert-Jedermann.

Aber eine neue Inszenierung?

Helga Rabl-Stadler: Nein, eine neue Inszenierung würde keinen Sinn machen, wenn man weiß, dass man Tobias Moretti haben möchte.