Kultur
14.11.2018

Neue Buhlschaft und viele Mythen: Das kommt bei den Salzburger Festspielen 2019

Der rote Faden im Programm sind antike Mythen. Valery Tscheplanowa ist die neue Buhlschaft.

Einen neuen Blick auf die antiken Mythen wollen die Salzburger Festspiele 2019 werfen, die von 20. Juli bis 31. August über die Bühne gehen. Diesen Roten Faden des Programms präsentierte am Mittwoch Intendant Markus Hinterhäuser in der Festspielstadt. Dazu hat man unter anderem fünf Opern- sowie vier Schauspielneuinszenierungen vorgesehen - und mit Valery Tscheplanowa eine neue Buhlschaft als Nachfolgerin von Stefanie Reinsperger.

Das Thema des Mythos im kommenden Sommer sei für ihn der Abschluss einer Trilogie, die 2017 mit dem Überthema „Macht“ und heuer mit „Passion“ fortgeführt wurde, unterstrich Hinterhäuser: „Es geht darum, der Frage nachzugehen, ob Mythen in unserer Welt noch überhaupt einen Bestand haben.“ Es gehe um Schuld, Sühne, Rache, Opfer - mithin archaische Zustände, die als Reflexionspunkte für jede Epoche dienten: „Der Mythos kann Spiegel und Zerrspiegel einer gesellschaftlichen Situation sein.“

"Selbst ein Mythos"

Das Thema Mythos überzeuge sie vollends für Salzburg, zeigte sich Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler erfreut: „Das passt sehr gut zu den Festspielen, die selbst ein Mythos sind.“ Für die neue Saison seien 61,76 Mio. Euro budgetiert, so die Präsidentin. Zu diesem Budget trägt die öffentliche Hand insgesamt 13,44 Mio. Euro bei. Für die 199 Aufführungen legt man 237.614 Karten mit einer Preisspanne zwischen 5 und 440 Euro auf.

Die offizielle Eröffnungspremiere wird am 27. Juli in der Felsenreitschule Mozarts „Idomeneo“ werden, für den das Regie/Dirigentenduo Peter Sellars und Teodor Currentzis wieder in Salzburg zusammenkommt, das bereits 2017 mit seiner „Clemenza di Tito“ begeistert hatte. Sellars will dabei die aktuellen Fragen der Zeit wie die globale Erwärmung und die Zukunft der Menschheit beleuchten. „Wenn wir über die antiken Erzählungen nachdenken, dann sollten wir das nur aus unserer Gegenwart tun“, freute sich Hinterhäuser über diese Perspektive. Currentzis, der diesesmal das Freiburger Barockorchester und seinen musicAeterna-Chor aus Perm dirigiert, kann dabei auf ein Sängerensemble um Russell Thomas (Idomeneo), Paula Murrihy (Idamante) und Ying Fang (Ilia) zurückgreifen.

Ebenfalls in der Antike angesiedelt ist dann Luigi Cherubinis 1797 uraufgeführte „Medee“, für die der Australier Simon Stone nach seinem umjubelten „Lear“ aus 2017 zu den Festspielen zurückkehrt. Am 30. Juli hat das Stück im Großen Festspielhaus Premiere, wobei Thomas Hengelbrock die Wiener Philharmoniker dirigiert, während Sonya Yoncheva - heuer in der Titelpartie der „Incoronazione di Poppea“ umjubelt - an der Spitze des Sängerensembles steht, in dem sich als Jason auch Pavel Cernoch findet.

Wiener Philharmoniker

Aus 1936 stammt George EnescusOedipe“, der am 11. August Premiere in der Felsenreitschule feiert - für ihn eine der wesentlichen, wenn auch selten gespielten Opern des 20. Jahrhunderts, unterstrich Hinterhäuser. Altmeister Achim Freyer wird hier für Bühne und Regie verantwortlich zeichnen, während Neue-Musik-Spezialist Ingo Metzmacher die Wiener Philharmoniker im Graben dirigiert. Für die Titelpartie wurde Christopher Maltman gewonnen, dem sich unter anderen John Tomlinson (Tiresias), Brian Mulligan (Creon) und Vincent Ordonneau (Le Berger) beigesellen.

„All diese Themen brauchen auch eine Brechung“, konstatierte Hinterhäuser. Und so lässt er Jacques Offenbach in seinem Operettenklassiker „Orphee aux enfers“ (Orpheus in der Unterwelt) einen humorvolleren Blick auf die Antike werfen, der ab 14. August in der Regie des Intendanten der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, zu sehen ist, der damit sein persönliches Salzburg-Debüt feiert. Enrique Mazzola führt die Wiener Philharmoniker durch den Abend, für den Kathryn Lewek (Eurydice) und Joel Prieto (Orphee) einem Ensemble voranstehen, zu dem auch Größen wie Marcel Beekman (Aristee), Martin Winkler (Jupiter) und Anne Sofie von Otter (L'Opinion publique) gehören.

Zeitlich als einziges Werk aus dem Antikenkanon fällt schließlich Giuseppe Verdis dunkler „Simon Boccanegra“, den Andreas Kriegenburg gestalten wird, der ebenfalls bereits 2017 mit Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ bei den Festspielen präsent war. Valery Gergiev dirigiert dabei die Wiener Philharmoniker, während als Sänger unter anderen Luca Salsi in der Titelrolle, Marina Rebeka (Amelia Grimaldi) und Rene Pape (Jacopo Fiesco) gehören.

"Salome" kommt wieder

Hinzu kommt im Opernbereich die mittlerweile traditionelle Wiederaufnahme von den Pfingstfestspielen, weshalb man Damiano Michielettos Inszenierung von Händels „Alcina“ mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle auch im Sommer sehen wird. Überdies ist es gelungen, die bereits legendäre „Salome“ von Romeo Castellucci mit Asmik Grigorian in der Titelpartie von der heurigen Festspielausgabe für einige Termine neuerlich zu zeigen.

Und schließlich sind auch zwei konzertante Opern programmiert: In Francesco CileasAdriana Lecouvreur“ ist wieder Anna Netrebko an der Seite ihres Gatten Yusif Eyvazov zu erleben, während Marco Armiliato das Mozarteumorchester durch den Abend führt. Für Verdi Schiller-Adaption „Luisa Miller“ indes kommt männliche Starpower an die Salzach, wenn Placido Domingo den Miller singt und Piotr Beczala den Rodolfo. Nino Machaidze hingegen singt die Luisa. Bei seinem Festspieldebüt führt James Conlon das Mozarteumorchester.

Schauspielprogramm

Das Schauspielprogramm startet auch 2019 wieder mit dem „Jedermann“, der im Rahmen der Ouverture Spirtuelle ab 20. Juli - bei schönem Wetter - den Domplatz bespielt. Dazu wird zum dritten Mal Michael Sturmingers Interpretation des Stücks mit Tobias Moretti in der Hauptrolle zu sehen sein - allerdings mit Valery Tscheplanowa als neuer Buhlschaft.

Die 38-jährige Deutsche löst nach zwei Saisonen Stefanie Reinsperger als Jedermann-Gespielin ab, wie die „Salzburger Nachrichten“ bereits vorab vermeldet hatten. Tscheplanowa ist an der Salzach keine Unbekannte, stand sie heuer doch erstmals in Ulrich Rasches „Die Perser“ für die Festspiele auf der Bühne. Zugleich ist die im russischen Kasan geborene Tscheplanowa nicht der einzige Neuzugang im „Jedermann“-Ensemble. So wird etwa Gregor Bloeb - Bruder von Jedermann-Darsteller Tobias Moretti - Hanno Koffler in der Doppelrolle des Guten Gesell und Teufels ablösen, wie Schauspiel-Leiterin Bettina Hering ankündigte.

Ansonsten hat man im Schauspielbereich vier Premieren programmiert, unter denen sich mit Theresia Walsers „Die Empörten“ diesesmal auch eine Uraufführung findet. Burkhard C. Kosminski, neuer Intendant des Stuttgarter Schauspiels, inszeniert ab 18. August das als „finstere Komödie“ beschriebene Stück der 50-jährigen Deutschen, in dessen Zentrum zwei Schwestern stehen, neben denen ihr toter Bruder in einem Sack liegt. Angeführt wird das Darstellerensemble von Caroline Peters und Silke Bodenbender, denen sich Andre Jung, Sven Prietz und Anke Schubert hinzugesellen.

Auch 2019 steht eine Romanadaption auf dem Festspiel-Programm, wenn am 28. Juli Thomas Ostermeier Ödön von Horvaths Klassiker „Jugend ohne Gott“ aus dem Jahr 1937 auf die Bühne bringt. In der Hauptrolle des Lehrer ist „Tatort“-Kommissar Jörg Hartmann zu erleben. An seiner Seite spielen unter anderen Damir Avdic, Bernardo Arias Porras und Veronika Bachfischer. „Diese Bestandsnahaufnahme ist für uns nach wie vor aktuell und interessant“, zeigte sich Hering überzeugt.

Gleich zweimal wird 2019 die Perner-Insel bespielt. Den Auftakt macht hier am 31. Juli Maxim Gorkis großes Gesellschaftspanorama „Sommergäste“ in der Gestaltung von Regieshootingstar Mateja Koleznik, die am Donnerstag im Theater in der Josefstadt Schnitzlers „Der einsame Weg“ herausbringt und zwei Tage später auf einen Nestroy-Preis für ihren Klagenfurter „Iwanow“ hoffen darf. Sie kann dafür auf ein Schauspielerensemble um Martin Schwab, Primoz Pirnat, Genija Rykova, Gerti Drassl und Aenne Schwarz zurückgreifen. „Die Personen drehen sich immer mehr um sich selbst, machen von ihren Möglichkeiten, zum gesellschaftlichen Leben etwas beizutragen, keinen Gebrauch“, so Hering.

Danach folgt am 17. August auf der Insel Ferenc Molnars Klassiker „Liliom“, für den Theater- und Filmregisseur Kornel Mundruczo verantwortlich zeichnen wird. Bei ihm muss der Strizzi Liliom gleich vom Anfang an vor dem Jüngsten Gericht Rede und Antwort stehen. Ihm stehen dafür u.a. Jörg Pohl (Liliom), Maja Schöne (Julie), Oda Thormeyer (Frau Muskat), Marie Löcker (Marie), Tilo Werner (Ficsur) und Julian Greis (Wolf Beifeld) zur Verfügung. „Es geht um einen Menschen, der wie in der antiken Tragödie auf sein Ende zusteuert“, verband Hering auch den „Liliom“ mit dem kommenden Überthema des Mythos.

Beim Leseprogramm wird Angela Winkler unter dem Titel „Zeitbrüche“ einen russischen Abend gestalten, Tobias Moretti wird in „Zum Sisyphos. Ein Abendmahl“ von Albert Ostermaier mit kulinarischer Begleitung im Restaurant M32 „eine famose Tirade halten“, wie Hering ankündigt. Senta Berger und Ulrich Matthes spüren im Mozarteum dem Orpheus und Eurydike-Mythos über die Literaturgeschichte hinweg nach. Und schließlich wird es eine Marathonlesung mit Volker Bruch, Corinna Harfouch, Burghart Klaußner und Birgit Minichmayr geben, die James Joyces 1.000 Seiten starken „Ulysses“ rezitieren.

Konzerte

Und tränenreich geht es schließlich im Konzertprogramm 2019 zu, dienen die „Tränen“ doch als Zentrum der Ouverture Spirituelle. So eröffnet man mit dem A-cappella-Werk „Lagrime di San Pietro“ in einer szenischen Adaption von Peter Sellars mit dem Los Angeles Master Chorale in der Kollegienkirche. Es folgen u.a. Sofia Gubaidulinas „Sieben Worte“, aber auch Marc-Antoine Charpentiers „Stabat Mater“-Vertonungen oder John Dowlands „Lachrimae, or Seaven Teares“.

Perfekt in den Antikenfokus fügt sich Pascal Dusapins Oper „Medeamaterial“ nach Heiner Müller am 28. Juli ein, die konzertant mit Jennifer France und dem Vocalconsort Berlin sowie der Akademie für Alte Musik unter Franck Ollu zu hören ist. Überhaupt ist dem Franzosen unter dem Titel „Zeit mit Dusapin“ ein Schwerpunkt gewidmet, zu dem auch sein durch das RSO interpretierte Orchesterwerk „Morning in Long Island“ in der Felsenreitschule und eine Ausstellung seiner fotografischen Arbeiten in der Leica Galerie gehört. Auch George Enescu, mit „Oedipe“ auch im Opernprogramm präsent, widmet eine Reihe „Zeit mit Enescu

Die Wiener Philharmoniker gestalten fünf Programme. Dabei werden Riccardo Muti mit dem Verdi-„Requiem“, Herbert Blomstedt mit Mahlers 9. oder Franz Welser-Möst mit Schostakowitschs 14. Symphonie zu hören sein. Weitere Spitzenorchester sind das neue SWR Symphonieorchester unter seinem Leiter Teodor Currentzis, das Symphonieorchester des BR, der West-Eastern-Divan oder wieder die Berliner Philharmoniker. Und schließlich geben sich bei den Liederabenden Christian Gerhaher, Patricia Petibon und Diana Damrau die Klinke in die Hand, während Intendant Hinterhäuser am Klavier gemeinsam mit Matthias Goerne William Kentridges Visualisierung der „Winterreise“ auf die Bühne im Großen Haus bringt - ein Wiedersehen mit einer Produktion der Wiener Festwochen des Jahres 2014.