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Kultur
01/06/2021

Russisch-orthodoxe Kirche: Prächtigster Lagerraum der Stalin-Zeit

Serie "Kunst in der Kirche": Die Kathedrale, dem heiligen Nikolaus geweiht, ist erst seit zwölf Jahren mit Fresken geschmückt

von Thomas Trenkler

Die orthodoxen Christen feiern die Geburt Christi erst 13 Tage später, also am 7. Jänner. Beziehungsweise schon heute Nacht. Daher liegt es nahe, sich mit der russisch-orthodoxen Kathedrale zu beschäftigen. Sie liegt in der Jaurèsgasse (1030 Wien) – direkt hinter der russischen Botschaft. Den besten Blick auf die pittoreske Kirche hat man, wenn man, von der linken Bahngasse kommend, den Steg über die Gleisanlage nimmt. Dort treffen wir Aline Panajotov. Die Wienerin ist Kunsthistorikerin, seit einem Jahr Fremdenführerin, und weil sie bulgarische Wurzeln hat, hat sie ein großes Wissen über die orthodoxe Kirche.

Aline Panajotov verweist gleich auf die Zwiebeltürme, deren vergoldete Hauben bei Sonnenschein glitzern würden. „Die Anzahl und die Anordnung hat eine Symbolik. Drei Türme auf einer Ebene stehen für die Hl. Dreifaltigkeit, sieben Türme für die sieben Mysterien.“ Hier hingegen gibt es, abgesehen vom Turm mit den neun Glocken, einen großen, flankiert von vier kleineren Türmen: Sie verweisen auf Jesus Christus und die vier Evangelisten.

Die Kathedrale wurde von 1893 bis 1899 im neurussischen, späthistoristischen Stil nach Plänen von Grigorij Iwanowitsch Kotow erbaut. Doch nur 15 Jahre lang konnten Messen gefeiert werden: Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Kirche geschlossen und der Obhut des neutralen Spanien unterstellt.

In Russland kam es zur Revolution, die Habsburger-Monarchie zerfiel. Erst 1924 nahmen die Sowjetunion und Österreich diplomatische Beziehungen auf; die Kirche aber blieb in der Stalin-Zeit zu und wurde als Lagerraum zweckentfremdet. „In der NS-Zeit war sie Sitz der Reichsmusikhochschule und Wohnheim für Mitglieder der Hitlerjugend“, erzählt Aline Panajotov. „Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie wieder geöffnet – nach 31 Jahren Schließzeit.“

 

Lange fristete die Kathedrale ein ärmliches Dasein. Die Rote Armee stiftete zwar 1948 die neue Hauptglocke, aber für eine Renovierung bzw. Vollendung fehlte das Geld. Sie erfolgte erst 2003 bis 2008: Die Türme wurden vergoldet, kaputte Majolika-Fliesen ausgetauscht. Und Archimandrit Zinon, ein Meister seines Fachs, malte mit seinen Mitarbeitern den kahl gebliebenen Innenraum im byzantinischen Stil aus.

Beim Eingang erwartet uns Viktor Viktorovič Schilowsky. „Mein Großvater kam 1946 aus Russland als Priester her. Auch mein Vater war hier Priester“, sagt er. „Und ich bin seit 1986 Diakon.“

Wie es sich für eine russisch-orthodoxe Kirche gehört, besteht sie aus deren zwei: Ebenerdig betritt man die gedrungene Unterkirche; sie ist dem Nationalhelden Alexander Newski geweiht, der im 16. Jahrhundert heiliggesprochen wurde.

In die Oberkirche mit den Granitsäulen und den fünf Kuppeln gelangt man über ein vorgelagertes Treppenhaus. Das Glasfenster am Ende der Stufen zeigt den Patron, den heiligen Nikolaus. Es überdauerte – zusammen mit zwei weiteren – den Zweiten Weltkrieg; alle anderen barsten bei einer Bombendetonation in der Nähe.

Aline Panajotov erklärt uns die Ikonen, die eine Art Verbindungsstück zwischen dem Betenden und dem Göttlichen seien, sowie die zweireihige Ikonostase mit den drei Türen, die den irdischen Raum vom Allerheiligsten trennt.

Und Diakon Viktor erzählt, dass Zinon die Kathedrale zunächst nicht ausmalen wollte, weil es keine großen Flächen gab und das Bildprogramm daher nicht unterzubringen war. Schließlich willigte er doch ein. In die Apsis malte Zinon den Christus Pantokrator, den Weltenherrscher. Und in die Kuppel den Thron für die zweite Ankunft von Jesus. Die fünf prächtigen Kronleuchter sind übrigens ein Geschenk des Zaren.

Die Kathedrale ist täglich von 10 – 14 Uhr geöffnet. Katholiken u. a. dürfen die Gottesdienste besuchen (wenn Corona dies zulässt), aber nicht zur Kommunion gehen.

Zur Person
Aline Panajotov wurde 1994 in Wien geboren. „Ich habe Kunstgeschichte und Komparatistik studiert – und wollte mein Wissen anders anwenden. Daher habe ich die Ausbildung zur Fremdenführerin gemacht.“ Sie lässt sich  von Corona nicht  entmutigen: „Die Fremdenführerei ist meine Leidenschaft“  

Schwerpunkte
„Mich begeistert alles, was mit Kunst und Kultur zu tun hat, am liebsten arbeite ich in Museen. Mein Ansatz ist, Informationen luftig zu vermitteln, Geschichte möglichst einfach zu erklären.“

Info: aline.natalie.p@gmail.com

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