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Kultur
12/29/2020

Lichtentaler Kirche: Die Legion der katholischen Superhelden

Serie "Kunst in der Kirche": Sie ist den 14 Nothelfern geweiht und wird – nicht ohne Grund – auch Schubertkirche genannt

von Thomas Trenkler

Kristina Burger, seit 16 Jahren Fremdenführerin in Wien, schlug uns die barocke Pfarrkirche Lichtental vor. Einerseits, weil sie ums Eck aufgewachsen ist, die Kirche schon seit Jugendtagen kennt. Und andererseits, weil Franz Schubert zu ihren Lieblingskomponisten zählt. Er wurde, geboren am 31. Jänner 1797 im benachbarten Himmelpfortgrund, hier getauft.

„In der Badgasse – heute Nummer 20 – haben Schuberts Eltern vor dem Umzug in die jetzige Nussdorfer Straße gelebt“, erzählt Kristina Burger. „Sein Vater hatte insgesamt 20 Kinder, denn Kinder waren eine Altersversorgung. Allerdings starben viele früh. Die Söhne mussten, wie ihr Vater, Schullehrer werden. Auch Franzl war sein Schulgehilfe. Nur kurz, er wollte das partout nicht. Er sagte, dass er nur geboren worden sei, um zu komponieren.“

In der Lichtentaler Kirche entdeckte man schon bald, dass Schubert eine wunderbare Singstimme hat. Und der Organist Michael Holzer förderte ihn. Am 25. September 1814 brachte der 17-jährige Schubert ebendort seine erste Messe (in F-Dur) zur Uraufführung. Für Therese Grob, in die er verliebt gewesen war, hatte er ein Sopran-Solo geschrieben. Doch aus der Romanze wurde nichts. Drei Jahre hätte sie, notierte Schubert später, gehofft, dass er sie ehelichen werde. Aber er konnte keine Anstellung finden. „Sie heiratete dann nach einem Wunsch der Eltern einen anderen, was mich sehr schmerzte.“

Messe im Brauhaus

Doch die Kirche ist nicht nur wegen Schubert von Belang. Hinter dem Gartenpalais von Johann Adam Andreas Fürst Liechtenstein floss der Alserbach, der in einen Seitenarm der Donau, heute der Donaukanal, mündete. Er konnte mitunter reißend sein.

Jenseits des Bachs kaufte der Fürst die „Talwiese“, um ab 1694 eine Brauerei zu errichten. Das Gebiet wurde für die Häuser der Arbeiter parzelliert. „Es gab auch viele Gastwirtschaften und Handwerker. Was fehlte, war eine Kirche. Die ersten Messen hat man im Brauhaus abgehalten. Und dann, 1711, wurde die Annenkapelle errichtet.“

In jenem Jahr kam Kaiser Karl VI., Mitglied der Bruderschaft der 14 Nothelfer, nach Wien, weil sein Bruder Josef I. gestorben war. Er legte den Grundstein für eine richtige Kirche, errichtet vermutlich nach den Plänen von Johann Lucas von Hildebrandt oder Andrea Pozzo. Die Annenkapelle wurde integriert; sie befindet sich gleich beim Eingang rechts. „Es handelt sich um eine für die Barockzeit schlichte Kirche“, sagt Burger. „Denn sie war für die Arbeiter – und nicht für den Adel.“

Erst 1730 war sie so weit fertiggestellt, dass sie den 14 Nothelfern geweiht werden konnte. Doch schon bald platzte sie, weil die Bevölkerung stark wuchs, aus allen Nähten. 1769 wurde mit dem Erweiterungsbau – dem neuen Altarbereich im klassizistischen Stil – begonnen. Maria Theresia gab beim Hofarchitekten Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, von dem u. a. die Gloriette stammt, den neuen Hauptaltar in Auftrag. Und Franz Zoller, Mitglied der Akademie der bildenden Künste, malte nicht nur die Deckenfresken, die das „Vater unser“ bebildern, sondern auch das zentrale Ölgemälde.

Zu sehen sind die Heilige Dreifaltigkeit mit Maria und Anna sowie die 14 Nothelfer, darunter Blasius, Christophorus (mit der Weltkugel) und die heiligen drei Madln: „Alles Märtyrer mit ihren Attributen. Jeder und jede half für etwas.“ Aber wen sollte man wann anrufen? Zur Sicherheit wendet man sich gleich an die gesamte Legion der katholischen Superhelden. „Sie sind aber keine Götter oder Untergötter“, betont Kristina Burger. „Sie helfen uns – und bitten für uns bei Gott.“

Zwei der seitlichen Bilder stammen ebenfalls von Zoller. Und zwei weitere vom „Nazarener“ Leopold Kupelwieser. Unter jenem, das die Heilige Familie zeigt (aus 1841), wurde die Krippe aufgestellt. Sie ist eine Rarität. Denn es handelt sich um eine „Bretterkrippe“, laut Pfarrchronik im Jahr 1745 verfertigt: gemalt von Leopoldstädter Gottfried Straß und ausgeschnitten vom Lichtentaler Tischler Peter Ramsperger. Die Kosten betrugen 26 Gulden; das war weit mehr als der Jahreslohn eines Kirchendieners.

Dreiteilige Krippe

Das „Kripperl“ besteht aus drei Teilen, ist also ein Triptychon. Irgendwann wurde sie irgendwo gelagert, geriet in Vergessenheit und galt schließlich als verschollen. Erst 1978 entdeckte man die Krippe wieder. Und seit 2007 ist sie restauriert. In der Mitte ist die Geburt Jesu mit den Hirten dargestellt, links die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Und rechts? Eine Szene, die hierzulande normalerweise ausgespart wird: die Beschneidung im Tempel ...

Zur Person
Kristina Burger, dreifache Oma mit zwei erwachsenen Kindern, arbeitete viele Jahre in einer Mediaagentur. Dann suchte sie sich eine neue Herausforderung – und wurde Fremdenführerin. „Ich möchte den Menschen meine schöne Heimatstadt näherbringen. Ich habe den Wechsel nie bereut“

Schwerpunkte
„Ich mag Politik und Geschichte – und G’schichterln.“ Kristina Burger ist daher auf mittelalterliche Sagen und Märchen spezialisiert, sie führt gerne Kinder und Jugendliche, macht auch Grätzelführungen und Musiktouren (Mozart, Beethoven, Schubert). Auf Englisch und Deutsch.
Info: kburger@aon.at

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