Überwältigend: Christkönigsmosaik von Karl Sterrer aus 1936

© Kurier/Gerhard Deutsch

Serie
12/09/2020

Christkönigskirche in Wien: Juwel mit schwieriger Vergangenheit

Serie "Kunst in der Kirche", Teil 4: Die einstige Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche, heute Pfarre Burjan, besticht mit einem Mosaik

von Thomas Trenkler , Gerhard Deutsch

Heute wagen wir uns in extrem vermintes Gelände vor.

Denn Andrea Bramberger, seit 2008 Fremdenführerin in Wien, will uns eine Kirche vorstellen, die ziemlich schlecht beleumundet ist: die ehemalige „Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche“. Sie bat uns also zum Vogelweidplatz, wo einst der Schmelzer Friedhof war.

„Dort soll eine Kirche sein?“, fragt KURIER-Fotograf Gerhard Deutsch ungläubig. Der Platz ist direkt hinter der Stadthalle. Schon oft sei er dort gewesen, aber eine Kirche hätte er nie gesehen.

Tatsächlich: Man muss genau schauen, um sie zu erkennen. Sie hat keinen Turm, erhebt sich nicht über die Gemeindebauten und Zinshäuser. Das sei Programm gewesen, so Bramberger.

Die Initiatorin der Kirche war Hildegard Lea Burjan, eine erstaunliche Persönlichkeit. 1883 in eine jüdische Familie hineingeboren, studierte sie in Zürich Literatur und Philosophie; 1908 promovierte sie „magna cum laude“. Im Herbst jenes Jahres erkrankte sie schwer. Sie wurde in Berlin von den Barmherzigen Schwestern gepflegt. In der Karwoche 1909, von den Ärzten bereits aufgegeben, setzte eine überraschende Besserung ein. Ein halbes Jahr später konvertierte Burjan zum katholischen Glauben.

Sie übersiedelte mit ihrem Mann nach Wien, engagierte sich für unterdrückte Heimarbeiterinnen, gründete 1919 die Caritas Socialis, war kurz christlichsoziale Abgeordnete und forderte, was noch immer nicht Realität ist: „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“.

 

Bei ihren Projekten unterstützt wurde sie vom zweifachen Bundeskanzler Ignaz Seipel, dem antidemokratischen Sozialistenfresser und „Prälaten ohne Gnade“. Nach dessen Tod am 2. 8. 1932 initiierte Burjan den Bau einer Gedächtniskirche. Binnen kürzester Zeit hatte sie genügend Spendengelder beisammen.

Den Wettbewerb (ohne Jury!) konnte Holzmeister für sich entscheiden. Er hatte in Wien u. a. bereits das Krematorium beim Zentralfriedhof entworfen, die Kirche in der Krim und jene in Dornbach.

Die Grundsteinlegung für die Christkönigskirche fand am 30. Juni 1933 statt. „Doch Burjan hat sie nicht mehr erlebt: Sie starb am 11. Juni“, erklärt Bramberger. „Daher hat Bundeskanzler Engelbert Dollfuß mit seiner Gemahlin Alvine die Bauaufsicht übernommen.“ Aber auch der Ständestaat-Diktator starb vor Ende der Arbeiten: Er wurde am 25. Juli 1934 von Nationalsozialisten ermordet.

Krypta mit Kanzlern

So wurde die weiß getünchte, im September 1934 eingeweihte Kirche, von der Kubatur her nicht größer ist als das gleichzeitig errichtete Fürsorgeheim (nun Kindergarten und Hort), zum Gedächtnisort auch für ihn: In der Krypta ließen die Austrofaschisten Seipel wie Dollfuß bestatten.

Die Kirche am „Kanzlerplatz“ wurde zum Wallfahrtsort. Die Nazis setzten dem Kult nach dem „Anschluss“ ein Ende: Sie ließen die Särge 1939 umbetten: auf den Hietzinger bzw. Zentralfriedhof.

Heute ist die einstige „Kanzlergruft“ eine Kapelle. Und von der Gedächtniskirche distanziert man sich: Die Widmung unter der Bronzeplastik „Caritas divina“ im Arkadengang zwischen den beiden Gebäuden wurde blickdicht mit einer Erläuterungstafel verdeckt. Die Vergangenheit hätte man aber zumindest durchschimmern lassen müssen. Sie lässt sich ohnedies nicht leugnen.

 

Das Innere der Kirche ist von den dornenkronenartigen Lampen und leuchtenden Glaskreuzen bis zu den Glasfenstern ein Gesamtkunstwerk, an dem viele Künstlerinnen (Gudrun Baudisch, Angela Stadtherr, Hilde Leitich-Uray und Herta Bucher) mitgearbeitet haben.

Bloß der bühnenartige Altar, zwölf Stufen über den Sitzreihen, passt so gar nicht zum „Programm“ einer Kirche für das Volk. Doch die Wirkung ist enorm – in Verbindung mit dem güldenen Christkönigsmosaik von Karl Sterrer. Auch er ist in Verschiss geraten: Er wurde zwar nach dem „Anschluss“ 1938 von den Nazis als Rektor der Akademie der bildenden Künste abgesetzt; aber er malte dann Hitler – und wurde Mitglied der NSDAP.

 

Sein thronender Christus mit den beiden Cherubinen, 1936 vollendet, ist dennoch grandios. Vielleicht bedarf es einer Revision? Es braucht zumindest Geld. Denn die Kirche ist (abgesehen von einem absurd eingebauten Heizkörper) nahezu unverändert erhalten geblieben, aber schon ziemlich ramponiert: Man sieht etliche Wasserflecke, vom Wandteppich mit dem letzten Abendmahl zeugen nur mehr die neun Befestigungshaken. Dieses Juwel der 30er-Jahre müsste dringend restauriert werden.

Zur Person
Andrea Bramberger, 1960 in Steyr geboren, studierte in Frankreich Literatur. Zurück in Österreich arbeitete sie für Eurocopter (Hersteller der ÖAMTC-Rettungshubschrauber) als rechte Hand des Chefs. Nach einer Umstrukturierung verließ sie das Unternehmen (nun Airbus). Weil sie an Geschichte interessiert ist, machte sie die Ausbildung zur Fremdenführerin. 

Schwerpunkte
Andrea Bramberger bietet Touren auf Französisch, Englisch und Deutsch an. Sie ist flexibel, ihr Spektrum ist breit gefächert. „Mich fasziniert die Jahrhundertwende, Wien um 1900; mein Steckenpferd ist Mode.“

Info: andrea.bramberger@chel

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