© Kurier/Jeff Mangione

Interview
06/11/2020

Kulturstaatssekretärin Mayer: "Wir wollen auch wieder auf Rockkonzerte gehen"

Andrea Mayer, Nachfolgerin von Ulrike Lunacek, über Lockerungen, Staatsoper, Kaffeesudlesen und den Anspruch, "dass wir niemanden verlieren".

von Georg Leyrer

Die neue Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer im ersten KURIER-Interview.

KURIER: Gratulation zum neuen Job.

Andrea Mayer: Danke.

Ich bin unsicher, ob man Sie drum beneiden soll. Sie müssen jetzt monatelang um Künstlerexistenzen kämpfen. Dann monatelang dafür, dass die kulturelle Infrastruktur nicht zusammenbricht. Warum nimmt man eigentlich so einen Job an?

Das ist eine sehr gute Frage. Man hat, wenn man um eine politische Spitzenposition gefragt wird, nie lange Zeit. Aber ich habe mir das natürlich überlegt. Aber wenn es Kunst und Kultur schlecht geht, es einen Aufschrei gibt, und man gefragt wird – wenn man dann Nein sagt, bereut man das vielleicht einmal.

Sie haben sicher beobachtet, wie schwierig es Ihre Vorgängerin in der Regierung hatte. Haben Sie sich mehr Pouvoir ausverhandelt, ein offenes Ohr des Vizekanzlers, einen Schlüssel zum Büro des Finanzministers?

Man hat nicht viel Spielraum für Verhandlungen. Ich habe mit Werner Kogler in sehr guten Gesprächen klären können, was notwendig ist, was man machen muss. Ich selbst verstehe mich als oberste Lobbyistin für Kunst und Kultur und für die Künstler. Ich kenne durch meine Tätigkeit in der Hofburg alle Mitglieder der Bundesregierung. Und wir arbeiten als Team gut zusammen.

Aber zurück zum Finanzminister: Es brennt ja nicht nur in der Kultur, sondern in allen Bereichen. Wie weit hinten müssen Sie sich anstellen, um etwas herauszuverhandeln?

Es sind deutliche Maßnahmen gelungen. Der Überbrückungsfonds, das Filmpaket für Dreharbeiten ohne existenzielles Risiko für die Filmschaffenden, wir verhandeln über weitere Finanzierungspakete für die Kulturbetriebe. Wir haben Lockerungen geschafft und einen Ausblick gegeben, wie jetzt über den Sommer Kunst und Kultur stattfinden können.

Bei der Überbückungsfinanzierung für Künstlerinnen und Künstler hört man, dass der sich schwieriger gestaltet als erwartet, wegen der Abrechnung über die Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS). Dort versicherte Nicht-Künstler, die von dem Fonds nicht erfasst sind, könnten sagen, das ist unfair.

Ich sehe überhaupt keine Schwierigkeiten. Die rechtliche Rahmenbedingung wurde einstimmig im Kulturausschuss beschlossen. Es gibt mit der SVS eine ausgezeichnete Zusammenarbeit.

Bei der Regierungsklausur nächste Woche soll es auch um Kultur gehen. Was sind denn die nächsten Branchen, Bereiche oder Menschen, bei denen Hilfsmaßnahmen gesetzt werden sollen?

Das Erste ist: Wie geht es weiter mit den Lockerungen? Wie schaut der Kulturbetrieb im Herbst aus, geht es weiter wie im Sommer oder gibt es weitere Lockerungen? Da werden wir nächste Woche mit dem Gesundheitsminister entscheiden.

Bogdan Roščić, der neue Staatsoperndirektor, wird da besonders erwartungsvoll sein. Der will seine Saison starten. Wird das was?

Ich habe mich mehrmals mit Bogdan Roščić besprochen. Er spielt verschiedene Szenarien durch. So wie er warten viele Kulturbetriebe auf die Möglichkeiten, die wir in der Pandemiephase im Herbst haben werden.

Ihr Bauchgefühl, wie das ungefähr sein wird?

Ich weiß nicht, ob Bauchgefühl hier weiterhilft. Der Gesundheitsminister ist sehr optimistisch, dass es nicht zu einer zweiten Welle kommt. Wenn die Zahlen sich so weiterentwickeln, glaube ich, dass wir die Kunst und Kultur sukzessive weiter öffnen können. Wann wir wieder in der Normalität, wie wir sie von vor der Pandemie kennen, ankommen, möchte ich nicht vorhersagen.

Trotzdem: Ein Bereich, der dringend einen Horizont braucht, sind große Rockkonzerte. In Amerika geht man hier vom Normalbetrieb erst im zweiten Halbjahr 2021 aus. Wird das hier früher sein?

Es ist Kaffeesudlesen. Aber: Ich hoffe es sehr. Wir alle wollen auch wieder auf Rockkonzerte, in Jazzclubs gehen. Die Veranstaltungsbranche macht sich große Sorgen. Das gehört auch zu Kunst und Kultur – da muss es so bald wie möglich Planungssicherheit geben.

Apropos: Die Geschäftsführer auch der Bundesmuseen und -theater warnen vor großen Verlusten. Aber seine eigenen Institutionen wird der Bund ja wohl auffangen?

Wie gehen wir um mit den bundeseigenen Institutionen, wie werden die aufgefangen? Darüber verhandeln wir mit dem Finanzminister. Wir haben Basisabgeltungen und Förderzusagen vorgezogen, damit die Liquidität aufrechterhalten bleibt.

Das Füllhorn wurde wochenlang immer wieder nachgeladen. Das wird mal vorbei sein. Was passiert dann? Anderswo wird längst offen darüber gesprochen, welche Kulturinstitutionen nie wieder aufsperren werden.

Mein Anspruch ist, dass wir niemanden verlieren. Bei den KünstlerInnen, und bei den Institutionen. Das ist eine gemeinsame Aufgabe der Bundesregierung, und von Bund, Ländern und Gemeinden. Wir müssen nicht nur historische Bezüge, sondern auch die gegenwärtige Vielfalt erhalten. Dazu muss man auch Privaten schmackhaft machen, in Kunst und Kultur zu finanzieren.

Zu Beginn der Krise klang das noch ganz anders als ein derartiges Regierungsbekenntnis: Da schienen sich Kunst und Kultur politisch in Luft aufgelöst zu haben, und die Kulturnationsbehauptung ist kollabiert.

Kunst und Kultur gehören zu Österreich, wir sind dafür berühmt, die ganze Welt kommt deswegen zu uns. Österreich hat hier ein wahnsinniges Potenzial, das kollabiert nicht so schnell. Und die Kulturschaffenden haben viele Möglichkeiten, sich öffentlich zu äußeren. Und sie haben das auch gemacht.

Ja, auch auf sehr brutale Art in Richtung Ulrike Lunacek.

Wenn man als Frau eine öffentliche Position annimmt, muss man wissen, dass man härter beurteilt wird.

Auch in der Kultur? Da könnte man meinen, dass sensiblere, vielleicht aufgeklärtere Menschen tätig sind.

Auch in der Kultur, wie man gesehen hat.

Gibt es angesichts dieses allumfassenden Krisenfeuerlöschens eigentlich kulturpolitische Gestaltungsmöglichkeiten?

Die Erkenntnisse darüber, unter welchen Bedingungen Künstler arbeiten, die werden uns weiter beschäftigen. Wie kann man das so gestalten, dass man davon auch leben kann, und faire Honorare zahlen kann?

Das haben alle Ihre Vorgänger der letzten Jahre auch angesprochen. Passiert ist nie viel.

Dieses Thema ist jetzt wahnsinnig präsent, ich glaube fest, dass man da etwas weiterbringen kann. Auch das Thema Gleichstellung: Was Frauen in der Coronakrise alles schultern mussten. Und die Digitalisierung.

In normalen Zeiten haben Kulturpolitiker vor allem eine Gestaltungsmöglichkeit: Die Besetzungen. Es gibt einen Volksoperndirektor, der gerne bleiben würde.

Das wird demnächst ausgeschrieben.

Und dann wird Robert Meyers Vertrag verlängert?

Das kann ich jetzt nicht sagen.

Auch die Art-for-Art-Geschäftsführung wird neu ausgeschrieben.

Herr Spörl hat falsche Tatsachen über seinen Lebenslauf verbreitet hat. Das ist nun auch Gegenstand von Ermittlungen.

Gibt es da eine interne Aufarbeitung, um so etwas künftig zu verhindern?

Wir werden uns das ganz, ganz genau anschauen.

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