Kommt das Fahrverbot, könnten bald auf allen Straßen in der City Fußgänger unterwegs sein.

© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Wien
06/16/2020

Details zur autofreien Wiener City: 27 Ausnahmen, kein Zeitplan

Türkis und Grün diskutieren noch. Ein Nachbarbezirk, der Handel und Autofahrer sind skeptisch.

von Stefanie Rachbauer, Bernhard Ichner

Vizebürgermeisterin Birgit Hebein kann es nicht schnell genug gehen. Und auch Bezirkschef Markus Figl macht Tempo – wenn auch verhaltener. Nachdem am Sonntag bekannt wurde, dass Grüne und ÖVP Autos aus dem Wiener Stadtkern verdrängen wollen, wird immer deutlicher: Nicht nur die Frage nach dem Zeitplan ist offen.

Der KURIER hat neue Details – und beantwortet die fünf wichtigsten Fragen zu dem Vorhaben.

1. Wann soll das Fahrverbot in Kraft treten?

Geht es nach Hebein, unbedingt noch vor Oktober – da ist nämlich Wien-Wahl. Das ist zumindest aus dem Rathaus zu hören. Für diese Version spricht, dass Hebein den Magistrat ein Konzept für ein weitgehend autofreies Zentrum erarbeiten ließ – obwohl der 1. Bezirk selbst an einem solchen arbeitete.

Fahrverbotszone

Gelten soll das Fahrverbot zwischen Ring und Franz-Josefs-Kai – ausgenommen ist der Heldenplatz. Wohnstraßen sowie Fußgänger- und Begegnungszonen bleiben aufrecht. 

Blockierte Auto-Routen

1. Gonzagagasse,  Heinrichsgasse, Salzgries, Vorlaufstraße, Marc-Aurel-Straße, Hoher Markt, Rotenturmstr.
2. Salztorgasse, Vorlaufstraße, Marc-Aurel-Straße, Tuchlauben, Brandstätte, Rotenturmstraße, Wollzeile
3. Josef-Meinrad-Platz, Löwelstraße, Michaelerplatz, Reitschulgasse, Augustinerstraße und weiter über Operngasse bzw. Philharmonikerstraße, Walfischgasse, Schwarzenbergstraße

Umsetzung

An allen Einfahrten zu der Zone soll es Straßenschilder geben: „Zone – Fahrverbot für alle Kfz“.

Figl will erst eine Machbarkeitsstudie anfertigen lassen – die das Bezirksparlament am Mittwoch genehmigen soll. Ist die Studie erst einmal da, kann es (dem Vernehmen nach) „schnell gehen“. Allerdings betont Figl stets, die Bürger einbinden zu wollen. Das erfordert Zeit – und spricht wiederum für eine Umsetzung nach der Wahl.

2. Welche Punkte sind sonst noch offen?

Viele Details – und mehrere grundsätzliche Fragen. In Hebeins Konzept (das dem KURIER vorliegt) sind satte 27 Ausnahmen vom Fahrverbot definiert. Die wichtigsten: Bezirksbewohner dürfen weiter mit dem Auto in die Innenstadt fahren, sofern sie ein Parkpickerl oder einen Garagenplatz haben.

Ebenso wenig soll das Verbot für Lieferanten, Betriebe mit Standort oder Kunden im Zentrum, Hotelgäste und Taxis gelten.

Öffentliche Garagen dürfen weiter von allen angesteuert werden. Das Parkticket dient als eine Art Berechtigungskarte. Hier wird die Kontrolle knifflig: Das Ticket hat man ja erst auf der Rückfahrt. Und: Die Garage muss auf dem kürzesten Weg erreicht werden. Wie das nachgewiesen werden soll, ist unklar.

Offen lässt das Papier auch ganz simple Fragen. Etwa: Darf man die Oma, die im 1. Bezirk wohnt, mit dem Auto besuchen? Oder: Werden Fußgänger auf der Fahrbahn gehen dürfen?

3. Wer soll kontrollieren?

Die Polizei. Dass sie es nicht leicht haben wird, verhehlt das Konzept nicht: Wegen der „Vielzahl der (...) Ausnahmen“ werde die Überwachung „schwerfallen“.

4. Wie regieren die angrenzenden Bezirke?

Im 6. Bezirk zeigt man sich besorgt. Bezirksvorsteher Markus Rumelhart (SPÖ) fürchtet einen zunehmenden Parkplatzdruck auf Mariahilf. Besucher der Inneren Stadt parken bereits jetzt ihre Autos im 6. Bezirk, sagt er.

Rumelhart fordert daher ein Verkehrskonzept für den gesamten Bereich innerhalb des Gürtels.

5. Und was meinen Interessensvertreter?

Der Autofahrerclub ÖAMTC drängt am Montag darauf, dass die Zufahrtsmöglichkeit zu den angrenzenden Bezirken gewahrt bleibt. Um etwa den 6. Bezirk zu entlasten, plädiert der ÖAMTC dafür, Garagenplätze am Ring günstiger anzubieten.

Zudem könne das Parkticket in der verkehrsberuhigten City gleich als Öffi-Fahrkarte dienen. Da Fahrverbote laut ÖAMTC einer elektronischen Kontrolle bedürfen, rechne man erst in ein bis zwei Jahren mit der Realisierung.

Der Handelsverband würde in der City lieber eine flächendeckende Begegnungszone sehen: Das sei eher im Interesse der Unternehmer als ein autofreier Bezirk.

Die Initiative „Platz für Wien“ hingegen wünscht sich, dass das Fahrverbot nicht auf den 1. Bezirk beschränkt bleibt. Bis zum Jahr 2030, so die Forderung der Initiative, solle es 100 verkehrsberuhigte Wohngebiete in der Stadt geben.