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Chronik Österreich
02/01/2020

Panik vor dem Coronavirus: Warum die Angst viral wird

Die Berichte über das Coronavirus überschlagen sich, Experten hingegen mahnen zur Ruhe. Was steckt wirklich hinter der Angst und treffen angekündigte Katastrophen manchmal doch ein?

von Valerie Krb, Barbara Mader

Noch schneller als das Coronavirus verbreitet sich derzeit die Angst davor. Die Bilder von Menschen mit Atemschutzmasken, Berichte über eine Millionenstadt unter Quarantäne und einen weltweiten Gesundheitsnotstand lassen die Furcht vor einer immer näherkommenden Bedrohung in die Höhe schnellen. Einer aktuellen Umfrage zufolge machen sich 43 Prozent der Österreicher Gedanken über eine mögliche Ansteckung, unter den Jungen sind es beinahe zwei Drittel. Und ein Viertel der Befragten gibt an, aufgrund des Coronavirus keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr zu nutzen.

Wie besorgt die Österreicher sind, zeigt auch ein KURIER-Rundruf bei Apotheken: Atemschutzmasken sind derzeit heiß begehrte Ware. „Wir haben im Moment sehr viele Anfragen wegen Gesichtsmasken“, sagt etwa eine Apothekerin aus Niederösterreich. Zwischenzeitig seien diese sogar nicht lieferbar gewesen. Manche würden sich bereits wegen eines Impfstoffes erkundigen.

Verschwörungstheorien

Befeuert werden die Ängste durch Falschmeldungen in den sozialen Medien. So kursieren Gerüchte, dass die Presse die wahre Gefahr verschweige, Microsoft-Gründer Bill Gates hinter dem Coronavirus stecke und dieses noch tödlicher sei als das Atemwegssyndrom SARS. Die Verschwörungstheorien sind dieser Tage wieder in Hochform.

Tatsache ist: In Österreich hat sich noch kein Verdachtsfall bestätigt. Das Coronavirus ist weniger infektiös als die Masern. Auch der renommierte Biochemiker und Erfinder des Grippe-Medikaments Tamiflu Norbert Bischofberger beruhigt. „Die Panik ist nicht gerechtfertigt.“ Die Bedrohung durch die normale Grippe sei wesentlich höher. Immerhin starben in der vergangenen Grippesaison 1.400 Österreicher an Influenza – mehr als drei Mal so viele wie im Straßenverkehr. Doch: „Bei Grippe fühlt man sich besser, weil es einen Impfstoff und Behandlungsmöglichkeiten gibt.“

 

Warum also fürchten wir uns so leidenschaftlich gerne? Die Psychologie nennt es Angstlust. Sie ist mit dem englischen Begriff „Thrill“ vergleichbar. „Zum Thrill gehören drei Dinge: Angst, Lust und die Hoffnung, dass es gut ausgeht“, erklärt Stephan Doering, Leiter der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien. Es handle sich dabei um eine reale, aber kalkulierbare Gefahr. Wir fürchten uns zwar, wissen aber, dass uns nichts ganz Schlimmes passieren kann, weil die Bedrohung weit weg ist. Und das habe etwas Erregendes. „Aber in dem Moment, in dem ich in einem Flugzeug sitze, das gerade abstürzt, ist es vorbei mit der Faszination.“

 

Der Komet kommt

Die Lust an der Angst hat besonders bei uns eine lange Tradition. Nicht umsonst wurde die Psychoanalyse in Wien erfunden. Der Erfinder des Konzepts Angstlust, Michael Balint, war ein Schüler Sigmund Freuds. Freud war noch gar nicht auf der Welt, da fürchtete man sich in Wien bereits mit Hingabe: 1832 wurden zwei Kometen angekündigt, was eine weltweite Kometenfurcht hervorrief. In Wien machte man gleich einen Schlager daraus: Das „Kometenlied“, ein berühmtes Wiener Couplet aus Nestroys Posse „Der böse Geist Lumpazivagabundus.“

Der Komet ist bisher noch nicht eingetroffen. Andere Weltuntergangsszenarien waren in der jüngeren Geschichte einmal mehr, einmal weniger berechtigt. Bei der SARS-Pandemie starben weltweit 700 Menschen, bei der Vogelgrippe 450. Grund genug zur Panik? Angekündigte Katastrophen treten nicht ein, heißt es. Einerseits, weil die Panik davor manchmal weit überzogen ist. Andererseits aber auch, weil wir etwas dagegen getan haben: Dass das Ozonloch, der Schrecken der 1980er Jahre, weiter am Schrumpfen ist, hat einen guten Grund: die Reduktion der FCKW-Gase, die in Sprühdosen und Kühlschränken enthalten waren.

Und das Waldsterben, auch bekannt als saurer Regen, ein weiteres Schreckgespenst der frühen 1980er? Es ist zwar nicht vorbei, aber immerhin, der Wald ist noch nicht tot – weil man handelte. Auch bei Ebola entschied sich die WHO zu drastischen Maßnahmen und setzte nicht umfassend getestete Impfstoffe ein: Die Seuche wurde eingedämmt.

 

Angst vor Terror

Und dann ist da die Angst vor Terror: Sie gibt uns das Gefühl, tatsächlich machtlos zu sein. Zwei Tage nach dem Terroranschlag im Pariser Musikclub Bataclan 2015 kam es rund um die Kathedrale Notre-Dame zu einer Massenpanik, als Unbekannte Schweizerkracher in die Menge warfen. Vor Angst, es könnte sich um eine neuerliche Schießerei handeln, stoben die Menschen in alle Richtungen, suchten Zuflucht in Hauseingängen. Damals tauchte ein neues Phänomen in den sozialen Medien auf: Facebook-Nachrichten mit dem Status „Es geht mir gut“ für die Besorgten daheim.

Ausnahmsweise zeigte sich das Internet als Mittel zur Deeskalation.

Wovor wir uns gefürchtet haben:

BSE

In den 90er Jahren ging der Verzehr von Rindfleisch massiv zurück, die Preise für Schweinefleisch und Geflügel schnellten in die Höhe. Grund war die Angst vor einer Infektion mit dem BSE-Erreger. Beim Menschen verursacht er die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die zu einer Degeneration des Gehirns führt. Sie ist zu 100 Prozent tödlich. Letztlich starben 230 Menschen daran. In Österreich gab es keinen Fall.

ANTHRAX

Im Oktober 2001 versetzte ein Anthrax-Anschlag die Welt in Panik: Der Mikrobiologe Bruce Ivins verschickte in den USA Briefe mit dem tödlichen Bazillus, fünf Menschen starben. Ein Zusammenhang mit 9/11 wurde vermutet, man befürchtete terroristische Biowaffen-Angriffe auch in Europa. Die Folge: Briefe oder Päckchen mit mysteriösem Inhalt lösten Hysterie aus. Der österreichische Nationalrat erhöhte daraufhin die Strafen für Trittbrettfahrer. 

Y2K

Man ortete Weltuntergang oder zumindest Lebensmittelknappheit und riet dazu, Konservendosen zu horten. Das Jahr-2000-Problem, auch  Y2K-Bug (Y2K = Year Two Kilo, also das Jahr 2000) genannt, warnte bei vielen Computersystemen vor dem Problem, dass diese zeitlich nicht darauf ausgerichtet waren, ihn mitzuerleben. Im Vorfeld des Jahreswechsels wurden Katastrophen-Szenarien  gezeichnet. Keines der Jahr-2000-Probleme hatte tatsächlich eine große Auswirkung.  

EBOLA

Ebola, eine durch Viren ausgelöste gefährliche Erkrankung, kann von Menschen, Tieren und kontaminierten Gegenständen übertragen werden. Ein Impfstoff wird derzeit getestet. Zum ersten Mal brach Ebola 1976 in der heutigen Republik Kongo aus, wo es auch zuletzt 2018/19 eine Epidemie gab. Bei diesem bisher zehnten Ausbruch starben mehr als 1000 Menschen. Beim Ausbruch 2013 waren 11.300 Ebola-Patienten ums Leben gekommen. 

SARS

Vor 17 Jahren trat das Schwere Akute Atemwegssyndrom  (SARS) erstmals in Südchina auf. Der Erreger war ein bis dahin unbekanntes Coronavirus. Mit der ersten Pandemie des Jahrhunderts steckten sich 8.000 Fälle auf, von denen fast 10% tödlich verliefen. Die Übertragung erfolgt überwiegend durch Tröpfcheninfektion aus kurzer Distanz und damit bei engem Kontakt mit hustenden und niesenden Infizierten sowie durch infizierte Tiere.

VOGELGRIPPE

Die Infektionskrankheit wird durch verschiedene Typen von Grippeviren verursacht. Normalerweise kommen sie nur bei Geflügel vor, manche Viren können aber auf Menschen überspringen. 2003 brach in Südostasien eine Epidemie aus, 2006 kam das Virus in Österreich an. In Niederösterreich wurde von Sanitätsdirektor Hoffer ein Katastrophendossier angelegt. Sportplätze sollten zu Massengräbern für die Opfer der Pandemie umfunktioniert werden.  

TERROR

Es begann mit 9/11: Auch wenn es schon in den 1970ern und 80ern  Anschläge gab – der 11. September 2001 erschütterte die Welt wie selten zuvor. Das neue Jahrtausend wurde auch in den Jahren danach zum Terrorschauplatz. Die Anschläge in Paris und Saint-Denis 2015 mit 130 Toten waren vorläufige Höhepunkte. Seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt haben wir ein mulmiges Gefühl auf großen Plätzen und vermuten hinter jedem Gewaltverbrechen einen Anschlag. Die Angst vor Terror ist heute ein ständiger Begleiter.  

Angstlust ist ein Konzept des Freud-Schülers Michael Balint. Im englischen Original lautet der Name Thrill. Zum Thrill gehören drei Dinge: Angst, Lust oder Wonne sowie die Hoffnung, dass es gut ausgeht. Balin exerziert das am Beispiel eines Jahrmarktbesuches durch, ein Thrill, auf den man sich bewusst einlässt. Von ungesunden Sachen, die man isst, über die Schießbuden bis  zur Achterbahn. 

Angstlust kommt ins Spiel, wenn wir uns zwar fürchten, aber im Prinzip wissen, dass nichts ganz Schlimmes passiert. Man hat ein wenig Angst, ist aber zuversichtlich, dass es gut ausgeht. Etwa auch bei der Annäherung an einen begehrten Menschen. Auf den man zugeht, im Wissen, dass man höchstens zurückgewiesen werden kann. Wenn man genießen kann, dass es ein bisschen gefährlich wird, ist Angst etwas Erregendes.

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