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Chronik Österreich
02/01/2020

Coronavirus: „So viele Menschen sind entflammbar“

Warum wir es lieben, uns zu gruseln – und welche medialen Verstärker die kollektive Angst hat.

von Barbara Mader

Stephan Doering, Leiter der Klinik für Psychoanalyse & Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien, erklärt die Faszination des Grauens und die Rolle der Medien.

KURIER: Wie sehr spielt Angstlust eine Rolle bei ausbrechenden Epidemien? Ist es wesentlich, ob die Angst berechtigt ist oder nicht?

Stephan Doering: Wir sprechen von Angstlust, wenn es sich um eine reale, aber doch kalkulierbare Gefahr handelt. Angst kann etwas Erregendes sein, wenn wir es genießen können, dass es ein bisschen gefährlich, aber nicht ganz ernst wird.

Haben wir es auch mit Angstlust zu tun, wenn es, wie im Fall Coronavirus, um eine Krankheit geht, von der wir die tatsächliche Gefahr noch nicht einschätzen können?

Hier geht es um eine sehr spezielle Situation. Im engeren psychoanalytischen Sinn wäre von Angstlust zu sprechen, wenn ich jetzt sage: Ich reise nach Peking und vertraue darauf, dass alles gut ausgeht. Daheim erzähle ich dann, dass ich alles gut überstanden habe. Wenn wir uns mit realen Bedrohungen umgeben, die gänzlich unkalkulierbar sind, wo ernsthaft Gefahr besteht, dass wir und die Gesellschaft Schaden nehmen, dann kann Angst sehr gesund sein. Der Erfinder des Konzepts Angstlust, der Psychoanalytiker Michael Balint, bringt die Angst mit einer kindlichen Regression in Zusammenhang. Er sagt, wir entwickeln uns zurück auf ein kindliches Niveau des Funktionierens.

Sie sagen, Angst ist auch etwas Gesundes?

Ja. Sie ist ein physiologischer Schutzmechanismus wie Schmerz. Wir laufen vor einer Gefahr weg, um keinen Schaden zu nehmen. Wenn man keine Angst hat, ist man gefährdet, dass einem etwas zustößt. Ein Problem wird es, wenn diese Ängste deplatziert auftreten und die Mensschen quälen, ohne dass ein Anlass besteht.

Um einen gänzlich unwissenschaftlichen Ausdruck zu verwenden: Gibt es so etwas wie die Faszination des Grauens? Eine Lust am Schrecken?Ich würde sagen: Ja, aber. Die Faszination des Grauens ist da, wenn ich einen Horrorfilm sehe, oder auf einem Berg stehe, und hinunter schaue. Abe wenn die Gefahr real ist, ist die Faszination weg. Fragen Sie Kriegsveteranen, die wirklich Schreckliches erlebt haben.

Wenn wir an Schreckensszenarien der vergangenen Jahre denken – SARS, BSE, Vogelgrippe – sie waren alle von einer sehr hohen medialen Aufmerksamkeit begleitet, die nicht selten in eine mediale Hysterie ausgeartet ist. Man könnte den Eindruck haben, auch das mediale Getöse wird mit einer gewissen Lust betrieben.

Wir müssen trennen zwischen Geschäftemacherei und einem psychoanalytischen Befund. In diesem Fall handelt es sich eindeutig um Ersteres. Angstlust spielt dann hinein, wenn wir Berichte und Schreckensmeldungen von Katastrophen lesen, die weit weg sind. Wenn in China eine Epidemie oder irgendwo ein Vulkan ausbricht und man selbst sitzt hier in Sicherheit – dann haben wir den Effekt, wie wir ihn auch aus der Klasse kennen, wenn ein Mitschüler, aber nicht man selbst gerügt wird. Wir fühlen Angst, aber auch eine gewisse Wonne, nicht direkt betroffen zu sein.

Können Ängste durch überproportionale mediale Aufregung verstärkt werden?

Wenn jemand zu hypochondrischen Ängsten neigt, dann ist so etwas natürlich ein gefundenes Fressen.

Welche Rolle spielen dabei soziale Medien?

Sie sind sehr empfindlich dafür, soziale Gruppenprozesse aufzuschaukeln. Weil es eben sehr leicht geht, dass einer einen Funken zündet, und es bricht gleich ein großes Feuer aus. So viele Menschen sind entflammbar. Social Media ist eine riesige Verstärkeranlage.

Die Aufregung in sozialen Medien hat ja nicht unbedingt Geschäftemacherei als Hintergrund. Warum schicken einzelne so gerne Schreckensmeldungen durch die Kanäle?

Da sind wir wieder bei der Angstlust. Psychoanalytiker Michael Balint hätte seine Freude an den sozialen Medien. Angstlust lässt sich kaum sicherer genießen als in sozialen Medien. Wenn jemand anderes von einem Shitstorm getroffen wird und Sie verschont bleiben – dann ist das so, wie wenn anderswo der Blitz eingeschlagen hat und man selbst hat überlebt.

Ein bisschen wie emotionales Geiserbahnfahren?

Genau.

Wovor wir uns gefürchtet haben:

BSE

In den 90er Jahren ging der Verzehr von Rindfleisch massiv zurück, die Preise für Schweinefleisch und Geflügel schnellten in die Höhe. Grund war die Angst vor einer Infektion mit dem BSE-Erreger. Beim Menschen verursacht er die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die zu einer Degeneration des Gehirns führt. Sie ist zu 100 Prozent tödlich. Letztlich starben 230 Menschen daran. In Österreich gab es keinen Fall.

ANTHRAX

Im Oktober 2001 versetzte ein Anthrax-Anschlag die Welt in Panik: Der Mikrobiologe Bruce Ivins verschickte in den USA Briefe mit dem tödlichen Bazillus, fünf Menschen starben. Ein Zusammenhang mit 9/11 wurde vermutet, man befürchtete terroristische Biowaffen-Angriffe auch in Europa. Die Folge: Briefe oder Päckchen mit mysteriösem Inhalt lösten Hysterie aus. Der österreichische Nationalrat erhöhte daraufhin die Strafen für Trittbrettfahrer. 

Y2K

Man ortete Weltuntergang oder zumindest Lebensmittelknappheit und riet dazu, Konservendosen zu horten. Das Jahr-2000-Problem, auch  Y2K-Bug (Y2K = Year Two Kilo, also das Jahr 2000) genannt, warnte bei vielen Computersystemen vor dem Problem, dass diese zeitlich nicht darauf ausgerichtet waren, ihn mitzuerleben. Im Vorfeld des Jahreswechsels wurden Katastrophen-Szenarien  gezeichnet. Keines der Jahr-2000-Probleme hatte tatsächlich eine große Auswirkung.  

EBOLA

Ebola, eine durch Viren ausgelöste gefährliche Erkrankung, kann von Menschen, Tieren und kontaminierten Gegenständen übertragen werden. Ein Impfstoff wird derzeit getestet. Zum ersten Mal brach Ebola 1976 in der heutigen Republik Kongo aus, wo es auch zuletzt 2018/19 eine Epidemie gab. Bei diesem bisher zehnten Ausbruch starben mehr als 1000 Menschen. Beim Ausbruch 2013 waren 11.300 Ebola-Patienten ums Leben gekommen. 

SARS

Vor 17 Jahren trat das Schwere Akute Atemwegssyndrom  (SARS) erstmals in Südchina auf. Der Erreger war ein bis dahin unbekanntes Coronavirus. Mit der ersten Pandemie des Jahrhunderts steckten sich 8.000 Fälle auf, von denen fast 10% tödlich verliefen. Die Übertragung erfolgt überwiegend durch Tröpfcheninfektion aus kurzer Distanz und damit bei engem Kontakt mit hustenden und niesenden Infizierten sowie durch infizierte Tiere.

VOGELGRIPPE

Die Infektionskrankheit wird durch verschiedene Typen von Grippeviren verursacht. Normalerweise kommen sie nur bei Geflügel vor, manche Viren können aber auf Menschen überspringen. 2003 brach in Südostasien eine Epidemie aus, 2006 kam das Virus in Österreich an. In Niederösterreich wurde von Sanitätsdirektor Hoffer ein Katastrophendossier angelegt. Sportplätze sollten zu Massengräbern für die Opfer der Pandemie umfunktioniert werden.  

TERROR

Es begann mit 9/11: Auch wenn es schon in den 1970ern und 80ern  Anschläge gab – der 11. September 2001 erschütterte die Welt wie selten zuvor. Das neue Jahrtausend wurde auch in den Jahren danach zum Terrorschauplatz. Die Anschläge in Paris und Saint-Denis 2015 mit 130 Toten waren vorläufige Höhepunkte. Seit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt haben wir ein mulmiges Gefühl auf großen Plätzen und vermuten hinter jedem Gewaltverbrechen einen Anschlag. Die Angst vor Terror ist heute ein ständiger Begleiter.