KOMPLEXITÄTSFORSCHER PETER KLIMEK IST "WISSENSCHAFTER DES JAHRES"

Forscher Peter Klimek macht Vielschichtiges verständlich.

© APA/HANS PUNZ / HANS PUNZ

Wissen Gesundheit
01/10/2022

Wissenschafter des Jahres Klimek: Aktuelles Pandemie-Management ist "Glücksspiel"

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zeichnet den Komplexitätsforscher Peter Klimek als "Wissenschafter des Jahres 2021" aus.

von Marlene Patsalidis

Vielschichtiges verständlich machen: So lässt sich der Beruf von Komplexitätsforscher Peter Klimek wohl am treffendsten zusammenfassen. Die Resultate seiner jüngsten Arbeiten – aus großen Datenmengen abgeleitete, akkurate Prognosen zum Verlauf der Corona-Pandemie – sind vielen Menschen inzwischen mehr als geläufig.

Nicht nur die breite Bevölkerung schätzt Klimeks sachliche Analysen. Auch in der Wissenschaftscommunity genießt der 39-Jährige großes Ansehen. Vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten wurde der promovierte Physiker, der als außerordentlicher Professor an der Medizinischen Universität Wien tätig und Fakultätsmitglied des Complexity Science Hub Vienna ist, nun zum "Wissenschafter des Jahres 2021" gewählt.

Vermittler in der Pandemie

Man würdigte damit Klimeks Beitrag dazu, wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Insbesondere in der Corona-Pandemie habe er "eine zentrale Funktion in der Erforschung dieser Seuche" eingenommen, hieß es im Rahmen der Verleihung am Montag.

Im Interview mit dem KURIER teilt der Vollblutforscher und Pandemie-Erklärer der Nation seine aktuellen Einschätzungen zum Pandemie-Management in Österreich.

KURIER: Herr Klimek, Sie wurden als "Wissenschafter des Jahres 2021" ausgezeichnet. Herzliche Gratulation! Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung?

Peter Klimek: Es ist eine große, große Ehrung. Insbesondere, wenn man zurückdenkt, wer diese Auszeichnung in den vergangenen Jahren erhalten hat: die Crème de la Crème der österreichischen Wissenschaft. Ich verstehe diese Auszeichnung als Anerkennung dafür, dass ich mit Kolleginnen und Kollegen viel Zeit und Herzblut in unsere Arbeit stecke, vor allem während der Pandemie. Insofern nehme ich sie mehr als dankbar an und gebe sie weiter an alle, die mit mir zusammenarbeiten.

Stichwort Pandemie: Die Omikron-Welle hat Österreich erfasst. Wie blicken Sie in die kommenden Wochen?

Die grundlegenden Parameter haben sich geändert. Wir sehen, dass viele Länder gerade trotz einer Rekordzahl an Neuinfektionen einen Strategiewechsel vollziehen und überraschend wenig tun. Ähnliches zeichnet sich in Österreich ab. Das hat natürlich etwas von einem Glücksspiel. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass man es mal laufen lässt. Andererseits wissen wir, dass wenn wir es komplett durchlaufen lassen, jedenfalls Kapazitätsprobleme bekommen. Und die Frage ist, ob wir dann noch etwas dagegen tun können. In Summe stehen wir vor einer ziemlich komplizierten Ausgangssituation.

Man wirft der Politik vor, kaum präventiv zu agieren. Ist das möglich, wenn sich die Parameter ständig verschieben?

Es wäre möglich gewesen. Wir haben es bis jetzt nur nie wirklich probiert. In Österreich hat es mit Ausnahme der ersten Welle immer nur einen Lockdown gegeben, wenn die Meldungen aus den Spitälern gekommen sind, dass sie überfüllt sind. Das wäre nicht notwendig. Man kann durchaus schon drauf reagieren, bevor die Spitäler übergehen. Das haben andere Länder getan.

Peter Klimek, Jahrgang 1982, hat an der Universität Wien in Physik promoviert und im Fach Computational Science (befasst sich mit Computerunterstützung innerhalb der Naturwissenschaften) seine Habilitationsschrift verfasst. Er ist außerordentlicher Professor an der Medizinischen Universität Wien und Fakultätsmitglied des Complexity Science Hub Vienna.

Auf der Grundlage seiner Fachkenntnisse in den Bereichen Komplexitätswissenschaft, Datenwissenschaft, Statistik und Physik zielt seine Forschung darauf ab, unser Verständnis und unsere Fähigkeit zur Vorhersage komplexer sozioökonomischer Systeme zu verbessern, die von menschlichen Krankheiten über Gesundheitssysteme bis hin zu Wirtschafts- und Finanzsystemen reichen.

Er hat ein Lehrbuch über die Theorie komplexer Systeme mitverfasst und ein Modell entwickelt, das von der österreichischen Regierung zur Vorhersage der Corona-Pandemie in Österreich verwendet wird.

Was heißt das jetzt für Omikron?

Um diese Welle komplett verhindern zu können, bräuchte es extrem harte und lang andauernde Maßnahmen. Man sollte den Menschen sagen, dass man vorhat, die Welle zu verzögern – oder eben nicht. Je nachdem hat man als Einzelner noch Zeit sich zu schützen, etwa dadurch, dass man sich eine Booster-Impfung holt. Damit hätte man gleichzeitig größere Chancen, höhere Infektionszahlen auszuhalten, ohne, dass es an die Kapazitätsgrenzen geht. Was ich kritisch sehe, ist, nichts Konkretes zu kommunizieren. Bis jetzt hat man davon ausgehen können, dass der Staat eingreifen wird, bevor die Infektionen richtig hoch geworden sind. Wenn das nicht mehr geplant ist, müssen wir das den Leuten sagen, damit sie sich eigenverantwortlich schützen können. Was ich nicht verstehe, ist, warum wir erst bei knapp über 40 Prozent verabreichten Booster-Dosen stehen, obwohl wir seit Wochen wissen, dass das das Einzige ist, womit wir einen unmittelbaren Hebel haben, diese Welle glimpflicher zu machen.

Lässt sich ein Ende der Pandemie beziehungsweise der Übergang in eine endemische Situation irgendwie absehen?

Wir dürfen nicht wieder den Fehler machen und sagen, dass das die letzte Welle ist. Wir gehen davon aus, das Delta weiter zirkulieren wird. Wenn die Omikron-Welle vorbei ist, könnte wieder eine Delta-Welle kommen – oder eine andere Variante. Nur weil das Virus jetzt milder geworden ist, heißt das nicht, dass die nächste Variante noch milder ist. Klar ist, dass wir immer weniger Leute haben, die immunologisch naiv sind. Die Brennpunkte in dieser Pandemie werden sich deswegen Stück für Stück verschieben. Es werden vielleicht nicht mehr in erster Linie die Intensivstationen sein, sondern andere Bereiche. Wir müssen begreifen, dass es in der Kontrolle der Pandemie auf permanente, langfristige Lösungen ankommt, die bei hohen Infektionszahlen funktionieren. Ich denke da in erster Linie an bauliche Maßnahmen in öffentlichen Gebäuden für eine bessere Lüftung. Die Testinfrastruktur werden wir nicht immer brauchen, aber bei Bedarf dazu schalten können müssen. Und wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass es gang und gäbe ist, in einer Hochinzidenzphase Maske zu tragen. Das alles wird noch länger bei uns bleiben.

In der Pandemie haben viele Menschen erkannt, wie viele kluge Köpfe hierzulande brillante Forschungsbereiche betreuen. Als berufliche Heimat ist Österreich für viele Forscherinnen und Forscher aber wenig attraktiv. Warum?

Das, was uns vor die größten Probleme stellt, ist, dass wir jungen Forscherinnen und Forschern nur sehr wenig Perspektiven auf eine sichere, langfristige Anstellung geben können. Das führt dazu, dass sie in vielen wissenschaftlichen Bereichen in prekären Situationen sind. Je weiter wir auf der Karriereleiter nach oben gehen, desto weniger weibliche Forscherinnen gibt es außerdem. Wenn man mal für ein halbes Jahr ausfällt, weil man ein Kind bekommen möchte, fällt man gleich aus dem Radl raus. In der Forschung wird das eigene Wirken wie in keinem anderen Berufsfeld – außer vielleicht dem Hochleistungssport – auf Zahlen reduziert. Wie viele Publikationen habe ich? Wie prestigeträchtig sind die Journale? Wie viele Euro werbe ich an Fördermitteln ein? Das macht extremen Druck, schnell Ergebnisse zu liefern. Das ist nicht unbedingt der Qualität zuträglich. Wir brauchen mehr Sicherheit für die Ideen der jungen Nachwuchskräfte und mehr Karrieremodelle.

Was haben ein Experimentalphysiker, ein Genetiker, ein Philosoph, ein Chemiker, eine Virologin, ein Weltraumforscher, ein Verhaltensbiologe, eine Archäologin, eine Mikrobiologin und eine Umwelthistorikerin gemeinsam? Viel, wenn sie Anton Zeilinger, Josef Penninger, Konrad Paul Liessmann, Nunu Maulide, Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Wolfgang Baumjohann, Kurt Kotrschal, Sabine Ladstätter, Renée Schroeder und Verena Winiwarter heißen. Sie alle wurden innerhalb der vergangenen 25 Jahre zum "Wissenschafter des Jahres" gekürt. Seit 1995 vergibt der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs diese Auszeichnung an Forscher, die ihre Arbeit besonders verständlich der Öffentlichkeit vermitteln.

Weitere Ausgezeichnete sind die Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer, Physiker Rudolf Grimm, Allergieforscherin Fatima Ferreira, Germanist Wendelin Schmidt-Dengler, Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, Mathematiker Rudolf Taschner, Theologe Ulrich Körtner, Transplantationschirurgin Hildegunde Piza, Sozialforscher Christoph Badelt, Prionen-Forscher Herbert Budka, Mars-Forscher Rudolf Rieder und Heinrich Wänke sowie der Zeithistoriker Stefan Karner.

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