Ausgezeichnete Historikerin Barbara Stelzl-Marx

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Porträt
01/07/2020

Barbara Stelzl-Marx ist die Wissenschafterin des Jahres

Die Wissenschaftsjournalisten würdigen die Historikerin dafür, wie sie ihr Fachgebiet lebensnahe der Öffentlichkeit präsentiert.

von Susanne Mauthner-Weber

Alles begann – mit einem Zufall: Anfang der 1990er saß eine junge Anglistik- und Russisch-Studentin  am Flughafen in Wolgograd, wo sie ein Auslandssemester absolvierte. Irgendwie kam Barbara Stelzl-Marx mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der sich als Stefan Karner entpuppte. Er war der erste westliche Historiker, der 1991 Zugang zu den damals noch streng geheimen sowjetischen Archiven erhalten hatte. Und darüber unterhielten sich die beiden.

Die junge Russisch-Studentin war begeistert und dachte: „Wäre gut für meine Sprachkenntnisse, dort eine Zeit lang zu arbeiten. Danach bin ich erstmals ins Archiv gefahren“, erzählt sie im Gespräch mit dem KURIER.

Ein Geschichtestudium – abgeschlossen mit ausgezeichneten Erfolg – sowie zahlreiche Forschungsarbeiten unter anderem über Besatzungskinder und Migration folgten. Heute wird die Grazer Historikerin in Wien zur Wissenschafterin des Jahres gekürt.

Was haben ein  Experimentalphysiker,  ein Genetiker, ein Philosoph, ein Chemiker, ein Weltraumforscher,  ein Verhaltensbiologe,  eine Archäologin,   eine Mikrobiologin und eine Umwelthistorikerin gemeinsam? Viel, wenn sie Anton Zeilinger, Josef Penninger, Konrad Paul Liessmann, Nunu Maulide, Wolfgang Baumjohann,  Kurt Kotrschal, Sabine Ladstätter, Renée Schroeder und Verena Winiwarter heißen. Sie alle wurden innerhalb der vergangenen 25 Jahre zum „Wissenschafter des Jahres“ gekürt. Seit 1995 vergibt der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs diese Auszeichnung an Forscher, die ihre Arbeit besonders verständlich der Öffentlichkeit vermitteln.

Weitere Ausgezeichnete  sind die Gendermedizinerin  Alexandra Kautzky-Willer, Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann, Physiker  Rudolf Grimm, Allergieforscherin Fatima Ferreira, Germanist Wendelin Schmidt-Dengler, Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, Mathematiker  Rudolf Taschner, Theologe Ulrich Körtner, Transplantationschirurgin Hildegunde Piza, Sozialforscher  Christoph Badelt, Prionen-Forscher Herbert Budka, Mars-Forscher Rudolf Rieder und Heinrich Wänke sowie der Zeithistoriker  Stefan Karner.

Die Archive, die Stelzl-Marx besuchte, entpuppten sich als Fundgrube: Die Personalakten von etwa 130.000 Österreichern, die während des Zweiten Weltkrieges in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren, lagern dort. Der Grundstein für die Forschungen des zwei Jahre später gegründeten Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung war gelegt, und Karner wurde mit der Leitung betraut. „Er fragte mich, ob ich als Assistentin mitarbeiten wolle“, erinnert sich Stelzl-Marx. Natürlich wollte sie.

Lebensnahe Geschichte

Den Putsch 1993 hat sie hautnahe miterlebt: „Da war ich vor Ort und habe im Archiv gearbeitet.  Die meiste Zeit bin ich aber mit Studienkollegen herumgefahren – Usbekistan, Baikalsee und Krim – und habe mit den Menschen geredet.“ Stelzl-Marx erkannt: Das ist Zeitgeschichte, die da passiert.

Lebendige Geschichte – das begleitete die Historikerin durch ihre weitere Karriere: Durch die Öffnung der Archive erfuhren etwa 10.000 Österreicher mehr über das Schicksal ihrer in sowjetischer Gefangenschaft festgehaltenen Angehörigen. Später hat sich Stelzl-Marx intensiv mit dem Schicksal der Besatzungskinder – jenen Kindern, die zwischen 1945 und 1955 von alliierten Soldaten mit Österreicherinnen  gezeugt wurden – befasst.

„Lange galten Besatzungskinder als Kinder des Feindes, die von einer Mauer des Schweigens umgeben waren. Durch meine Arbeit war es möglich eine Enttabuisierung einzuleiten und auch eine Vernetzung der Betroffenen. Eine Frau hat mir einmal erzählt, sie dachte immer, sie sei das einzige  Besatzungskind in ganz Österreich.“ Plötzlich erkannte sie, dass es noch weitere wie sie gibt. Es sei für diese Menschen sehr wichtig, zu wissen, dass sie nicht alleine sind.

Die Historikerin schätzt, dass etwa 30.000 Österreicher von Besatzungssoldaten abstammen. Die Information, wie sie die Suche nach den Vätern vorantreiben können, sei ein wichtig, auch für die zweite und dritte Generation – die Frage nach der Identität.

Neuland betreten

„Ich mag es, wissenschaftliches Neuland zu betreten und Dinge zu erforschen, die gesellschaftliche Relevanz haben“, ergänzt die Historikerin. Wie ihre Studie über das Lager Graz Liebenau. In den 1990ern war die Historikerin auf das Zwangsarbeiterlager gestoßen – einer Zwischenstation auf den Todesmärschen ungarischer Juden ins KZ Mauthausen: „Damals dachte ich: ,Wow, das war mir nicht bewusst, dass der Holocaust direkt vor unserer Haustür stattgefunden hat“, erzählt sie . Eine Ausstellung, von Stelzl-Marx kuratiert, vermittelte ihr Wissen im Graz-Museum einer breiten Öffentlichkeit.

Barbara Stelzl-Marx, Jahrgang 1971, hat  an der Universität Graz Geschichte, Russisch sowie Anglistik studiert und in Russland, England und den USA geforscht.  Ihre Dissertation über das Kriegsgefangenenlager Stalag XVII B in Krems-Gneixendorf schloss eine  Forschungslücke und die Habilitation „Stalins Soldaten in Österreich“ wurde  2012 ausgezeichnet.

Seit 2002 war sie stellvertretende Leiterin des Ludwig Boltzmann Institutes für Kriegsfolgenforschung in Graz, 2018 folgte die Mutter eines Sohnes („Valentin geht in die Volksschule“) Stefan Karner als Chefin von 15 Mitarbeitern. Seit Anfang 2019 ist sie auch Professorin für europäische Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt Konflikt- und Migrationsforschung an der Uni Graz.

Was sie noch besser erforschen will? "Den Kalten Krieg, Spionage, das Jahr 1989 und die Kinder des Krieges. Auch das Ende des Zweiten Weltkrieges und ein  Lebensborn-Projekt werden heuer Schwerpunkte sein." Was sie spitzt? „Wehrmachtskinder in der Sowjetunion – in Russland ein echtes Tabuthema.“

Und weil wir gerade bei gesellschaftlicher Relevanz waren:  Im Vorjahr hat die Wissenschafterin des Jahre 2019 gemeinsam mit dem Wissenschafter des Jahres 1995  ein Buch über die Migration im 20. Jahrhundert heraus gebracht. „Da kann man viel über Feindbilder lernen“, sagt sie und hat ein Forschungsprojekt auf den Weg gebracht, das sich damit befasst, welche Gegenstände Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg mitbrachten und welche heute.

Wenn sie sich jetzt fragen, wer der Wissenschafter des Jahre 1995 war: Stefan Karner, der Mann vom Flughafen, der ihre Karriere mitbestimmt hat und dem sie im Vorjahr als Leiterin des Ludwig Boltzmann Institutes folgte. „Ich kenne diese Auszeichnung also bereits sehr lange: 1995, als Professor Karner sie erhielt, war ich schon dabei. Es ist eine ganz tolle Sache.“