Wissen
11.12.2017

Wer kennt diese Frau?

Vor 71 Jahren verschwand der Rotarmist Vasyl Kuhhar in Niederösterreich. Das ist bis heute ein wunder Punkt in seiner Familie, die nun KURIER-Leser um Hilfe bittet.

"In den ukrainischen Familien hängen die Bilder der Lieblingsverwandten an den Wänden. Bei meiner Oma hing das Bild von Vasyl", erzählt Olexander Scherba.

Vasyl war Scherbas Großonkel, der in den Wirren des Zweiten Weltkrieges nach Österreich verschleppt worden war. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Nur einige wenige Bilder sind von ihm geblieben – ein Stachel im Fleisch der Familie.

Darum hat sich Scherba (Bild oben), den das Leben mittlerweile als Botschafter der Ukraine ausgerechnet nach Österreich verschlagen hat, mit der Bitte um Hilfe an Barbara Stelzl-Marx gewandt. Und die Historikerin vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung hat dem KURIER von dem berührenden Fall berichtet. Es ist die Geschichte eines vermissten Rotarmisten und seiner großen Liebe Herta.

Doch der Reihe nach: Wir schreiben 1945. Vasyl Kukhar ist während des Krieges als Zwangsarbeiter in den Westen gekommen. Einige Zeit wohnte er bei einer Familie, wissen die älteren Verwandten Scherbas zu berichten. Als die Rote Armee sich der Tschechoslowakei näherte, floh Kukhar und schloss sich der Armee an. So wird es, sagt Scherba, in der Familie erzählt. "Mit der Armee kam er wieder nach Österreich, diesmal als Chauffeur eines Generals". (Ein Generalmajor Galitzky war 1946 Oberbefehlshaber der technischen Truppen der Roten Armee in Wien.) Hin und wieder erreichten Briefe, Karten und Fotos die Familie in der Ukraine. "Drei der Fotos zeigen eine Frau – ihr Name ist Herta." (Bild unten)

Scherba dreht das Foto um und liest die Widmung vor: ",Denke oft und gerne an mich zurück’ steht da. Und: Klosterneuburg, Adolf Hitlerplatz 81(heute Stadtplatz). Der Fotograf war ein Lothar Strempel." (Bild unten)

Alle anderen Bilder und Karten, die von Großonkel Vasyl Kukhar geblieben sind, scheinen von woanders herzukommen. Da ist eine Postkarte aus Zeiselmauer (Bild unten) – "Ich bin am Leben und gesund", steht da.

"Komme nie wieder"

"Als der Krieg zu Ende war, kam Vasyl 1946 auf Besuch nach Hause. Der General schickte einen ganzen Lkw mit Raubgut in seine Heimatstadt Astrachan", erzählt Scherba. Kukhar fuhr also Richtung Osten und machte auf dem Rückweg einen Abstecher bei seiner Familie. Scherba: "Am letzten Abend nahm er seine Schwester, meine Oma, hinter dem Haus beiseite und flüsterte ihr zu: ,Xenia, weißt Du, ich komme nie wieder.’" Sie verstand nicht, dachte, er fühle den nahenden Tod.

"Der letzte Brief, den wir von ihm bekommen haben, stammt aus dem April 1946. Auch ein Foto lag bei: ,Ich, meine Freunde und meine Herta, 10.4.46".

Mit Freunden, aber wo?

Irgendwann wurde Kukhars Vater nach Moskau gerufen und kam mit einem Schreiben zurück: "Ihr Sohn ist seinen Wunden erlegen und wurde in Österreich begraben."

Das ließ die Familie ratlos zurück. Wurde Kukhar womöglich hingerichtet? "Während der Besatzungszeit wurden einige Rotarmisten, die Beziehungen mit einheimischen Frauen hatten, wegen antisowjetischer Spionage oder Vaterlandsverrates hingerichtet", erklärt die Historikerin Barbara Stelzl-Marx (siehe Geschichte unten). "Leider weiß man über die Todesurteile der frühen Phase von Kriegsende bis 1947 sehr wenig." Anders als von den Hingerichteten der Jahre 1950 bis 1953 kennt man hier weder Namen noch Hintergründe für ihre Erschießung.

"Ich habe natürlich einen offiziellen Brief nach Kiew zum Sicherheitsdienst geschickt. Mit der Bitte zu prüfen, ob es eine Akte zum Schicksal von Vasyl Kukhar gibt", sagt Scherba. Fehlanzeige.

So blieb der Familie nur, sich Gedanken über Vasyl Kukhars letzte Worte an seine Schwester zu machen: "Sie bedeuteten wohl, dass er entschieden hatte, in Österreich zu bleiben. Irgendetwas muss ihn dazu bewogen haben. Etwas war passiert. Vielleicht ein Kind? Wir möchten mehr über sein Schicksal erfahren", sagt Scherba und hofft, diese Frau zu finden, oder jemanden, der sie kannte. "Alles, was wir wissen: Niederösterreich, Zeiselmauer, Herta."

Info

Wer etwas über das Schicksal von Vasyl Kukhar weiß oder Herta kannte, schreibt bitte an die Redaktion: susanne.mauthner@kurier.at

Liebespaare riskierten die Todesstrafe

"Ende März 1945 betraten die ersten Rotarmisten österreichisches Territorium. Rund neun Monate später kamen die ersten sowjetischen Besatzungskinder auf die Welt." So schreibt es Barbara Stelzl-Marx in ihrem Buch "Besatzungskinder". Die stellvertretende Leiterin am Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung hat das Schicksal der Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich recherchiert.

Männermangel

Und derer gibt es viele: 1945 befanden sich 700.000 Besatzungssoldaten in Österreich, 400.000 davon waren Rotarmisten. "Frauenhungriges Männerpotenzial", wie Stelzl-Marx schreibt, dem ein eklatanter Männermangel gegenüber stand – 380.000 heimische Männer waren nicht von den Schlachtfeldern heimgekehrt.

Nach Auswertung der Quellen schätzt Stelzl-Marx die Zahl der Nachkommen sowjetischer Besatzungssoldaten auf etwa 15.000. Ein Teil der Kinder kam nach einer Vergewaltigung zur Welt, es gab aber auch zahlreiche freiwillige Beziehungen. Der Kreml sah die sowjetisch-österreichische Fraternisierung nicht gerne: "Man betrachtete Geschlechtsverkehr zwischen Armeeangehörigen und nichtsowjetischen Frauen im Ausland als politisch folgenschwer und verwerflich", sagt die Historikerin.

Die Frauen wurden als gefährliche Werkzeuge westlicher Geheimdienste gesehen: Von Kriegsende bis 1947 riskierten die Paare, wenn sie in den Westen flüchten wollten oder in Kontakt mit westlichen Geheimdiensten kamen, die Todesstrafe. Stelzl-Marx: "Danach war sie für etwa drei Jahre ausgesetzt, als Höchststrafe wurden 25 Jahre Lagerhaft im GULAG verhängt. Von 1950 bis 1953, als die Todesstrafe wieder eingeführt war, wurden mehr als 100 österreichische Zivilisten und einige Ausländer, die in Baden bei Wien verurteilt worden waren, in Moskau hingerichtet."

Buchtipp:

Barbara Stelzl-Marx, Silke Satjukow (Hg.): „Besatzungskinder“,Böhlau-Verlag, 35 €