In der Corona-Pandemie haben viele Menschen hierzulande erkannt, wie viele kluge Köpfe hierzulande brillante Forschungsbereiche betreuen: zum Beispiel Komplexitätsforscher Peter Klimek.

© Kurier/Jeff Mangione

Wissen Wissenschaft
01/10/2022

Wissenschaftspreis für Peter Klimek: Der Daten-Dompteur im Por­t­rät

Peter Klimek seziert komplexes gesellschaftliches Geschehen, um dessen Entwicklung präzise zu prognostizieren. Nun wurde er als "Wissenschafter des Jahres 2021" geehrt.

von Marlene Patsalidis

Hektisches Treiben sucht man in den langen, lichtdurchfluteten Gängen des Palais Strozzi im Herzen der Wiener Josefstadt vergeblich. Seit 2016 ist der Complexity Science Hub Vienna im ersten Stock des Prachtbaus zu finden. Und damit auch das Büro von Peter Klimek. Ein puristisch eingerichteter Raum – Tisch, Laptop, Ledercouch. Von chaotisch-verstaubtem Forschungskämmerchen keine Spur.

Unübersehbar ist dafür die überdimensionale Wandtafel. Für Laien offenbart sich beim Anblick der mit blauem Filzstift notierten Formeln, Koordinatensysteme und diagonal gezeichneten Geraden eine kunstvolle wie irritierende Ästhetik. Peter Klimek kann daran allerhand ablesen.

Daten dominieren

Als Komplexitätsforscher destilliert der 39-Jährige Sinnhaftes aus riesigen Datenmengen. "Die Kunst ist, ein komplexes System, das durch Millionen von Variablen beschrieben ist, auf wenige aussagekräftige Kenngrößen zu reduzieren, die uns Antworten auf das geben, was uns interessiert."

Der Hang zur Mathematik hat sich bei Peter Klimek früh abgezeichnet: "Ich habe schon mit 14 oder 15 Jahren begonnen, mich auf die Physik zu versteifen." Die neuen Erkenntnisse des Quantenphysikers Anton Zeiliger übten schon früh eine besondere Faszination auf ihn  aus. Nach einem Abstecher in die Welt der Philosophie sei im Studium schnell klar gewesen, "dass ich mich in den Naturwissenschaften zu Hause fühle".

Heute ist Peter Klimeks wichtigstes Arbeitsaccessoire der Computer. Das Bild vom "Wissenschafter, der verschroben in einer Ecke sitzt und nur in sein Kasterl schaut" treffe auf ihn aber nicht zu. "Mein Job ist großteils ein kommunikativer Teamsport." Vernetztes Arbeiten mit Weitblick, das schätzt er an seinem Beruf als Forscher an einer universitären Einrichtung. "Wir können uns Freiräume schaffen, um an Fragen zu arbeiten, die wir für gesamtgesellschaftlich relevant halten."

"Die Kunst ist, ein komplexes System auf wenige aussagekräftige Kenngrößen zu reduzieren."

Peter Klimek, Komplexitätsforscher
Peter Klimek

Unbekanntes Terrain

Die Pandemie stellte den Modellierer vor neue Herausforderungen. "Die Datenproblematik war von Anfang an eine Hürde." Das zeige sich momentan auch beim Umgang mit der Omikron-Variante. "Die Frage, die sich alle stellen, ist, wie viele schwere Verläufe wir zu erwarten haben. Dazu wäre es notwendig, dass man Daten aus dem epidemiologischen Meldesystem mit Daten von Patienten, die gerade in Spitälern liegen, verknüpft. Nachdem wir diese Datenverknüpfungen nicht haben, müssen wir uns mit Annahmen behelfen. Das macht Prognosen unsicherer."

Spannungsfelder gibt es auch in der Zusammenarbeit mit der Politik – Klimek ist Teil des Covid-Prognose-Konsortiums, das wöchentlich Prognosen zum Verlauf der Pandemie liefert. "Ich frage mich in der Tat häufig, ob wir je irgendeine Grundlage für eine Entscheidung geliefert haben", sagt Klimek und schmunzelt. Häufig sei nicht klar, auf Basis welcher Evidenz Entscheidungen getroffen werden. Vielmehr würden Maßnahmenszenarien "im Pingpong-Modus mit unterschiedlichen Experten hin und her gespielt, um auszuloten, was an Echo zurückkommt".

Peter Klimek, Jahrgang 1982, hat an der Universität Wien in Physik promoviert und im Fach Computational Science (befasst sich mit Computerunterstützung innerhalb der Naturwissenschaften) seine Habilitationsschrift verfasst. Er ist außerordentlicher Professor an der Medizinischen Universität Wien und Fakultätsmitglied des Complexity Science Hub Vienna.

Auf der Grundlage seiner Fachkenntnisse in den Bereichen Komplexitätswissenschaft, Datenwissenschaft, Statistik und Physik zielt seine Forschung darauf ab, unser Verständnis und unsere Fähigkeit zur Vorhersage komplexer sozioökonomischer Systeme zu verbessern, die von menschlichen Krankheiten über Gesundheitssysteme bis hin zu Wirtschafts- und Finanzsystemen reichen.

Er hat ein Lehrbuch über die Theorie komplexer Systeme mitverfasst und ein Modell entwickelt, das von der österreichischen Regierung zur Vorhersage der Corona-Pandemie in Österreich verwendet wird.

Wissenschaft schützen

Ungewohnt emotional reagierte Peter Klimek, als der Salzburger Landeshauptmann der Covid-Expertenschaft des Landes mitten in der vierten Welle unterstellte, die Bevölkerung einsperren zu wollen. "An dem Punkt ist viel kristallisiert", erinnert sich Klimek. "Schon vor Beginn der vierten Welle sind wir mit wissenschaftlichen Argumenten in Teile der Bevölkerung nicht mehr hineingekommen. Da sind solche Aussagen kontraproduktiv. Das Vertrauen in die Wissenschaft wird weiter untergraben. Und man unterläuft die Bemühungen, Verständnis für Maßnahmen zu erreichen."

Was erschwerend hinzukommt: "Wir haben gesehen, dass es in der Pandemie oft keine einfachen und eindeutigen Antworten gibt. Auch unter den Experten ist man sich oft nicht einig. Unsere Gesellschaft ist nun einmal komplex genug, dass mehrere Blickwinkel auf dasselbe Problem gleichzeitig Berechtigung haben können." Eine Tatsache, die von Anhängern gängiger Verschwörungsideologien gerne für ihre Zwecke missbraucht werde.

In der gesellschaftlich aufgeheizten Stimmung wurde Klimek des Öfteren zur Zielscheibe hasserfüllter Botschaften. "Es ist nicht angenehm, wenn man beleidigt wird", beschreibt er. "Teilweise sind radikale Gruppierungen unterwegs. Das gibt zu denken. Man muss sich aber in Erinnerung rufen, dass hier eine Minderheit besonders laut auftritt, der man im öffentlichen Diskurs nicht zu viel Raum geben darf – und emotionale Distanz aufzubauen."

Ein weitaus größeres Problem sieht er in der "prinzipiellen Wissenschaftsskepsis: In großen Teilen der Bevölkerung ist kein Bewusstsein dafür da, dass man in wissenschaftliche Methodik mehr Vertrauen haben kann als ins eigene Bauchgefühl."

Belastungsprobe

In der Pandemie ist Peter Klimek nicht nur Prognostiker, sondern auch Privatperson. "Ich bin privilegiert. Bei uns war es von der wohnlichen Situation her kein Problem, dass meine Frau und ich im Homeoffice waren. Nachdem wir kleinere Kinder haben, setzen uns auch längeren Sperren der Nachtgastro nicht sonderlich zu", scherzt er. Fügt aber mit ernster Miene hinzu: "Es gibt mehrere Tage in der Woche, wo ich in der Früh aus dem Haus gehe und spät am Abend nach Hause komme. Es zehrt an einem, wenn die Kinder einem sagen, wie traurig sie sind, weil man sich schon so lange nicht mehr gesehen hat. Umso wichtiger ist es, dass man die Belastung ausbalanciert."

Interviews sind für Klimek inzwischen zur Routine geworden. "In der universitären Forschung werden wir vom Steuerzahler bezahlt. Es ist also unsere Aufgabe, unsere Arbeiten der Bevölkerung kommunizieren zu können." Unzählige Interviewanfragen hätten ihn in den vergangenen zwei Jahren dennoch zeitweise an die Grenze der Belastbarkeit getrieben. "Teilweise muss man einen Strich ziehen. Das ist mit einem schlechten Gewissen verbunden, weil man für so viele Fragen wie möglich zur Verfügung stehen möchte." Die Zusammenarbeit mit Journalistinnen und Journalisten sei jedenfalls "eine hochinteressante Erfahrung, die in den meisten Fällen Spaß macht und einen zwingt, seine Annahmen ständig kritisch zu hinterfragen".

Ehre fürs Team

Die Auszeichnung zum Wissenschafter des Jahres – sie wird jedes Jahr vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten verliehen – empfindet der Vollblutforscher als "große Ehrung, insbesondere, wenn man zurückdenkt, wer diese Auszeichnung in den vergangenen Jahren erhalten hat – die Crème de la Crème der österreichischen Wissenschaft".

Die Auszeichnung versteht der Wissenschafter auch "als Anerkennung dafür, dass ich mit Kolleginnen und Kollegen viel Zeit und Herzblut in unsere Arbeit stecke, vor allem während der Pandemie".

Was haben ein Experimentalphysiker, ein Genetiker, ein Philosoph, ein Chemiker, eine Virologin, ein Weltraumforscher, ein Verhaltensbiologe, eine Archäologin, eine Mikrobiologin und eine Umwelthistorikerin gemeinsam? Viel, wenn sie Anton Zeilinger, Josef Penninger, Konrad Paul Liessmann, Nunu Maulide, Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Wolfgang Baumjohann, Kurt Kotrschal, Sabine Ladstätter, Renée Schroeder und Verena Winiwarter heißen. Sie alle wurden innerhalb der vergangenen 25 Jahre zum "Wissenschafter des Jahres" gekürt. Seit 1995 vergibt der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs diese Auszeichnung an Forscher, die ihre Arbeit besonders verständlich der Öffentlichkeit vermitteln.

Weitere Ausgezeichnete sind die Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer, Physiker Rudolf Grimm, Allergieforscherin Fatima Ferreira, Germanist Wendelin Schmidt-Dengler, Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, Mathematiker Rudolf Taschner, Theologe Ulrich Körtner, Transplantationschirurgin Hildegunde Piza, Sozialforscher Christoph Badelt, Prionen-Forscher Herbert Budka, Mars-Forscher Rudolf Rieder und Heinrich Wänke sowie der Zeithistoriker Stefan Karner.

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