Coronavirus - Impfzentrum in Bielefeld

© APA/dpa/Friso Gentsch / Friso Gentsch

Wissen Gesundheit
02/11/2021

Wenn Corona-Mutationen zum Risiko für Impfstoffe werden

Viren verändern sich ständig. Problematisch wird es, wenn sie die Zeit bekommen, dem Angriff des Immunsystems zu entkommen.

von Ernst Mauritz, Theresa Bittermann, Pilar Ortega

„Eigentlich ist das ja nichts Besonderes – Viren verändern sich ständig spontan, nichts anderes sind Mutationen“, sagt die Virologin und Impfstoffexpertin Christina Nicolodi: „Wenn mich jemand infiziert, wird mein Virus nicht zu 100 Prozent jenem entsprechen, das man bei dem anderen isoliert. Bei der Virusvermehrung in den Zellen entstehen Kopierfehler – und nicht alle können korrigiert werden.“

30.000 Buchstaben lang ist das Genom (Erbgut) von SARS-CoV-2: „Für ein Virus erstaunlich lange“, erklärt der Virologe Andreas Bergthaler. Mutieren bedeute: „Die Kopiermaschine dieser 30.000 Buchstaben ist fehlerhaft.“

Das spielt bei den meisten Veränderungen keine Rolle – „sie bringen dem Virus weder Vor- noch Nachteile“, erläutert Nicolodi. Doch besonders bei der südafrikanischen Variante ist das anders: Hier zeigte sich bei 2.000 jungen Testpersonen mit dem Impfstoff von Astra Zeneca eine Wirksamkeit von lediglich zehn Prozent in der Verhinderung milder und moderater Krankheitsverläufe.

„Eine Warnung“

Die Studie wurde jedoch noch keiner wissenschaftlichen Kontrolle unterzogen und noch nicht veröffentlicht. Die genauen Daten sind also noch nicht bekannt, betont der Epidemiologe Gerald Gartlehner: „Das macht eine seriöse Beurteilung der Situation unmöglich, die Hinweise aus der Untersuchung sollten uns jedoch eine Warnung sein. Über Auswirkungen auf schwere Verläufe, Hospitalisierungen und die Sterblichkeit wissen wir noch nichts, das wäre reine Spekulation.“

Auch Nicolodi beklagt fehlende Daten: „Man kann aber davon ausgehen, dass die Vektorimpfstoffe tatsächlich bei dieser Variante weniger wirksam sind.“ Darauf gebe es auch Hinweise aus Laborstudien und Studien mit Tieren. „Grundsätzlich ist ja das Virus bei leichten und schweren Verläufen dann dasselbe – deshalb befürchte ich auch Einbußen der Wirksamkeit bei schweren Verläufen. Wenn wir Glück haben, sind diese dann milder – aber wir wissen es noch nicht. Deshalb ist die Situation kritisch – wir dürfen dem Virus keinen Raum lassen, weiter zu mutieren.“

„Verlangsamen“

„Wir sind zur Vorsicht aufgerufen und sollten die Ausbreitung der südafrikanischen Variante in Österreich so gut wie möglich verlangsamen“, sagt Gartlehner. „Die beste Möglichkeit wäre eine lokale Quarantäne für betroffene Gebiete und regelmäßige Massentests.“

Nicolodi betont auch, wie wichtig es ist, den Impfstoff rasch anzupassen: „Wenn mein Immunsystem nicht rasch auf die Infektion anspringt, lasse ich dem Virus Raum, sich weiter zu verändern, sich an den erst langsam wachsenden Druck des Immunsystems anzupassen und ihm auszuweichen.“

Infektionen von Menschen mit generell geschwächtem Immunsystem haben die Entstehung dieser Varianten wahrscheinlich begünstigt: „Das Virus kann sich in solchen Infizierten lange vermehren und verändern. Erhalten dann die Betroffenen eine Therapie, z. B. mit Antikörpern, die aber nicht hundertprozentig wirksam ist, hat das Virus ausreichend Zeit, auch dieser Therapie zu entkommen – und diese mutierten Viren infizieren dann die nächste Person.“

Wieso sinkt Inzidenz?

Aber wieso sinken vielerorts die Fallzahlen (7-Tages-Inzidenzen), wenn sich Varianten ausbreiten, die mehr Infektionen verursachen? „Inzidenzen fallen trotz dramatischer Zunahme von B.1.1.7“, schreibt der deutsche Epidemiologe Klaus Stöhr auf Twitter. Er war Leiter des Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator der WHO. „In Irland war die Zunahme der Fälle nicht auf B.1.1.7 zurückzuführen. Die dramatische Zunahme der Variante hatte erst eingesetzt, als sich das Geschehen bereits kurz vor dem Peak befunden hatte.“

Anders die deutsche Virologin Melanie Brinkmann: Die Mutationen „werden uns überrennen, das Virus hat einen Raketenantrieb bekommen“, sagt sie dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

„Man kennt aus Pandemien das Auftreten von Welllenbewegungen, die wir nicht immer genau erklären können“, schildert Nicolodi. So könnten noch die Infektionen mit der alten Variante stärker sinken als jene mit den neuen steigen. „Oder die vielen Berichte haben unabhängig von den Vorschriften zu einem vorsichtigeren Verhalten in der Bevölkerung geführt, das sich positiv auswirkt.“

Warum man Mutationen keinen Raum geben darf, zeigen Befunde aus Bristol und Liverpool: Dort wurde eine veränderte Form der britischen Variante B.1.1.7 entdeckt – mit einer zusätzlichen Mutation, die auch von der südafrikanischen und brasilianischen Variante bekannt ist (E484K) – und für die verminderte Wirksamkeit von Impfungen (mit)verantwortlich sein dürfte.

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