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Wissen Gesundheit
07/19/2021

Delta: Fünf schlechte und drei gute Nachrichten

Wurde die Variante bisher unterschätzt? Neue Erkentnnisse rund um Delta.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die Delta-Variante ist mittlerweile in zahlreichen Ländern die vorherrschende Variante und sorgt für steigende Fallzahlen. In Österreich hat sie die Alpha-Variante bereits seit einigen Wochen abgelöst: Laut Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein gehen bereits 90 Prozent der Neuinfektionen auf die ansteckendere Delta-Variante zurück.

Es ist daher auch auf die Mutation zurückzuführen, dass in Österreich wieder ein Anstieg bei den Infektionszahlen zu verzeichnen ist. Der KURIER gibt einen Überblick über neue Erkenntnisse zur Delta-Variante.

Schlechte Nachrichten

1. Deutlich ansteckender

Gut belegt ist, dass die Delta-Variante um ein Vielfaches ansteckender ist als die Ursprungsvariante. Eine Person steckt im Schnitt sechs bis sieben weitere an. Zum Vergleich: Bei der Alpha-Variante sind es durchschnittlich drei bis fünf Kontakte, die infiziert werden. Mehrere Studien zeigen, dass die Delta-Variante um 50 bis 60 Prozent infektiöser ist als der Wildtyp. Sie wird schneller übertragen – schon wenige Sekunden reichen für eine Ansteckung aus, wenn man einer infizierten Person begegnet. Ein flüchtiger Kontakt im Vorbeigehen kann also bereits eine Ansteckung zur Folge haben, sofern keine Schutzmaßnahmen, wie etwa das Tragen einer FFP2-Maske, ergriffen werden.

2. Höhere Viruslast

Eine mögliche Ursache für die stärkere Übertragung der Delta-Variante ist eine höhere Viruslast. Die Viren vermehren sich nach der Ansteckung schneller in Nasen und Rachen als dies beim Wildtyp der Fall war. Diese höhere Viruslast konnte aktuell ein chinesisches Forschungsteam beziffern: Die Delta-Variante hat eine 1000 Mal höhere Virenlast als bisher bekannte Varianten – und zwar schon dann, wenn sie das erste Mal erkannt wird. Das heißt, bereits beim ersten positiven Test ist eine hohe Virenmenge vorhanden. Das führe dazu, dass das Virus schneller weitergeben werden kann, eher eine Infektion auslöst und das auch in kürzerer Zeit (kürzere Inkubationszeit). Die höhere Viruslast kann Einfluss auf den Krankheitsverlauf und die -schwere haben.

3. Verläufe auch bei Delta schwer

Als die Delta-Variante aufkam, zeichnete sich etwa in Großbritannien eine Abnahme von Hospitalisierungen und Todesfällen ab. Von einigen wurde daher der Schluss gezogen, die Delta-Variante sei milder als die Ursprungsvariante. Dies scheint allerdings nicht richtig zu sein, worauf etwa der Wiener Molekularbiologie Martin Moder hinweist. Gestützt auf ein Pre-Print aus Kanada, schrieb er auf Twitter: „Es mehren sich die Hinweise, dass Delta bei Ungeimpften häufiger zu schweren Verläufen führt.“ Eine Studie, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, deutet darauf hin. Der Impffortschritt dürfte diesen Eindruck verzerren. Zum einen verhindern die Impfungen Infektionen, zum anderen vermindern sie schwere Verläufe. Es ist also nicht die Delta-Variante, die Spitalsaufenthalte reduziert, sondern der Impffortschritt. Das zeigt ein Blick auf die Infizierten: In den USA sind bereits 99 Prozent der Covid-Spitalsaufenthalte Personen, die nicht geimpft sind. Und auch nahezu alle Todesfälle betreffen Ungeimpfte (mehr dazu hier...). Britische Daten weisen darauf hin, dass die Delta-Variante das Risiko für einen Spitalsaufenthalt bei Ungeimpften verdoppelt.

4. Frühere Weitergabe

Ein aktueller Fall aus Australien zeigt, dass nicht nur die Ansteckung schneller geht, sondern die Weitergabe des Virus auch bereits früher möglich ist. So konnte ein Fall in einem Pub in Melbourne nachgewiesen werden, bei dem zwischen der eigenen Infektion und der Weitergabe an eine weitere Kontaktperson nur 30 Stunden vergangen sind. „Das ist wahrscheinlich die schnellste Übertragung, die jemals während der Pandemie offiziell dokumentiert wurde. Und ja, es ist die Delta-Variante“, twitterte etwa der Epidemiologe Eric Feigl-Ding. Diese Erkenntnis stellt etwa die Gültigkeit von PCR-Tests für 72 Stunden in Frage, da es auch möglich ist, sich innerhalb dieses Zeitfensters zu infizieren und das Virus weiterzugeben.

5. Herdenimmunität schwieriger zu erreichen

Jede Veränderung des Virus hat Einfluss auf eine mögliche Herdenimmunität. Die Delta-Variante erhöhte den notwendigen Prozentsatz jener, die geimpft sein müssten, um jene, bei denen eine Impfung nicht möglich ist, etwa Kinder, zu schützen. Zu Beginn der Pandemie schätzte der deutsche Virologe Christian Drosten die Zahl für eine Eindämmung des Virus auf rund 70 Prozent. Mittlerweile liegt das Impfziel laut dem deutschen Immunologen Carsten Watzl bei 85 Prozent. So hoch müsste der Anteil immuner Menschen in der Bevölkerung sein, um die Ungeimpften indirekt vor einer Infektion schützen zu können. Maßgeblich dazu beigetragen hat die Delta-Variante, da sie sich deutlich rascher ausbreitet. „Unsicher ist, wie hoch diese Zahl jetzt wirklich sein soll, aber unterm Strich bleibt, dass man immer mehr Menschen impfen muss und in einen Bereich kommt, wo das derzeit aufgrund fehlender Impfungen für Kinder unter zwölf Jahren gar nicht möglich ist“, sagt etwa die Epidemiologin Eva Schernhammer von der MedUni Wien. Herdenimmunität sei möglicherweise gar nicht mehr das Ziel, vielmehr sollten möglichst Viele geimpft werden, andere werden durch eine Erkrankung Immunität erlangen. „Diese Mischung aus Geimpften und dann selbst Erkrankten, wird hoffentlich dazu führen, dass sich eher Personen anstecken, die ein relativ geringes Risiko für eine schwere Erkrankung haben“, so Schernhammer (mehr dazu hier...).

 

"Gute" Nachrichten

1. Impfung schützt

Bisherige Daten belegen, dass die zugelassenen Covid-Impfungen auch vor der Delta-Variante schützen. Einigkeit besteht allerdings darüber, dass es zwei Impfungen, also eine Vollimmunisierung, dazu braucht. So zeigen Daten des israelischen Gesundheitsministeriums, das der Impfstoff von Biontech/Pfizer im Juni nur zu 64 Prozent wirksam war, um eine Infektion zu verhindern. Im Mai, als die Delta-Variante weniger verbreitet war, erreichte der Impfstoff noch eine Wirksamkeit von 94 Prozent. Dennoch sei der Schutz vor schweren Verläufen und vor Todesfällen auch bei Delta nach wie vor hoch (93% im Juni, 98% im Mai). Zahlen aus Großbritannien entsprechen diesen Werten in etwa. Das heißt: Die Delta-Variante wird zwar auch unter Geimpften weiterverbreitet, schwere Verläufe sind bei ihnen aber seltener.

Ursache dafür, dass eine Impfdosis nicht ausreicht, ist, dass die Delta-Variante über sogenannte Immunfluchtmutationen verfügt – sie kann den nur durch eine einzelne Dosis erzeugten Antikörpern entkommen. Eine zweite Dosis verhindert das eher. Die österreichische Virologin Monika Redlberger-Fritz sprach sich in einem KURIER-Interview jedenfalls dafür aus, dass auch Geimpfte nicht sorglos werden: „Wenn wir auf Nummer sicher gehen wollen und die Ausbreitung von Delta hintanhalten wollen, müssen wir vorsichtiger sein und dürfen uns nicht nur auf die Impfungen alleine verlassen. Vor allem viele Jugendliche sind noch ungeschützt.“

2. Geringere Übertragung bei Geimpften

Bisherige Daten zeigen, dass Geimpfte die Delta-Variante weniger übertragen als Ungeimpfte. Das spricht für die Impfung und zeigt, dass sie auch Einfluss auf die Infektiosität hat. Das belegt eine aktuelle israelische Studie unter Haushaltsmitgliedern: Untersucht wurden die Kontakte und Infektionen bestätigter Covid-Fälle im gemeinsamen Haushalt. Unter geimpften Haushaltsbewohnern infizierten sich 7,5 Prozent verglichen zu 37,5 Prozent bei ungeimpften Mitgliedern desselben Haushalts. Diese Studie fand allerdings zu einem Zeitpunkt statt, als die Alpha-Variante dominant war. Die australische Epidemiologin Zoe Hyde schrieb dazu auf Twitter: „Es ist wahrscheinlich, dass die Wirksamkeit des Pfizer-BNT-Impfstoffs gegen die Übertragung für die Delta-Variante etwas geringer ist.“ Der Schutz mit Impfung sei relativ hoch, aber nicht perfekt.

3. Andere Symptome

Im Vergleich zu anderen Varianten zeigt sich die Delta-Variante mit leicht abgeänderten Symptomen. Am häufigsten sind laut einer britischen Erhebung vom King’s College London mit vier Millionen Nutzern weltweit Kopfschmerzen, eine laufende Nase und eine raue Kehle. Auch Fieber und Husten zählen nach wie vor zu den häufigeren Symptomen. Der sehr bekannte Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, der bisher als typisches Covid-Symptom galt, sei jedoch weniger häufig – er schaffte es in der Erhebung nicht unter die zehn häufigsten Symptome. Die Symptome ähneln mehr einer starken Erkältung, was allerdings wiederum dazu führen kann, dass sie nicht gleich auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 zurückgeführt werden.

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