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Wissen Gesundheit
09/07/2020

Schnupfenkinder in Corona-Zeiten: Was solche Infekte heuer bedeuten

Eine Ansteckung bei Kindern zu erkennen ist ohne PCR-Test nicht möglich. Wie Eltern, Ärzte und Lehrer mit dem Risiko umgehen lernen müssen.

von Daniela Davidovits, Susanne Mauthner-Weber, Ernst Mauritz

Sie hatten Schnupfen, Fieber, Husten oder Halsschmerzen – zeigten also die offiziellen Kriterien für einen SARS-CoV-2-Verdachtsfall: Mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche mit derartigen Beschwerden wurden in den vergangenen Monaten an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz auf das neuartige Coronavirus getestet.

Das Ergebnis: "Ganz grob kann man sagen: Eine von 100 Proben ist positiv. Die allermeisten unserer jungen Patienten hatten also andere Atemwegsinfekte", berichtet Volker Strenger, Kinderarzt an der Klinik und Leiter der Arbeitsgruppe "Infektiologe" der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Experte Strenger betont auch, dass ein Kind mit einem isolierten Schnupfen – ohne weitere Symptome – nicht als Corona-Verdachtsfall einzustufen sei. Wenig bekannt sei außerdem, dass auch Durchfall und Erbrechen bei kleineren Kindern Anzeichen einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 sein können. Hingegen seien Geruchs- und Geschmacksstörungen noch nicht verlässlich als Corona-Symptome bei Kindern beschrieben. Britische Forscher postulieren angesichts neuester Erkenntnisse sogar, dass Magenbeschwerden bei Kindern zuverlässiger auf eine Ansteckung hindeuten als Husten.

Keine Superspreader

Laut dem Kinderarzt gebe es bis jetzt keine wissenschaftlichen Nachweise dafür, dass Schulen für die Ausbreitung des Coronavirus eine wesentliche Rolle spielen. "Die bisherigen Studiendaten zeigen: Kinder stecken sich nur selten untereinander an – und sie infizieren nur selten Lehrer. Häufiger wurde in den Studien beobachtet, dass Lehrer das Virus auf andere Lehrer übertragen – und auch auf Kinder."

Das sei in einer traditionell ablaufenden Unterrichtsstunde nachvollziehbar: "Ein Lehrer, der vorne in der Klasse steht und laut spricht, ist eher eine Quelle für eine Tröpfcheninfektion als ein Kind, das in der Bank sitzt und zuhört." Das sei aber nicht als Schuldzuweisung zu verstehen: "Durch einen Abstand von rund zwei Metern zur ersten Sitzreihe kann man das Infektionsrisiko deutlich senken – und man sollte es auch nicht überbewerten."

Deshalb hält Strenger auch keine generelle Maskenpflicht für Lehrpersonen für notwendig – sofern der Abstand gewahrt bleibt: "Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer durch die Sitzreihen geht und sich über die Kinder beugt, um ihnen etwas zu erklären, kann die Maske angebracht sein. Ich würde es immer von der jeweiligen Situation abhängig machen."

Außerhalb der Klassenzimmer sei – auch bei grüner Corona-Ampel – dort das Tragen von Mund-Nasen-Schutz sinnvoll, wo der Mindestabstand von einem Meter nicht eingehalten werden könne, etwa am Gang oder möglicherweise beim im Gedränge beim Schulbuffet. Auch auf das regelmäßige Lüften dürfe im Herbst und Winter nicht vergessen werden.

Schwierige Diagnose

"Ich mache mir eigentlich wegen der Schulöffnung keine Sorgen", sagt Strenger, "schwieriger wird die Situation mit den vielen anderen Atemwegsinfekten." In Deutschland wurden Empfehlungen für den Krankheitsfall formuliert, etwa dass bei Fieber über 38,5 ein Arzt konsultiert werden sollte oder dass Kinder nach erhöhter Temperatur und Husten 48 Stunden symptomfrei sein sollten, bevor sie in die Schule kommen. Hierzulande seien ihr keine solchen Orientierungshilfen bekannt, sagt Gudrun Weber, Schulärzte-Referentin der Wiener Ärztekammer. Sie warnt aber vor Hysterie bei Eltern wie Lehrern.

Auch Kinderärztin Lila Seidl-Mlczoch vom AKH und der Praxis Schumanngasse beruhigt: "Kinder sind in der Hochblüte ihrer Immunabwehr. Eltern haben meist ein gutes Gespür, ob Kinder krank sind. Aber eine Unterscheidung zwischen den üblichen Krankheiten und SARS-CoV-2 ist für sie nicht möglich. Sogar wir können nur mit einem Test sicher sein. Und wir hatten Covid-positive Kinder ohne Symptome."

Die Kinderärzte-Gesellschaft tritt zusätzlich zur Hotline 1450 für eine kinderspezifische Hotline und gut erreichbare Teststraßen ein, die rasch ein Ergebnis liefern. Strenger: "Sonst droht ein Chaos in den Ordinationen und an den Kinderkliniken."

Lungenrasseln, Kurzatmigkeit, trockener Husten – Ärzte haben längst typische Symptome für eine Covid-19-Erkrankung definiert. Schon bald könnte Künstliche Intelligenz (KI) behilflich sein, der schwierigen Diagnose "Harmlose Erkältung oder doch gefährliche Corona-Infektion?" einen Schritt näher zu kommen: Deutsche Forscher arbeiten an einer App, die genau das aus Unregelmäßigkeiten in Atmung und Sprache heraushören kann.

Wie das funktionieren soll? Wenn wir eine  uns bekannte Person die Stiege hinauf steigen hören, erkennen wir am Geräusch, wer da kommt. Wie ein menschliches Gehirn lernt auch die Software, Mutationen anhand akustischer Signale zu erfassen. Wobei die KI aber mit einer großen Anzahl von Audioproben gefüttert werden muss – von Leuten, die positiv auf Corona getestet wurden sowie solchen, mit einem negativen Befund. Die Software identifiziert anschließend selbstständig typische Symptome, die auf eine Infektion schließen lassen. Nicht weniger als 4.000 Merkmale soll das Programm der Firma Audeering in Gilching bei München erkennen können. Entdeckt die KI Unregelmäßigkeiten, kommt erst die  Warnung und dann die Aufforderung zum Arzt zu gehen.

Ein ähnliches Corona-Projekt der Universität Cambridge zeigt das Potenzial des Ansatzes: Bei 17.000 Tonaufnahmen lag die Software in 80 Prozent der Fälle richtig.

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