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© Kurier / Franz Gruber

Wissen Gesundheit
07/13/2021

Maßnahmen: Was passiert, wenn Corona wieder aufflammt?

Noch steigen die Zahlen nur leicht. Eine Explosion muss früh verhindert werden, sagen Experten.

von Josef Gebhard, Elisabeth Hofer, Ernst Mauritz, Ingrid Teufl

Es kommt wie erwartet: Ein Anstieg der Infektionszahlen wie jüngst in Südeuropa oder den Niederlanden „wird auch bei uns stattfinden“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz in New York. Aber die Impfung sei jetzt ein Gamechanger. Aber können wir uns ausschließlich auf die Impfungen verlassen? Was Experten sagen.

Ist eine neuerliche Überlastung der Intensivstationen möglich?

„Es ist bei Weitem nicht mehr so wahrscheinlich, dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt“, sagt Komplexitätsforscher Stefan Thurner (Complexity Science Hub und MedUni Wien). „Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht null.“ Ähnlich Epidemiologe Gerald Gartlehner, Donau-Uni Krems: „Wir sehen aus anderen Ländern, dass die Infektionszahlen wegen der Delta-Variante wieder dramatisch ansteigen. Wir müssen extrem aufpassen, dass wir nicht in eine Lage wie etwa in den Niederlanden kommen, wo sich die Infektionszahlen innerhalb einer Woche versiebenfacht haben.“ Die Reproduktionszahl liegt bereits wieder über eins.

Aber Spitalsaufnahmen steigen z. B. in England weniger stark?

„Die Hospitalisierungen steigen immer erst zeitverzögert“, betont Thurner: „Mittlerweile steigen sie aber auch in England stärker an. “ Mit einer gewissen Sorge beobachtet der Wiener Statistiker Erich Neuwirth die Situation. „Bei der Inzidenz sind wir in einer ähnlichen Situation wie im Vorjahr zur selben Zeit, wenn auch auf einem etwas höheren Niveau.“ Ungefähr gleich wie im Vorjahr ist mit rund 60 die Zahl der Covid-Patienten auf den Normalstationen. „Was mich aber extrem überrascht hat: Die Zahl der Intensivpatienten ist heute sogar höher“, sagt der Experte. Nämlich rund 40, während es Mitte Juli 2020 rund 15 waren. „Das zeigt: Es stimmt einfach nicht, dass die Pandemie schon vorbei ist.“

Was also ist jetzt zu tun?

„Wir müssen jetzt darüber diskutieren, was passiert, wenn die Zahlen wieder stark steigen und Infektionsherde aufflammen. Wir brauchen einen Sicherheitspuffer“, betont Thurner. Sollte die Durchimpfungsrate bei zirka 60 Prozent stagnieren, „wird die Gefahr für große Ausbrüche bleiben. Um zu einer Durchimpfungsrate von 80 Prozent zu kommen, bräuchte es noch viel mehr Anstrengungen. Und man muss sich auch bewusst machen, dass die Impfung alleine keinen hundertprozentigen Schutz bietet.“

Kanzler Kurz hat zuletzt betont, dass der Staat jetzt wieder mehr auf die Eigenverantwortung setze.

„Ich glaube, wir sind noch nicht so weit, dass sich der Staat zurückziehen kann und die Bevölkerung in die Eigenverantwortung entlässt“, sagt Gartlehner. „Dafür ist es noch zu früh, weil erst etwa 40 Prozent vollimmunisiert sind.“ Und die Gesellschaft habe eine Verantwortung, auch jene zu schützen, „die aus verschiedenen Gründen anfällig sind, nicht geimpft werden können oder keine Antikörper ausbilden.“

Sich impfen zu lassen oder nicht, das falle in die Eigenverantwortung des einzelnen. "Die Voraussetzung dafür ist aber, dass man für die Entscheidung gute Informationen dafür und dagegen bieten muss. Gesundheitsinformationen müssen Vorteile und Nutzen als auch Risiko nennen."

Bleibt es bei einer weiteren Lockerung der Maskenpflicht?

„Der 22. Juli ist als Termin derzeit fix“, heißt es im Gesundheitsministerium. Man halte sich aber an die Empfehlung von Experten, dass ab einer 7-Tages-Inzidenz von 25 wieder an Maßnahmen gedacht werden sollte – diese können aber auch nur lokal begrenzt sein. „Im Vergleich zu den großen Festivals sind Masken in Geschäften oder nicht nicht das große Problem“, sagt Gartlehner. Die 3-G-Regel müsse konsequent umgesetzt werden: Wohnzimmertests sind nicht geeignet.

Wieso müssen auch Kinder getestet werden? Bei der Grippe tut man das doch auch nicht?

„An der Grippe erkranken jährlich fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen und 10 bis 20 Prozent der Kinder – in der Regel sind wir an der unteren Grenze dieser Bandbreite, sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz. Viele Kinder sind durch Grippe-Erkrankungen in den Vorjahren immun. „Bei Covid-19 können hingegen fast alle Kinder noch erkranken – bisher haben wahrscheinlich erst zirka 10, maximal 20 Prozent eine Coronavirus-Infektion durchgemacht. 80 Prozent der Kinder können sich infizieren und auch eine Infektion weitergeben, deutlich mehr als bei der Influenza.“

Israel hat mit einer dritten Impfrunde für Risikopatienten begonnen. Und Österreich?

„Es geht nicht um alle Risikopatienten, sondern um Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Und für die ist eine dritte Impfung auch in Österreich schon möglich“, heißt es im Gesundheitsministerium. Das seien aber nicht Risikopatienten generell: „Es geht etwa um Transplantierte oder Menschen mit bestimmten Krebserkrankungen und -therapien.“ Diesen wird nach der zweiten Impfung ein spezieller Test (Neutralisationstest) empfohlen: „Sind keine neutralisierenden Antikörper nachweisbar, wird frühestens vier Wochen nach der 2. eine 3. Impfung empfohlen. Was alle anderen betrifft: Österreich geht ebenso wie US-Experte Anthony Fauci davon aus, dass eine generelle 3. Impfung derzeit noch nicht notwendig ist.

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